"Wann ist die Scheiße endlich vorbei?" - das fragt einer der semi-depperten Vergewaltiger in Steven R. Monroes Remake von "I spit on your grave", als das Opfer Jennifer Hills ihren Fängen kurz vor dem finalen Fangschuß entkommen ist.
Ganz so schlimm wie dieser Satz klingt, ist der fertige Film dann doch nicht geworden, allerdings beinhaltet er das wesentliche Dilemma des modernen Rape'n Revenge-Untergenres, sofern man seine sieben reaktionären Sinne einigermaßen unter Kontrolle hat.
Bekannt und (in kleinen Teilen) beliebt ist dieses Genre vor allem wegen seiner grenzenlosen Vorhersagbarkeit: die meist weibliche Protagonistin fällt der männlichen Gewalttätigkeit und dem pervertierten Sexualtrieb zum Opfer, wird ausgiebig gequält und geschändet und kehrt dann später zurück, um blutige Rache zu nehmen.
Heißt für den Zuschauer: man gerät mit seinem gesunden Moralempfinden erstmal derbst unter unerträglichen Druck, bei etwas zuschauen zu müssen, was einem zuwider ist, um dann als eine Art pervertierter Erlösung zuschauen zu dürfen, wie den Bösen weitaus Schlimmeres widerfährt. Die Erlösung basiert jedoch mehr auf dem Prinzip "Macht kaputt, was euch kaputt macht!" und trägt kaum mal einen Schimmer der Hoffnung in sich, mehr ein ebenso gefühlskaltes Racheverhalten, das ideologisch außerordentlich diskutabel ist.
Das Original dieses Films brach trotz (oder gerade wegen) seiner Simplizität und seiner eher amateurhaften Umsetzung rohes Neuland für den Film auf, insofern ist es berechtigt zu fragen, ob man eine Neuverfilmung mit modernen Mitteln denn nun wirklich nötig hat, wenn man eh schon weiß, daß das Spekulative an diesem Plot nur zum reißerischen Geldverdienen gebraucht wird.
Persönlich bin ich kein besonderer Freund dieses Genres, das in diesem Fall noch stärker ins Untergenre des "Torture Porn" a la "Hostel" oder "Saw" abgleitet und das Glattbügeln des kantigen Themas mittels moderner filmischer Erzählmittel macht die Sache auch nicht gelackter.
So ist die 2010er-Variante ein relativ kompetenter, solide gedrehter, aber nichts desto trotz extrem mechanischer Film geworden, der sich maximal aufgrund der Leistungen aller Beteiligten aufdrängt, da der Cast spielt, als ginge es ums eigene Leben. Allen voran natürlich das Vergewaltigungsopfer, dargestellt von Sarah Butler, die so einiges über sich ergehen lassen muß in den ersten 50 Minuten, von der Bedrohung zum Opfer, um dann im Falle vermeintlicher Rettung erst recht den Vergewaltigern in die Falle zu gehen.
Heutzutage erlauben die Sehgewohnheiten den Autoren mehr Freiheiten in der Darstellung von Folter, Mißhandlung und Gewalt, insofern kann man das Martyrium von Jennifer Hills gründlich breittreten, die als Mieterin einer einsamen Waldhütte das Opfer von fünf Männern wird, drei relativ jungen (und teilweise kreuzdoofen und damit sexuell unterentwickelten) Landeiern, einem Minderbemittelten und dem lokalen Sheriff, den man wenigstens mit einem Hauch bösartiger Komplexität umgibt, da er nebenbei auch noch treusorgender Familienvater mit wieder schwangerer Frau ist, der kurz vor dem sexuellen Übergriff erstmal mit der lieber Tochter telefoniert.
Etwas ambivalenter wird nur mit dem gestörten Matthew umgegangen, der in der frühen Phase der Bedrohung als Resonanzkörper für das Publikum herhalten muß, weil er wie die Zuschauer auf die Zurschaustellung von Grausamkeiten reagiert.
Dennoch funktioniert der Film nur bedingt, zu wenig Substanz wird in die Figuren investiert, die Abziehbilder von gängigen Filmbösewichten bleiben. Als Gegenstück verwandelt sich die gequälte (und eigentlich vormals eher sanft-zierliche) Jennifer binnen einiger Wochen nach der Tat in einen hochgradig sadistischen und eiskalten Roboter, der mit ausgetüftelten Foltermethoden die Peiniger zu Tode quält - ohne auch nur eine Gefühlsregung zu zeigen (nicht mal Genugtuung).
Mit so einer Figur kann der Zuschauer jedoch kaum Kontakt halten - die Quälerei bedingt schon generell den Fluchtreflex (sofern man nicht selbst moralisch schon deformiert ist), danach will man die Täter leiden sehen, jedoch filtert der Autor die packenste Szene aus dem Einschleichen Jennifers in die Sheriffsfamilie (inclusive der vermutlichen Entführung der Tochter), ohne das in diesem Einschub irgendwelche Grausamkeiten zu sehen wären.
Die laufen vollkommen mechanisch ab, ergötzen sich an gelungenen Perfidität der Konstruktion und passen sich den Vorlieben bzw. Foltermethoden der Einheimischen an. Das ist jedoch so gelackt und aufwändig gelungen, daß man es a), Jennifer nur bedingt zutraut, so etwas zu kreiieren und b) das es stets so wirkt, als wären die Autoren von den Rachemethoden ausgegangen, um später die passenden Quälereien bei der Vergewaltigung dazu zu erfinden.
Obwohl von ungesunder Härte, ist "I spit on your grave" in den seltensten Fällen wirklich explizit, bei Details hält man sich zurück - die nackte Sarah Butler mal ausgenommen. Die muß zwar als Darstellerin einen Höllenjob hinter sich bringen, wird aber von exzessiven Penetrationen im sichtbaren Bereich ausgenommen, da greift man auch heute lieber zum Schwarzbild, um am Rating zu feilen. Was wiederum nicht daran hindert, einem Opfer seinen abgeschnittenen Penis in den Mund zu stopfen, in Großaufnahme Augenlider zu durchbohren oder Zähne zu ziehen - in den Vereinigten Staaten kann man mit der "gesunden Härte" offenbar immer noch leichter zurecht kommen, als mit dem hier im Film groß angekündigten "Arschfick", der dann doch lieber ins Beinahe-Off inszeniert wird.
Immerhin: Monroe inszeniert relativ hart am Original, orientiert sich visuell sogar daran und begeht nicht den Fehler von Dennis Iliadis, der im Jahr zuvor das "Last House"-Remake inszenierte, die Geschichte und ihre Motivationen umzukrempeln und zu verwässern und so halbgar umzudeuten und zu rechtfertigen. Gewalt und eiskalte Gegengewalt, das ist hier der einzige Fixpunkt der Handlung, nur fehlt im Gegensatz zu Iliadis Film hier die komplette emotionale Verbindung zum Opfer, abgesehen von ihrem Schicksal.
Die Folge: "I spit on your Grave" ist so vorhersehbar wie langweilig und kann, unter Umständen, den Eingangssatz dieses Reviews provozieren. Man quält sich durch die exzessive Gewalt gegen Frauen und wartet dann schon halb genervt auf das Niederknüppeln, weil es eben so kommen muß.
Das Beklemmende, das Getriebene, der Druck, all das geht im Verlaufe des Films langsam verloren, nur die Fans von Rachephantasien werden an diesem aufwändigen Gemeuchel dann doch ihre Freude haben. (5/10)