In den 2000ern war der Ostblock der primäre Drehort für Steven Seagal, gegen Ende der Dekade orientierten sich seine Produktionen wieder mehr in Richtung USA, doch nach „Driven to Kill“, „The Keeper“ und „A Dangerous Man“ kehrte mit „Born to Raise Hell“ noch einmal in die früheren Sowjetländer zurück.
Natürlich regiert dort wieder das kriminelle Milieu, das genregerecht in irgendwelchen Strippschuppen haust, weshalb der Vorspann primär mit entsprechenden Szenen zur Fleischbeschau untermalt ist. Aus einem Strippschuppen scheint auch der Großteil der weiblichen Belegschaft gecastet zu sein, denn die ist durchweg jung, schauspielerisch nicht sonderlich begabt und zeigewillig, wobei letzteres für Seagal, der auch gleich das Drehbuch schrieb, wohl ausschlaggebend war. Weniger Lust schien er auf andere Dinge bei dem Film zu haben, weshalb er auch im O-Ton an vielen Stellen nachsynchronisiert wird – unter anderem beim kompletten Voice-Over, das den Film phasenweise begleitet. Der große Schönheitsfehler dabei: Der Synchronsprecher klingt null nach Seagal, auch wenn er dessen Sprachduktus zu imitieren weiß.
Hauptfigur ist Robert ‘Bobby‘ Samuels (Steven Seagal), der eine internationale Spezialeinheit in Rumänien leitet, die in irgendeinem abgeranzten Revier ihren Dienst tun muss. Der große Player im lokalen Drogengeschäft ist der Russenmafioso Dimitri (Dan Badarau). Der ist alte Schule: Hart, gnadenlos, aber mit Prinzipien. Im Gegensatz zu seinem wichtigsten Geschäftspartner Costel (Darren Shahlavi), der Minderwertigkeitskomplexe damit kompensiert, dass er wohlhabende Paare überfällt, die Frau vergewaltigt und beide dann umbringt. Das macht Costel zwar zu einem hassenswerten Schurken, gibt „Born to Raise Hell“ aber einen bisweilen unangenehm sadistischen Beigeschmack.
Diese widerlichen Nebentätigkeiten erregen allerdings die Aufmerksamkeit von Bobbys Einheit, die fieberhaft nach den Tätern sucht. Schnell kommen sie darauf, dass die Schuldigen mit Dimitri assoziiert sind, weshalb sie dem Oberboss auf die Füße treten, was dieser wiederum nicht gern sieht…
Sonderlich viel Mühe hat sich Seagal mit dieser 08/15-Geschichte nicht gegeben, die sich äußerst träge daherschleppt und den Helden bisweilen für längere Zeit pausieren lässt, wenn sich die Gangster untereinander in die Haare kriegen. Das garantiert ein paar Leichen und Grausamkeiten mehr, sorgt für eine (erwartbare) Allianz auf der Zielgeraden des Films, bremst den unoriginellen Plot aber nur noch weiter aus. Was mit Bobbys neuem Partner passiert, der erzählt, dass er werdender Familienvater ist, folgt natürlich ältesten Plotklischees, während diverse Szenen und Subplots einfach nur als Füllmaterial eingeworfen werden: Die beiden Stripperinnen, die Geld und Drogen für Costel schmuggeln, Bobbys Beziehung zu seiner noch nicht mal halb so alten Freundin (auch wenn der Altersunterschied nicht mehr ganz so fies ist wie in „A Dangerous Man“) usw. Plus diverse unmotivierte Fleischbeschau-Passagen, die in jener Sexszene gipfeln, in der Bobby angezogen rumsitzt, während sein halbnacktes Liebchen auf seinem Schoss rumdoktert.
Dafür dass Bobby eine Spezialeinheit leitet und seine Untergebenen wegen Unprofessionalität zur Minna macht, wenn sie einen Raum nicht richtig durchsuchen, verhalten sich er und seine Jungs dann bisweilen himmelschreiend doof. Da wird beispielsweise der dümmste Spitzel aller Zeiten angeheuert, der sich bei einer Undercoveraktion mit Dimitri dermaßen auffällig verhält, dass die Task Force auffliegt. Danach erhält der Spitzel allerdings keinen Polizeischutz, sondern darf allein seiner Wege ziehen, wonach er – oh Wunder – prompt von Dimitris Mannen zu Hause aufgesucht und abgeknallt wird. Derlei Klöpse finden sich mehrfach im Film, kommen aber immerhin auf allen Seiten vor (man beachte die Inkompetenz von Dimitris Bodyguards), was die angestrebte Geschichte vom Duell der toughen Spezialeinheit und der gewieften Kriminellen doch eher untergräbt.
Die Action ist einigermaßen gut über den Film verteilt, aber selten wirklich ausgiebig. Meist werden die Schurken schnell verdroschen oder über den Haufen geknallt – letzteres immerhin teilweise mit dicken Einschusslöchern. An den präzisen Handbewegungen sieht man immer noch den Kampfsportler im mal wieder übergewichtigen Seagal, einige Hebel und Würfe in den Fights schnieke, ohne dass die Choreographie das Niveau von Glanztagen erreichen würde. Und dann ist da noch der Endfight, der einer mittleren Enttäuschung gleichkommt: Darren Shahlavi, der im gleichen Jahr in „Ip Man 2“ die volle Breite seines Könnens zeigte, wird im Duell mit Seagal schwer an die Leine genommen, darf seine Kickerfähigkeiten nur ansatzweise zeigen und darf keinen einzigen Treffer landen. Hauptproblem an der Action ist die Inszenierung durch den vor allem als Stuntman tätigen Lauro Chartrand, der mit „Born to Raise Hell“ sein Regiedebüt gab: Es sieht aus, als habe Chartrand die einschlägigen Vorbilder wie Michael Bay, Tony Scott und Zack Snyder studiert, aber nicht verstanden, weshalb er deren Stilmittel wahllos in die Actionszenen klatscht. Der Einsatz von Zeitraffer, Freeze Frames und Zeitlupe wirkt willkürlich, sorgt nicht für Dynamik, sondern eher für Übersichtsverlust.
Steven Seagal hatte zwar nicht immer Lust vernünftige Takes abzuliefern, so wird er beispielsweise in der kompletten Sequenz nachsynchronisiert, in der mit seiner Freundin essen geht und ein paar Goons angesickt wird, mit denen er dann den Boden aufwischen muss. Die häufige Zusammenarbeit mit Rappern scheint auch ihre Spuren hinterlassen zu haben, weil er alle naselang irgendwelche Leute als „Boy“ oder „Bitch“ bezeichnet. Immerhin langt er in den Kampfszenen selbst zu und zieht seine gewohnte Nummer als No-Nonsense-Kampfsau solide ab – das kann man ja nicht von allen seiner Ostblockfilme sagen. Der Rest der Belegschaft ist fast komplett egal, bis auf Darren Shahlavi, der als Fiesling durchaus Charisma hat, auch wenn er als Martial Artist sträflich unterfordert ist, und Dan Baradau, der den Old-School-Gangster recht brauchbar gibt.
Man kann sich bei „Born to Raise Hell“ über die kleinen Dinge freuen: Der Film spielt tatsächlich da, wo er gedreht wurde, Seagal wird zumindest in den Actionszenen nicht gedoublet und die Härte in den Fights und Shoot-Outs ist nicht ohne. Das gleicht allerdings kaum aus, dass die Geschichte klischeehaft, altbacken und lustlos erzählt ist, dass der Film mit peinlichen Füllszenen und einem noch peinlicheren Frauenbild daherkommt und dass die Actionszenen schnell vorbei sind. Von Seagals Unlust, die man an der häufigen Nachsychroniererei merkt, ganz zu schweigen.