Review

Mittelalte Männer beim Strippen, angefaltete Damen vom Land, die vor der Kamera blank ziehen, Häftlinge mit grünem Daumen - das Publikum mag sie einfach, die kleinen, ach so natürlichen Randgruppen, die eigentlich niemals im Leben wirklich auffällig werden und dann im Film genau das tun, was man ihnen niemals zugetraut hätte, aus Gründen der Selbstüberwindung oder für einen guten Zweck. Damit stellen wir uns selbst auf die Probe, ob wir als Publikum das Gleiche getan hätten und diese Mischung aus wilder Überraschung, stiller Begeisterung und leichten Fremdschämens macht den Spaß an diesen Filmen aus: der Underdog, der Beinahe-Outcast, der etwas schafft, was sonst niemand macht.

Variationen dieser Geschichte gibt es reichlich, insofern sollte es nicht überraschen, wenn der schwedische Film "Männer im Wasser" auf genau die gleiche Pointe hinaus will, diesmal trifft es eine Gruppe von Midlife Crisis geplagten Männern, die nicht mehr Hockey spielen können und aufgrund der treibenden Kraft ihres Gruppenleiters mit dem Synchronschwimmen anfangen.
Eine ausreichende Basis für vorausberechenbares Filmvergnügen, sollte man meinen, doch leider zerfällt dieser Film des Regisseurs Mans Herngren in zwei dramaturgische Hälften, die sich über die ganze überschaubare Spiellänge nicht so recht miteinander verbinden wollen.

Die erste halbe Stunde gehört nämlich ganz dem Drama der Lebenskrise, wie sie doch so manchen geschiedenen Mann mit Kind und ohne Arbeit, geschweige denn erreichbare Ziele im Leben jenseits der 40, überfällt. Fredrik war mal ein halbwegs brauchbares Hockeytalent (allerdings Feldhockey in einem Land von Eishockeyspielern), doch jetzt hat er bockig seinen Journalistenjob gekündigt, knappst am Existenzminimum herum und managt eine Gruppe von freundschaftlich mit ihm verbundenen Has-Beens sportlicher Natur. Als seine Exfrau nach England geht, wird ihm die Teenagertochter aufgenötigt, versüßt mit etwas Bezahlung, doch daraus erwachsen noch weitere Konflikte. Abgesehen von der Tatsache, daß ihm, durch einen Junggesellenabschiedsscherz provoziert, die Idee kommt, doch in einer ungewöhnlichen Sportart zu reüssieren: dem Synchronschwimmen der Männer, zufällig auch die Wahlsportart seiner Tochter.

Was dann folgt, ist das Übliche, von der Mannschaftsüberzeugung und -findung, über heterogene Überwindung bis zu den Widrigkeiten der Akzeptanz von Männern in einer Frauendomäne - bis man dann doch nach Berlin zur Weltmeisterschaft fährt.
Alles solides Komödienmaterial, doch die Jokes wirken forciert und abgedroschen, obwohl charmant dargeboten, die gut motivierten Freunde und Kollegen geraten zu nie ganz ausgegorenen Stichwortgebern.
Am schlimmsten aber ist, daß der Fokus zu sehr auf Fredrik liegt, einem zwar sehr realistisch und ambivalent geschilderten typischen Mann, dem es aber an Sympathie des Publikums mangelt.
Fredrik ist kein testosterongesteuerter Rabauke, der im Zuge des Films gen Canossa geht, er ist einfach ein großspuriger, großmäuliger, der Impulskontrolle sehr fernes großes Kind, das nie so ganz erwachsen geworden ist und deswegen praktisch verdient Frau und Kind aus den Augen verloren hat - und auch nach letzteren kein großes Verlangen hegt. Er sitzt im Mustopf, bedauert sich manchmal, ist bisweilen realistisch, doch der notwendige Lernprozess setzt nur sehr sporadisch bei ihm ein .
Rammbockhaft kloppt er sich gegen die Widernisse seiner Umwelt, ohne Raffinesse und Feingefühl, bei durchaus vorhandenem Einfallsreichtum und mit zunehmend frustrierenden Unfertigkeiten, mit seinen Mitmenschen das Nötigste auskommunizieren zu können.

Das verbindet sich nie mit der lustigen Außenseiterstory, vielmehr gehört Fredrik in ein echtes und trübes Drama, doch dafür gewinnt seine Figur zu wenig Tiefe. Das Publikum wird vermutlich keine große Sympathie für ihn empfinden, weil er immer, wenn er einen Schritt geschafft hat, wieder zwei Schritte zurückgeht, was auch daran liegt, daß das stromlinienförmige Skript natürlich Hindernisse braucht, die aber wiederum konstruiert und gewollt wirken, damit die Lauflänge zusammenkommt, die ein abendfüllender Film so braucht.
Wenn ich aber die Hauptfigur per se nicht mag und ihr eher ein Scheitern denn die Selbstüberwindung gönne, funktioniert mein Film nicht, zumindest wenn er positiv oder als Komödie eingefärbt ist. Der notwendige Entwicklungsprozess hängt an der Opfermentalität seiner Kumpels, seiner Frau und seiner Tochter, die stets und ständig dann doch den Wagen aus dem Dreck fahren und wenn er in einer Szene funktionsarm jault, er sei ein Loser (seltsamerweise nachdem er der Tochter das eigene Zimmer hergerichtet hat, um sie dann vor Begutachtung sinnfrei abschieben zu wollen), dann will man ihm zustimmen. Halts Maul und stirb wie ein Mann - die Parole schwebt dauerhaft im Hintergrund.

Was schade ist, denn die Kumpels sind zwar klischeehaft umrissene, aber sympathische Kerls, die jedoch wenig entwickelt als Figuren sind, manche nur grob umrissen, andere dauerhaft unentschieden, wie der Farbige, der scheinbar zwischen Homophobie und unterdrückter Homosexualität zu schwanken scheint, ohne daß sich daraus irgendwas entwickelt.

Wenn man am Ende am Ziel ist, das ausnahmsweise nicht übersteigert wirkt, dann bleibt ein netter Film aus der Outcast-Szene, aber die Hauptfigur kann man wohl kaum als geläutert oder gewachsen bezeichnen, vielmehr muß man fürchten, daß sie bereits auf der Heimfahrt nach Schweden das nächste Ungemach ausbrütet. Und eine Sechzehnjährige, die für diesen Kindskopf so viel Reife und Geduld aufbringt, muß man erstmal glaubhaft machen können.
"Männer im Wasser" ist ein gut gemeinter, aber zu unebener Film, der zweierlei Dinge will, diese aber nur ansatzweise erreicht. Die Lebenskrise schrumpft, individuelle Unreife regiert und der Spaß rettet dann mühsam über die Löcher, Schwellen und Untiefen, mag es auch ein paar wirklich gewinnende Lacher geben.
Herngren mag in seinen Filmen oft die Reifeproblematik mit Komik verbinden, aber das heißt leider noch lange nicht, daß sein Talent dazu auch ausgereift ist. Am Ende muß ich meinen Film, meine Geschichte, meine Charaktere ins Herz schließen können, ihn nahe sein wollen oder sie vergleichend verstehen. Fredrik kann man nur ertragen und kommt binnen kürzester Zeit zu dem Schluß, daß man alles sein will, nur eben so nicht. Für solche Erkenntnisse brauche ich aber keine anderthalb Stunden zu opfern. (5,5/10)

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