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Die Amerikaner machen ja immer gern Witze über die Franzosen oder nehmen sie als typisches schlechtes Europabeispiel für die eigene Weltanschauung, haben aber meistens nichts Besseres zu tun, als beim ersten Aufschlagen in der alten Welt sofort nach Paris zu düsen. So eine paradoxe Beziehung gibt es auch im Bereich des Cineastischen, denn obwohl sonst die Grenzen abgesteckt scheinen (die Franzosen drehen eher charakterorientierte, persönliche, intime Filme; die Amis eher laute und auffällige Werke), geht man von den Staaten aus immer wieder mal auf Raubtour und zockt sich gute Skripts oder Publikumserfolge ab. Dann flüchtet man zurück in God's own country und macht was aus der Beute. Dafür gibt es dann meistens zwei Arten der Zubereitung: entweder man kopiert die Vorlage eins zu eins mit amerikanischen Darstellern oder man rüscht das Ganze sozusagen mit Ketchup auf.

"Dinner für Spinner" geht den letztgenannten Weg und präsentiert das Ergebnis als visualisierte Vorhölle, die zu der Vorlage etwa im Verhältnis steht wie eine Überschlagsachterbahnfahrt zu einem andächtigen Violinenkonzert.
Natürlich muß man eingestehen, daß eine leichte Überarbeitung durchaus wünschenswert, denn die Vorlage ist eben nicht der französische Film von 1998, sondern Francis Vebers Bühnenstück von 1993, das auch heute noch recht gern auf deutschen Bühnen dargeboten wird. Das Stück ist praktisch ein Kammerspiel, das an einem einzigen Abend in einer Wohnung spielt: der gut situierte Angestellte Pierre nimmt nämlich gern an einem grausamen Abendvergnügen statt, bei dem er und seine Kollegen gern seltsame Zeitgenossen mit abstrusen Angewohnheiten einladen, um sich an ihren Spinnereien zu ergötzen. Allein, an diesem Abend, dem vor dem eigentlich Dinner will nichts gelingen, denn Pierre erleidet einen Hexenschuß und der von ihm eingeladene Francois Pignon (Veber benutzt in seinen Stücken und Filmen diesen Namen immer wieder, mehrfach u.a. auch für die Figuren Pierre Richards) ist ein wahrer Krampf im Arsch, ein melancholisch-eifriger Trottel, der immer das Beste will und das Schlimmste anrichtet, wenn er nicht gerade über seine kunstvollen Arbeiten spricht, bei denen er berühmte Bauwerke durch Zahnstocher nachbildet. Die angespannte Situation mit Brochards Frau verschlimmert er, hetzt eine aufdringliche Freundin auf ihn und seine Hilfsversuche, den Aufenthaltsort der Ehefrau festzustellen, machen alles nur noch unübersichtlicher, schließlich hat man auch noch Arzt, Freund und Pignons Vorgesetzten in der Wohnung, der zufällig Abteilungsleiter bei der Steuerbehörde ist und eigentlich ein Fußballspiel sehen möchte.

So eine Storyline reicht für einen Bühnenerfolg, für einen französischen Film noch dazu, für das US-Publikum genügte es natürlich nicht, also machte sich Jay Roach, der Mann der Jim Carrey mit seinen Filmen nahe dem unendlich Infantilen zum Komikerstar erhob, samt eines noch nicht eben wirklich erlesenen Autorenduos an die Aufforstung des Stoffes.
Was dabei herausgekommen ist, ist genauso schizophren wie das Verhältnis zwischen den beiden Ländern generell.

Ist das Stück schon eine endlose Studie der Frustration, die ihre Absurdität daraus bezieht, daß man anhand einer kleinen Angelegenheit einen Mordsaufwand betreibt, der meistens alles trotz guter Absichten noch verschlimmert, präsentiert Roach den Stoff als Großangriff auf die Fremdschämnerven.
Hier ist alles plötzlich überlebensgroß geworden: von dem Dinner hängt für den aufstrebenden Finanzanalysten (Paul Rudd kultiviert seinen gestreßten Normalo-Shtick erneut) die Karriere ab, die erfolgreiche Verlobte ist eindimensional vorentschieden und wenig kommunikativ; die aufdringliche Freundin wird zur männermordenden Nymphomanin und der Vorgesetzte von der Steuerbehörde zum nicht weniger beknackten Gedankenkontrollenpsycho. Und aus dem eifrigen, aber enorm ungeschickten Tropf Pignon ist ein grenzdebiler Volldepp namens Barry Speck geworden, der aus toten Mäusen einfallsreiche Dioramen bastelt, um damit seine Träume zu leben und seine gescheiterte Ehe zu verarbeiten, wenn er nicht gerade absolut zusammenhangslosen Dreck sabbelt.

Natürlich ist Steve Carell für so obskur-schräge Charaktere mehr als geeignet, doch seine möglicherweise nuancierte Darstellung eines unfreiwilligen Chaoten gerät unter Roachs Händen zu einer clownesken Schießbudenfigur mit peinlich auffälligen falschen Zähnen und wildem Augengerolle. Natürlich kann man sich (sofern man den rechten Ohnesorg-bis-Theaterstadl-Humorverstand mitbringt) an seinen Eskapaden berauschen (das nennt sich dann Flachköpper!), aber schade um sein Talent ist es schon, noch dazu, wenn man ihn nicht als Fixpunkt in einem sonst normalen Universum mit kleinen Macken einsetzt, sondern als Kronprinz in einer Freakshow, denn sowohl die blonde Lucy Punch als männermordende Amokläuferin, als auch Nerd-Alumni Jemaine Clement als sexbesessener Egokünstler, "Little Britain"-Star David Walliams als bizarrer schweizer Munitionserbe und Neo-Star Zach Galifianakis als Psychochef Thurman (der mit seinem Grassodenbart sogar noch unechter als Carell ausschaut) spielen jenseits jedlichen Comedyniveaus groteske Schrillfiguren ohne jede Bodenhaftung.

Vebers Stück ist in diesem turbulenten Chaos allerhöchstens noch marginal zu erkennen und wird nur bruchstückhaft und kurzfristig benutzt oder abgearbeitet, stattdessen mündet das alles weniger in die Läuterung des auf den falschen Pfad gekommenen Aufrechten, sondern vielmehr in eine große Shownummer, wenn am Ende mit lauter kuriosen Typen das titelgebende Dinner dann plötzlich doch stattfindet (zu dem es in Vebers Stück nämlich gar nicht kommt) und Rudds "Tim" Gelegenheit erhält, seiner Freundin in einer diametral zur sonstigen Abgefahrenheit vollkommen abgeschmackten Geständnisszene doch seine unendliche Liebe zu gestehen.

Sicher, es gibt durchaus einige Lacher in "Dinner für Spinner", der Cast ist, wenn man ihn liest erlesen und alle legen sich ins Zeug, doch an sich wirkt der ganze Film wie ein Ausbruch einer Horde Deppen aus einer Nervenheilanstalt, vordergründig sich vorzugsweise über die Sonderlinge auslassend, die die Vorlage eigentlich im Grunde ihres Herzens schützen will.
Immerhin verkneift es sich Roach, das bunte Treiben durch akute Geschmacklosigkeiten gänzlich an die Schmerzgrenze zu treiben, ein abgetrennter Finger und ein halb komischer, halb peinlicher Monolog über das Auffinder der Klitoris sind das Äußerste an "body humor", den Roach wagte. Dennoch bleibt der Film ein außer Kontrolle geratenes Monstrum, möglichst laut, schrill, bunt und absurd, aber leider nicht mit zu gleichen Teilen anrührenden, sondern lediglich nervenden Figuren, gegen deren geistige Kompetenz die ungeschickten Slapstickeskapaden eines Pierre Richard einem praktisch harmlos und wohlgeordnet vorkommen.
So wird die endlose Kaskade von Frustrationen zu einer ebensolchen beim Publikum, außer man kann sich teilnahmslos auf den brüllenden Haha-Humor mittels Überrollungseffekt einlassen, aber auch dafür sollte man seine Filmfiguren mögen.
Einen unterhaltsamen Sonderpunkt kann man dem Film dank der wirklich guten, einfallsreichen und witzigen Mäusedioramen gönnen, eine der wenigen Posten, die das Autorenduo gegenüber dem Original phantasievoll erweitert hat. Ansonsten spielen alle hier wie gewünscht aufgezogen wie die Possenreißer, was dazu führt, daß man mit kindlichem Humor daran Gefallen finden kann, ansonsten bleibt der Film jedoch wohl wieder nur eine unangenehme Fußnote in der langen Geschichte davon, daß man Humor aus anderen Ländern nicht einfach für sich adaptieren kann, wenn man selbst nur über Sahnetorten im Gesicht lachen kann. (3/10)

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