„Der Anschlag“ von Regisseur Phil Alden Robinson ( "Sneakers - Die Lautlosen" ) ist die Verfilmung des ( im US-Original gleichnamigen ) Bestsellers „The Sum of all Fears“ vom erfolgreichen Polit-/Technothriller-Autor Tom Clancy.
Damit ist dies die insgesamt vierte Clancy-Verfilmung für die große Leinwand nach den exzellenten Adaptionen „The Hunt for Red October“ („Jagd auf Roter Oktober“), „Patriot Games“ („Die Stunde der Patrioten“) und „Clear and present Danger“ („Das Kartell“).
Nun muss „Der Anschlag“ als Film aus zwei Perspektiven betrachtet werden, die in die Wertung einfließen müssen.
Dem unvorbelasteten Kinogänger, der den Roman ( der schon Anfang der 90er geschrieben und veröffentlicht wurde ) nicht kennt und keine Bezüge zu den restlichen ( oben genannten ) Jack-Ryan-Filmen herstellen möchte / kann, präsentiert sich „Der Anschlag“ als spannender, durchdachter und (leider) aus mancher Sicht aktueller Politthriller der oberen Klasse, mit interessanten Variationen und Wendungen und einem nicht unplausiblen Rahmen, der nur in der Ausführung hin und wieder einige vermeidbare ( allerdings aber auch erträgliche ) Schwächen aufweist.
Gelungen ist die Umsetzung der Rahmenhandlung um die „Vermarktung“, die Weitergabe und den Einsatz der gefundenen israelischen Nuklearwaffe, die von internationalen Naziterroristen eingesetzt wird, um bei einem Football-Spiel Baltimore einzuäschern und durch weitere gekaufte ( die Bestechung des russischen Offiziers ist leider sogar glaubhaft, was angesichts dieser desolaten Zustände für die reale Welt natürlich nicht gerade beruhigend ist... ) militärische Provokationen einen Atomkrieg der Großmächte USA und Russland anzuzetteln. Deren gegenseitige Zerstörung soll dann die Machtbasis der Neonazis in Europa steigern. Nett ist auch die aktualisierte Einbettung des Tschetschenien-Konflikts. Gelungen ist ebenfalls die nach dem Anschlag dargestellte Unsicherheit bei den Führungsgremien beider Nationen in der Air Force One bzw. dem Kreml, die aus dem Buch adaptierte Auflösung, die den Russen in der Weisheit des Einlenkens den Vorzug gibt und nicht davor scheut, einige US-Hardliner als Sturköpfe zu präsentieren, sowie die spionagefilmartigen Sequenzen und Elemente um den Agenten Clark und den Kreml-Kontakt SPINNAKER.
Weiterhin hervorhebenswert ist der tolle Soundtrack aus der Feder von Routinier Jerry Goldsmith, der in Zusammenhang mit den passenden und innovativen Bildern sogar einen filmkünstlerischen Wert einiger Sequenzen erreichen kann, v.a. beim Anfangsflug des israelischen Bombers und der Endeszenerie, die die gegenseitige Vertragsabschließung der Präsidenten gekonnt mit den „Hinrichtungsszenen“ der Täter kombiniert; dies sind zwar altbekannte Mittel, aber in solcher Ausführung immer wieder gern gesehen.
Ein Lob auch an den Großteil der Schauspieler, die Präsidenten der USA / Russlands, CIA-Chef Cabot, Agent Clark und SPINNAKER werden von der namhaften Darstellerriege hervorragend verkörpert.
Kommen wir nun zu den merkbarsten Schwächen des Streifens:
Ich beginne mit einigen Aspekten Ben Affleck betreffend. Nun, er spielt seine Rolle nicht schlecht, ist aber der in der Rolle am wenigsten überzeugendste Jack Ryan; Ford und sogar Baldwin kamen besser und glaubwürdiger ’rüber. Affleck wirkt v.a. am Anfang oftmals zu übertrieben naiv und am Ende zu kämpferisch und ultra-überzeugt. Die Entwicklung hätte glaubhafter gezeichnet werden können. Überhaupt kränkelt „Der Anschlag“ an einem Problem: Der relativen Kürze ( relativ zum Handlungsumfang gesehen ). Die Anbahnung und Abwendung der akuten Gefahr des Atomkriegs wirkt zu gehastet, hier hätte man sich für viele Elemente mehr Zeit nehmen sollen, um etwas mehr ins Detail zu gehen. Schwach sind die Erklärung über den wenigen radioaktiven Niederschlag ( das Buch liefert hier akzeptablere und natürlich ausführlichere Erläuterungen ), Ryans Alleingang in Baltimore ( warum spart man sich hier nicht das übliche „es eilt, aber der Wagen fällt aus“- Klischee? ), der militärisch viel zu kurz und unglaubwürdig dargestellte und aufgrund vieler Aspekte ( ich möchte nicht näher in militärtechnische Details eingehen, glaubt mir hier einfach mal ) Angriff auf den Flugzeugträger, und nahezu alle Szenen, die sich mit Ryans noch junger Beziehung auseinandersetzen. OK sind der Anruf vom Flugzeug aus (netter Gag mit Freeman) und der Empfang des Präsidenten am Anfang, der Rest wirkt ziemlich wie eine aufgesetzte Lovestory, die aber zum Glück in ihrer teilweisen Belanglosigkeit nicht überwiegt.
Nun möchte ich eine zweite Perspektive erläutern:
Die des Clancy-Fans und Kenner des Romans und der anderen Jack Ryan – Filme. Erstes Problem: Mangelnde Kontinuität. Der Name ist der gleiche, mehr nicht. Mit dem Baldwin / Ford – Ryan der vorangegangenen Filme hat dies hier nichts mehr zu tun. „Der Anschlag“ spielt in der heutigen Zeit, Ryan ist aber noch blutjunger Anfänger, seine Frau aus den früheren Teilen hat er grad erst kennen gelernt. Aufgrund des Zeitrahmens kann „Der Anschlag“ aber natürlich auch kein Prequel sein, die anderen Filme spielten schließlich im Kalten Krieg bzw. Anfang der 90er.
Nächstes Problem: Aus dem Buch haben Unmengen an tollen und den Gesamteindruck und die Plausibilität anhebenden Elementen den Sprung auf die Leinwand nicht geschafft. Der „political-correctness“ - Austausch der arabischen Terroristen gegen organisierte Neonazis ist noch gar nicht so schlimm, da im Film gut gelungen. Schwerer wiegen viele fehlende Erklärungen und Hintergründe, einige arg (wohl der Kürze wegen) zusammengeschriebene Komponenten der Storyline sowie die im Film leider komplett ausgesparten Handlungsstränge um die Flotten im Mittelmeer und die Beteiligung der libyschen Luftwaffe, das U-Boot-Duell im Pazifik und die Panzerschlacht in Berlin. Das ist schade, wenn man bedenkt, was ein höheres Budget oder größere Ambitionen hier filmisch hätten leisten können.
Ein bisschen problematisch ist evtl. auch die zeitliche Verlegung der Filmhandlung weg von 1991/92 hin in unser Jahr; vor zehn Jahren war die Thematik des „Kalten Krieges“ und der Hardliner-„Falken“ in beiden Blöcken noch wesentlich aktueller.
Aufgrund dieser Adaptionsschwächen, die bei einer Buchverfilmung aber mit in die Wertung fliessen müssen, ist „Der Anschlag“ leider die schwächste Clancy-Verfilmung.
Schade alles, eigentlich.
Nebenbei würde mich auch noch interessieren, warum der deutsche Verleih wieder einmal die dämliche Entscheidung getroffen hat, den poetischeren und interpretierbaren Originaltitel „The Sum of all Fears“ ( = „Die Summe aller Ängste“, und darum geht es ja letztlich hier ) durch den holzhammerartig polemisierenden Aufhänger „Der Anschlag“ zu ersetzen, der selbst ja nur ein Bestandteil des Films ist. Da hätte man lieber den deutschen Buchtitel „Das Echo aller Furcht“ übernehmen sollen!
Zum Fazit: „Der Anschlag“ / „The Sum of all Fears“ ist ein sehenswerter, kurzweiliger, nicht unplausibler und spannender Politthriller mit guten Darstellern und toller Musik, der aber als Stand-Alone – Film gesehen werden sollte, da er mit der Prämisse der Clancy-Buchverfilmung an Qualität verliert.