Politthriller mit Längen
Mit "Der Anschlag" ging im Kinojahr 2002 die vierte Tom Clancy Verfilmung um den CIA-Agenten Jack Ryan an den Start. Zuvor wurde die Rolle bereits zwei mal von Harrison Ford ("Die Stunde der Patrioten"; "Das Kartell"), und ein mal von Alec Baldwin ("Jagd auf Roter Oktober") übernommen. Inhaltlich handelt es sich bei dem Film um ein Prequel, die Story ist also zeitlich VOR den anderen Ryan-Filmen angesiedelt. Ein Konzept, daß dem Publikum spätestens seit den "Star Wars" Episoden I und II hinlänglich bekannt sein dürfte.
Die Handlung läßt naturgemäß wenig Raum für filmische Freiheit, da man stets bemüht ist, möglichst nahe an der Buchvorlage zu bleiben. Schließlich will man die Leser des Romans nicht enttäuschen... und das sind bei einem Clancy-Bestseller nicht wenige. Für alle diejenigen, die das Buch nicht gelesen haben, hier die Story in Kurzform:
Israel im Jahre 2002. In der Wüste finden arabische Einheimische einen Sprengkopf, der neunundzwanzig Jahre zuvor von einem abgestürzten Kampfjet verloren wurde. Profitgierig verkaufen sie den vermeintlichen Blindgänger an einen europäischen Waffenhändler. Was die Araber nicht ahnen: Bei der Bombe handelt es sich um einen noch intakten Nuklearsprengsatz. Und dieser wird schließlich weiterverkauft: Für die gigantische Summe von fünfzig Millionen US-Dollar wechselt er abermals seinen Besitzer und gerät in die Hände einer weltweit operierenden Gruppe von Neo-Faschisten.
Kurze Zeit später detoniert die Atomwaffe inmitten einer amerikanischen Stadt. Doch was in Wahrheit "nur" ein hinterhältiger Terroranschlag ist, wird von amerikanischen Sicherheitsexperten für einen russischen Erstschlag gehalten. Die Rechnung der Neonazis ist aufgegangen und die Welt steht unmittelbar am Rande eines Atomkrieges...
Eigentlich ist die Atomkriegs-Thematik längst überholt und hätte sicherlich besser in die späten achtziger Jahre gepaßt. Wie real jedoch die Bedrohung ziviler Ziele durch terroristische Anschläge ist dürfte noch vielen lebhaft in Erinnerung sein. In dieser Hinsicht ist der Film brandaktuell. Ebenfalls interessant: Obwohl der Roman schon einige Jahre alt ist, handelt es sich bei den Attentätern in Clancys Buch nicht um Neonazis, sondern um islamitische Fanatiker. Warum das im Film nicht übernommen wurde ist unverständlich. Insbesondere dann, wenn man bedenkt, daß in einigen Szenen der Tschetschenien-Konflikt aufgegriffen wird. Dieser ist bekanntlich ebenfalls hochaktuell und mit Sicherheit kaum weniger brisant. Erfreulich: Bei den Nazis in "Der Anschlag" hat man darauf verzichtet zum x-ten Male das Bild der häßlichen Deutschen zu bemühen, sondern vielmehr den weltweit vernetzten und global operierenden Faschismus angeprangert.
In die Rolle des CIA-Agenten Jack Ryan schlüpft in "Der Anschlag" der Sonnyboy und Frauenliebling Ben Affleck. Leider eine völlige Fehlbesetzung. Man kann Affleck mögen oder nicht, auch seine schauspielerische Leistung soll hier nicht in Frage gestellt werden, aber in die Rolle des Weltretters paßt er so gut wie die Micky-Maus in einen Tarzanfilm. Die Figur des Jack Ryan ist unnahbar, sie ist intelligent, kaltschnäuzig und allwissend - genauso, wie es sich für eine Topagenten gehört, der sich vorgenommen hat einen Atomkrieg zu verhindern. Ben Affleck dagegen wirkt naiv, unbeholfen und wie der Traum einer jeden Schwiegermutter. Und wenn er noch so gut schauspielert, als Geheimdienstmann taugt er nichts; das falsche Gesicht, der falsche Habitus. Harrison Ford, oder bedingt auch Alec Baldwin, waren eindeutig die besseren Jack Ryans.
Dieses Manko im Casting wird von Morgan Freeman mit Leichtigkeit kompensiert. Der Mann scheint tatsächlich sein halbes Leben damit verbracht zu haben, Verbrecher um den Globus zu jagen und sich mit politischen Schachzügen auf höchster Ebene auseinanderzusetzen. Die Rolle des Oberagenten William Cabot ist im jedenfalls wie auf den Leib geschneidert. Auch James Cromwell als amerikanischer Präsident oder Richard Marner in der Rolle des russischen Staatschefs sind solide Besetzungen.
Unbedingt negativ zu erwähnen: Die wahre Untertitel-Orgie, die dem Publikum zugemutet wird. So etwas nervt gewaltig. Ob die Filmemacher dem Publikum nicht zutrauen, selbstständig zu erkennen, daß zwei Russen sich normalerweise auf russisch unterhalten würden, auch wenn sie das im Film ausnahmsweise auf englisch (oder bei der Synchro auf deutsch) tun...?
Fazit:
Alle die einen Actionkracher erwartet haben (und die Promo des Films deutete darauf hin) werden ein herbe Enttäuschung erleben! Action ist - außer in einer einzigen Szene - komplette Fehlanzeige! Stattdessen dominieren Dialoge und, was sehr ermüdend ist, politisches Geplänkel und diplomatische Verstrickungen. Für den "Normalzuschauer" wahrscheinlich vollkommen uninteressant und nur für Freunde des Polit-Thrillers empfehlenswert. Außerdem kann man mit dem guten alten "Ich-muß-die-Bombe-finden-bevor-ein-Unheil-passiert"-Plot längst niemanden mehr vom Hocker hauen. Dank teilweise guter Dialoge und einer Prise nachdenklichem Anspruch gerade noch Durchschnitt.