Comedy-Weltstar Robin Williams in einer ernsten Rolle? Neee, geht doch gar nicht! Oder doch? Skepsis macht sich breit, bringt man den immer witzigen Williams mit ernsthaften Rollen aus dem Charakterfach in Verbindung. Doch jeder Skeptiker tut diesem Mann Unrecht! Williams beweist mit „One Hour Photo“, dass er auch mal anders kann; dass er den lieben, lustigen Onkel in der Vorurteils-Schublade stecken lassen und sein Publikum überraschen kann.
Seymour „Sy“ Parrishs (Robin Williams) Leben ist die Arbeit als Photo-Entwickler in einem Supermarkt. Er macht aus seinem Job eine bedingungslose Leidenschaft; denn schließlich hat er außer seinem Job nichts: keine Familie, keine Freunde… ja, keinerlei soziale Bindung. Doch über die Jahre hinweg entwickelt der Einzelgänger eine Art enger Beziehung zur Familie Yorkin, deren Bilder er seit Jahren entwickelt. Von jedem Foto der Familie hat er einen Abzug in seiner Wohnung. Nach und nach entwickelt sich so das Bild im Kopf Parrishs, dass er selbst auch zur Familie Yorkin gehört, denn schließlich sind die Yorkins für ihn der Inbegriff einer Bilderbuchfamilie. Doch eines Tages trübt sich das Bild der Yorkins im Auge Parrishs: Vater Will Yorkin hat eine Affäre, und so sieht sich Sy dazu berufen, die Problemlösung selbst in die Hand zu nehmen.
Ruhig agiert er. So ruhig, wie wir ihn noch nie zuvor erleben durften: Robin Williams. Hampelte er sonst als mit Adrenalin überladen erscheinender Quell des Lebens über die Leinwand, so ist er als Sy Parrish das genaue Gegenteil seiner selbst: In sich gekehrt, zurückhaltend, ja schüchtern. Ich bin ebenfalls einer jener, die Robin Williams die Wandlung zu einem wirklich großartigen Charakterdarsteller nicht wirklich zugetraut hätten, aber glücklicherweise überzeugt er mich hier eines besseren. Als Sy Parrish liefert er eine seiner besten Darstellung ab! Hut ab vor Williams; aber auch Hut ab vor dem restlichen Cast, der ebenfalls durchweg überzeugend daherkommt.
Dass der Film als Thriller beworben wurde, lässt schon fast mutmaßen, dass die Filmverleiher sich nur sehr wenig mit dem von ihnen vertriebenen Film befasst haben. Denn hier bietet sich über weite Strecken des Films kein typischer Thriller, sondern vielmehr ein Drama über einen jener Menschen, die man sieht und doch nicht ansieht; über einen Menschen, mit dem man einige Worte spricht und dann doch wieder vergisst. Sy Parrish ist ein Einzelgänger, wie es ihn wohl überall gibt, jemand, der keinerlei soziale Kontakte hat und so in der Masse der Menschen vollkommen untergeht. Ein Mensch, der in seiner Einsamkeit schließlich zu radikalsten Mitteln greift, um gesehen bzw. gehört zu werden. Schon allein aufgrund dieser tief schürfenden dramatischen Komponente, die Regisseur und Drehbuchautor Mark Romanek ,mit seinem Erstlingswerk „One Hour Photo“ gelungen ist, verdient der Film unbedingt Beachtung. Um dieser Dramaturgie noch weiteres Gewicht zu verleihen greift Romanek zu dem Stilmittel, das ihm als Musikvideo-Regisseur am stärksten liegt: starker Optik. Die Inszenierung von „One Hour Photo“ als Film, der von drei Haupt-Sets getragen wird, ist eine der gelungensten, die ich in den vergangenen Jahren gesehen habe: die hellen, schon fast himmlisch wirkenden, Bilder aus dem Supermarkt, dem eigentlichen Zuhause von Sy Parrish; die düster und unangenehm wirkenden Szenen, die in Sys Wohnung spielen und zu guter letzt die ebenfalls eher dunkel gehaltenen Szenen aus dem Hause der Yorkins; diese drei visuellen Komponenten tragen den Film, sie verleihen ihm einen Rahmen, der so erstklassig abgestimmt ist, dass es wirklich richtig Spaß macht, den Film zu sehen.
„One Hour Photo“ ist eine rundum gelungene Charakterstudie über einen Menschen, der sich nach Aufmerksamkeit und Menschlichkeit sehnt. Getragen von einem hervorragenden Hauptdarsteller und einer ausgezeichneten Gesamt-Inszenierung! Meine uneingeschränkte Empfehlung & 9 von 10 Punkten!