Eine Insel mit 2 Bergen - und einer Vermissten, die keiner vermisst
Wer mysteriöse Filme mag, in denen Personen einfach spurlos verschwinden, ala "Picnic at Hanging Rock", "Here Comes The Devil" oder erst jüngst "Strangerland", hat keine andere Wahl, als "L'Avventura", dem Urvater dieser Gattung, zu huldigen. Und dann auch wieder nicht, da das mysteriöse Verschwinden der scheinbaren Protagonistin, nur die unbehagliche Bassline des Films ist, nicht das Hauptthema. Eine kleine Spannung entsteht zwar durch die Möglichkeit ihrer jederzeit möglichen Rückkehr, vielmehr geht es aber um ihren Liebhaber & ihre Freundin - wohl zwei der schlechtesten Freunde & leersten Menschen Italiens. Denn kurz nachdem Claudia auf einer Insel vor Sizilien, voller scharfer Klippen, wilden Wellen, Haien & geisterhaften Booten, spurlos verschwindet, bandeln diese zwei reichen Hüllen miteinander an. Zuerst leicht schockiert, auf Grund der Schnelligkeit des Betrugs & des Vergessens, dann kurz elektrisiert von Liebe & Lust, die Trauer & Leere verdrängen, später dann aber wieder schnell in alte, traurige, verwöhnte & abgestumpfte Muster verfallend, in Tränen & Selbstmitleid schwelgend...
"L'Avventura" gilt als Antonionis Meisterwerk & einer der großen Filme des 20. Jahrhunderts. Und auch wenn ich seine Faszination fast greifen kann, seine Optik exzellent ist & die Schauspieler sowohl Leere als auch Leidenschaft toll darstellen, hat mich der Film nicht so sehr gepackt, wie ich erhofft hatte. Das ist Jammern auf hohem Niveau, aber so ist das eben bei hohen Erwartungen & Lobeshymnen im Voraus. Ich kann mir aber auch gut vorstellen, dass der Film von mehrmaligem Schauen profitiert & gerade mit steigendem Alter, Reichtum & Erfahrung des Betrachters, wächst. Die Geschichte klingt (gerade anfangs) spannend - aber eigentlich passiert kaum etwas. Keine nennenswerten Aktionen, keine Auflösungen, nichts wird einem erklärt oder vorgehalten. Alles muss man sich denken, erschließen, errätseln, offen halten, abwägen & vor allem die gefühlskalten Gesichter deuten. Egal wie oft hier über Liebe gesprochen wird - der ausweglose Hohlraum aka die Seelen der verwöhnten Italia-Oberschicht, ist unübersehbar & bemitleidenswert. Eine Art Anti-Dolce Vita & ein klares Statement gegen "Geld macht glücklich".
In seinen etwas zu lang geratenen 143 Minuten konterkariert der Film seine melancholische, einschläfernde Handlung mit impulsiven Verhaltensweisen/Personen & allgemeinen Überraschungen, sodass einem immer wieder kurz vorm Wegdösen ein Teppich unter den Füßen weggezogen wird. Auch wenn beide Geschlechter hier ähnlich verloren dargestellt werden, wirken die Frauen zumindest teilweise etwas stärker & eigenständiger, vor allem als man es damals hätte erwarten können. Die dargestellten Männer sind eh eine Schande & erregen Mitleid wie Wut - ihnen geht es nur noch um Zeitvertreib, Geld, Sex mit der nächsten Eroberung. Allgemein ist der Film alles andere als ein klassisches Abenteuer & eher heftige Kritik, an einer ins Nichts laufenden Gesellschaft. Einer Oberschicht, die die Chance & Möglichkeiten hätte, Bleibendes zu schaffen & die Menschheit voran zu treiben - die aber komplett versackt in Oberflächlichkeit, Langeweile & Ziellosigkeit. Unterschwelliger bohrte sich eine depressive Weltanschauung selten ins Gedächtnis.
Fazit: ein Film, der nichts zeigt - und auch alles. Die Frau ist weg, und doch da; die Liebe ist da, und doch weg; Frauen sind wunderschön, und doch austauschbar; Männer sind stark, und doch so schwach. Auch wenn ich nicht den kompletten Zugang finden konnte, ist es doch einer der überraschendsten & bittersten Statements zu Mensch, Beziehungen & Gesellschaft.