The Last Shyamalan
Schon Monate vor Veröffentlichung stand „The Last Airbender" unter keinem guten Stern: Fans der zugrundeliegenden Anime-Serie „Avatar: The Last Airbender" liefen im Internet Sturm und erhoben Rassismus-Vorwürfe gegen die Produktion, weil die asiatischen Hauptfiguren mit Ausnahme der Bösewichte mit amerikanischen Darstellern besetzt wurden. Die Rassenumwandlung ist aber tatsächlich das kleinste Problem dieses neusten und bislang lausigsten Offenbarungseids der einstigen Regiehoffnung M. Night Shyamalan.
Ich bin vermutlich der Falsche um diesen Film zu reviewen, denn ich habe keine einzige Episode des Ausgangsmaterials gesehen. Während dem Betrachten von „The Last Airbender" wurde ich aber davon überzeugt, dass dieses Material geboren wurde, um in einer Anime-Serie umgesetzt zu werden und nicht in einem Live Action-Blockbuster. Mit Sicherheit erzählt die viel geliebte Serie eine aufregende Geschichte in schönen Bildern, nimmt sich Zeit dem Zuschauer in die komplexe Kosmologie dieser Fantasie-Welt einzuführen und füllt sie mit Charakteren, die Persönlichkeit und liebenswerte Eigenarten haben und um die man sich scheren kann. Die Serie hat damit alles, was Shyamalans Schöpfung nicht hat - seine Adaption zeichnet sich vor allem durch quälende Langeweile, ein vollständiger Mangel an emotionaler Resonanzfläche, uninspiriertes Widerkäuen sattsam bekannter Klischees und eine omnipräsente unfreiwillige Komik aus. Das Ansehen von „The Last Airbender" kommt einem historischen Ereignis gleich. Hier ist ein Big Budget-Film, so grotesk schlecht und dilettantisch aus nahezu jeder Perspektive, sodass er sich ohne Umweg einreihen darf in die großen Super-Gaus der Filmgeschichte, zwischen Werke wie „Showgirls" oder „Battlefield Earth", die für Jahre als Punchline für schlechte Filme herhalten dürfen.
Dabei war es für Shyamalan garantiert einen Versuch wert, seine arg angeschlagene Reputation nach zahlreichen Fehltritten wieder in aufsteigende Bahnen zu lenken, indem er sein Lieblingsmetier, den fantastisch angehauchten Mystery-Thriller, verlässt und sich vollständig in den Fantasy-Bereich begibt. Doch er hat leider etwas Grundsätzliches über Fantasy, die vielleicht fragilste aller filmischen Illusionen, nicht verstanden: Es ist ein enormes Fingerspitzengefühl von Nöten, um dem Zuschauer eine ganz neue Welt zu verkaufen, ohne dass dieser merkt, wie albern das Ganze eigentlich ist. „The Last Airbender" hat nicht nur vereinzelte Momente, die den Betrachter aus der Illusion reißen, sondern verfehlt einfach, dank einem unfassbar stumpfen Drehbuch und einer fürchterlichen technischen Umsetzung, das Ziel, überhaupt eine solche Illusion aufzubauen. Die Menschen auf der Leinwand werden niemals zu Charakteren, sondern bleiben offensichtlich Schauspieler, die seltsame Fuchteleien vollführen und gestelzte Dialoge aufsagen, während künstliche CGI-Effekte um sie herum rauschen. Sobald dieser Zustand erreicht ist, wird das Dargebotene unendlich peinlich, wie ein Bühnenkomiker, der keine Reaktion vom Publikum erhält und dadurch enorm verunsichert wird - man beginnt sich zu schämen und möchte ihm raten die Bühne zu verlassen, bevor seine Würde ganz im Eimer ist.
Wer sich auf dieses Schülertheater einlassen kann, verfolgt die Geschichte einer unbenannten Welt, deren Bewohner in verschiedene Stämme nach den Elementen Feuer, Wasser, Luft und Erde eingeteilt sind. Einige von ihnen haben die Fähigkeit ihr jeweiliges Element zu manipulieren, einer, der Avatar, beherrscht alle Vier, steht im Kontakt mit den Geistern der Erde und sorgt für das harmonische Gleichgewicht der Stämme. Doch der Avatar ist seit 100 Jahren verschwunden und die aggressiven Firebender haben sich die anderen Stämme unterworfen oder ausgerottet. Das ist alles Exposition, die uns in langatmigen Reden und Dialogen serviert wird, wo entsprechende Bilder so viel spannender gewesen wären. Der eigentliche Plot dreht sich um Aang, der letzte Airbender und junge Avatar, der von dem Wassermädchen Katara und ihrem Bruder Sokka nach 100 Jahren aus einem Eisblock befreit wird und sich daran macht, die Firebender zu bekämpfen.
Das führt dann zu einer platten Aneinanderreihung von verbrauchten Fantasy-Klischees - Kämpfe, Gefangenahme mit anschließender Befreiung usw. - sowie hastiges Abhaken einzelner Stationen ohne irgendeinen Eindruck oder ein Gefühl narrativer Bedeutsamkeit zu hinterlassen. Die Geschichte ist starr auf das Finale, eine genretypische Großschlacht, ausgerichtet und findet derweil keine Zeit, um irgendetwas besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Shyamalan hält seine Welt äußerst grobschlächtig, nimmt sich keine Zeit, um sie mit fantasievollen Details und noch nicht mal mit spektakulären Landschaftsgestaltungen anzureichern. Die Heldengruppe wird von 2 tierischen Wesen begleitet, über die wir gerne mehr erfahren würden, doch sie erfüllen die meiste Zeit nur eine Statistenrolle ohne Bedeutung für die Handlung. Die Helden selbst dürfen nur handlungsorientierte Dialoge absondern, meist äußerst irritierend und plump zusammen gesetzt - kein Mensch kann diese Gespräche glaubwürdig finden. Irgendeine Form von Persönlichkeit, Identifikationsfläche oder nachempfindbare Emotionen entwickeln sie nicht. Sie sind seelenlose Pappfiguren, die von einem Ort zum nächsten geschoben werden, während zwischenmenschliche Anbandelungen mit all der Sorgfalt und Haltbarkeit eines abgelaufenen Pritt-Stifts gefestigt werden, exemplarisch hierfür eine Romanze zwischen Sokka und einer Wasserprinzessin, die etwa eine Minute Spielzeit in Anspruch nimmt.
Zeilen wie „Earthbenders! Why are you acting this way? You are powerful and amazing people!" glaubwürdig zu bringen, ist ein Test für grandioses Schauspiel, den in diesem Fall selbst Meryl Streep nicht bestehen könnte, doch die Darsteller, insbesondere die jungen, in „The Last Airbender" sind so spektakulär schlecht (geführt), sodass nahezu jede Zeile wie abgelesen klingt. Aang-Darsteller Noah Ringer ist besonders bemerkenswert in punkto Mangel an Ausstrahlung und Dev Patel, charmant und mitreißend in „Slumdog Millionaire", ist eine so fatale wie Lacher provozierende Fehlbesetzung als Bösewicht. Ohnehin diese Bösewichte; in einem Film wie diesem könnte man erwarten, sie seien mit Make-Up und Co. Irgendwie bösartig hergerichtet, aber nein, sie sehen aus wie normale Menschen in billigen Kostümen.
Die erwähnte Dialogzeile eröffnet die erste Actionszene des Films zwischen Earthbendern und Firebendern - in einem verzweifelten Versuch artistische Bedeutsamkeit zu beschwören in einer langen Plansequenz gefilmt - und lässt Erinnerungen an selige Power Rangers- und Xena-Zeiten wieder aufleben, nur sind die Kampfszenen bei Letzterer dynamischer gestaltet. Diese besondere Szene fördert Skurrilitäten zu Tage wie eine Gruppe von Earthbendern, die eine Tanzchoreographie aufführt, um einen faustgroßen Stein in Richtung des Feindes zu schleudern, wobei die bessere Methode gewesen wäre, ihn einfach aufzuheben und zu werfen. Andere Actionszenen gestalten sich weniger blamabel und so mancher Effekt kann sich durchaus sehen lassen, doch Shyamalan weiß mit all dem nichts wirklich anzufangen. Er ist kein Actionregisseur, kann diesen Szenen weder Dynamik noch Übersichtlichkeit, Dramatik und nicht mal überdurchschnittliche Schauwerte abgewinnen.
So langsam muss die Frage gestellt werden, ob er überhaupt noch für irgendetwas geeignet ist. Kein Regisseur bei Verstand kann diesen sich selbst viel zu ernst nehmenden, lieblosen Trash für veröffentlichungswürdig halten. Trotz im Vorfeld geplanter Trilogie ist „The Last Airbender" garantiert der erste und letzte Teil dieser Reihe, möglicherweise gar der letzte Film mit M. Night Shyamalan auf dem Regiestuhl.