Review

„Der letzte Exorzismus“ ist ein Beitrag zum Okkult-Horror-Genre im „Mockumentary“/„Found Footage“-Stil, ein Film also, der mit vermeintlich dokumentarischen, per Handkamera gedrehten Bildern arbeitet, um Authentizität zu suggerieren. Der Film erschien in US-Produktion im Jahre 2010, Regie führte der deutsche Daniel Stamm („A Necessary Death“).

Über den Erweckungsprediger Cotton Marcus wird ein Dokumentarfilm gedreht. Er soll einen seinen Glauben verloren habenden, mit mehr oder weniger geschickter Rhetorik und schauspielerischem Talent seinem Job nachgehenden Mann porträtieren und ihn bei seiner letzten Teufelsaustreibung, die er mit Taschenspielertricks und wenigen psychologischen Kniffen durchführt, begleiten. Ziel ist es, Exorzismen als faulen Zauber und Scharlatanerie zu entlarven…

Über weite Strecken ist „Der letzte Exorzismus“ eine vor Religionskritik nur so strotzende, humorvoll, sarkastisch bis zynisch dargereichte Abrechnung mit organisierter Religion, welche als Ware dargestellt wird, die es an willige Gläubige zu verkaufen gilt. Marcus ist dabei ein intelligenter, adretter junger Mann, der seine Talente dafür aufwendet, in Marktschreier- und Gebrauchtwarenhändler-Manier eine Botschaft unters Volk zu bringen, an die er selbst nicht mehr so recht glaubt. Diese Szenen treffen exakt den richtigen Ton, ohne ins Moralistische oder gläubige Menschen Beleidigende abzudriften. Marcus erscheint dabei aufgrund seiner Offenheit und Selbstkritik, aber auch seiner sachlichen Nüchternheit sympathisch und wird behutsam zu einer Art Identifikationsfigur aufgebaut, ohne ihn zu irgendetwas Besonderem zu stilisieren. Vernunftbetont und ohne böse Absichten möchte Marcus seinen letzten Job durchziehen, den Betroffenen damit wirklich helfen, aber auch dazu beitragen, dass dank des Dokumentarfilms Kirchenobere es zukünftig schwerer haben, vermeintlich besessene Menschen im Rahmen fragwürdiger Teufelsabtreibungen zu misshandeln. Er geht im Rahmen seiner Möglichkeiten respektvoll mit den tiefreligiösen Einheimischen in der Provinz um, in die er gerufen wurde, um der Tochter eines alleinerziehenden Vaters den Teufel auszutreiben, muss sich aber mit dem abweisenden und aggressiven Sohn der Familie, der ihn durchschaut hat, herumschlagen. Aus dem Konzept lässt er sich zunächst nicht bringen.

Dem Film gelingt es also, dem Zuschauer einen Scharlatan ein gutes Stück weit als Sympathieträger zu verkaufen. Das liegt neben der Charakterisierung Marcus‘ an der glaubwürdigen schauspielerischen Leistung des US-TV-Serien-Darstellers Patrick Fabian ebenso wie an dem Kontrast zwischen dem aufgeklärten Marcus mit seiner bunten Religionspartywelt und der tiefgläubigen Provinz, die verbittert und trist wirkt. Kein Wunder, dass man sich angesichts einer beinahe wie aus Backwood-Terror-Filmen entlehnten Stimmung an Marcus hält, der sich dem Zuschauer bereits geöffnet und glaubhaft dargelegt hat, keine Folterinstrumente im Keller zu haben. Zunächst kein Wässerchen trüben könnend scheint seine besessene Klientin Nell, die unschuldig-naiv von Ashley Bell gespielt wird. Nun liegt es in der Natur eines Okkult-Horror-Streifens, dass man es tatsächlich mit übersinnlichen, finsteren Mächten zu tun bekommt. Doch obwohl dies jedem Zuschauer klar sein sollte, gelingt Daniel Stamm das Kunststück, ihn diesen Umstand zeitweise fast vergessen zu lassen, ihn in Sicherheit zu wiegen, ihn mit Marcus‘ Anti-Exorzismus-Aussagen überzeugt zu haben. Ab diesem Punkt verläuft „Der letzte Exorzismus“ nach gängigen Subgenre-Konventionen, d.h. Nell wird immer unheimlicher und die eigenartigen Vorkommnisse häufen sich, auch sichtbar für den Zuschauer – wenngleich man darauf verzichtet, den Klassiker „Der Exorzist“ visuell und den Ekelfaktor betreffend toppen zu wollen und lediglich einige unvermeidbare Szenen zeigt – nichts Neues, aber nach wie vor effektiv. Der „Mockumentary“-Stil bietet hingegen originelle Möglichkeiten, die auch genutzt werden.

Das Finale indes, auf das der Film dramaturgisch gekonnt zusteuert, ohne sich in Subplots oder ausschweifenden Dialogen in einem ohnehin dialoglastigen Film zu verlieren, wurde zwar actionreich und bildgewaltig inszeniert, wirkt aber leider wie ein Fremdkörper gegenüber dem zuvor Gezeigten und durch jede x-beliebige andere Pointe austauschbar – als hätte man nie so ganz gewusst, wie man den Film eigentlich zu Ende bringen, welchen Schlusspunkt man setzen möchte. Es ist für Genrefreunde akzeptabel, keine Frage, es mangelt ihm aber an Bezugspunkten zur eigentlichen Handlung und vor allem an einem Aha-Effekt, den manch Zuschauer nach dem bis zu diesem Zeitpunkt sehr gelungenen Film erwartet haben dürfte. Im Prinzip vereinen sich hier Kirchenkritik und ein kitschiger und/oder exploitativer Appell an den ehrlichen, persönlichen Glauben mit genreüblichem Mummenschanz, was weder in irgendeiner Weise originell noch sonderlich erinnerungswürdig ist und „lediglich“ nach Genrestandard gut unterhält. Aber das ist doch auch schon mal etwas und mehr, als manch aktueller Film fertigbringt.

Details
Ähnliche Filme