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Kinder haben im normalen Leben so die Angewohnheit, von nahezu jedem Menschen als "niedlich", "süß" und vor allem als "unschuldig in jeder Beziehung" betrachtet zu werden. Doch das vor allem diese kleinen und doch eigentlich eher noch unerfahrenen Persönchen auch zu mörderischen Bestien werden können, dass hat uns die Filmwelt schon ein ums andere Mal gezeigt, vor allem im Genre des Horrorfilms. Das gibt es zornige Kinder, die einem mysteriösen Mais-Gott anbeten, von Dämonen besessene Gören die grüne Kotze spucken und noch so manch anderes garstiges Gör mehr, dass seinen Mitmenschen ans Leder will. Einer der Vorreiter für diese filmische Teufelsgeburten bildet dabei Rhoda Pennmark, im hierzulande kaum bekannten S/W-Klassiker "Böse Saat". Heutzutage immer noch mit einer KJ-Freigabe bestückt, könnte man dabei meinen, dass es auch hier schon recht blutig zu Sache geht. Doch "Böse Saat" ist eigentlich genau das Gegenteil!

"Böse Saat" bildet eine äußerst atmosphärische Mischung aus Grusel und Drama, die vor allem zu ihrer Zeit an die Nieren gegangen sein dürfte. Das fängt schon bei der Geschichte an, die grausiges verspricht. Es geht nämlich um Christine Pennmark, deren Tochter Rhoda eigentlich die Liebenswürdigkeit in Person darstellt. Als eines Tages allerdings einer von Rhodas Mitschülern in einem See ertrinkt und dies Rhoda vollkommen kalt lässt, fängt Christine doch an sich über ihre Tochter Sorgen zu machen. Schon bald findet sie heraus, dass niemand anderes als Rhoda für den Tod des Jungens verantwortlich ist und damit beginnt für sie ein regelrechter und kaum zu kontrollierender Rausch der Gefühle. Denn während sie auf der einen Seite Mitleid für die Opfer findet, kann sie sich auf der anderen Seite auch nicht gegen ihre Tochter stellen. Bis sie zu einem dramatischen Mittel greift... Die Geschichte zu "Böse Saat", welches auf einem Broadwaystück von Maxwell Anderson basiert, bietet im Grunde genau all das, was man von einem Gruseldrama erwarten darf. Sowohl der Thrillerpart als auch der Dramapart werden optimal ausgearbeitet, zeitweise gegeneinander ausgespielt und wieder zu einem Ganzen zusammen gepasst, so dass durch die Bank weg weder Längen noch sonst irgendwelche Ungereimtheiten entstehen.

Denn auch der Zuschauer durchlebt hier ein Durcheinander seiner Gefühle. Er weiß nie genau ob er nun mit fiebern soll oder doch lieber der dramatischen Note des Films sein Mitgefühl zeigt. Ganz langsam aber mit einer unglaublichen Beständigkeit dreht Regisseur Mervyn LeRoy an der Spannungsschraube, welche dann im höchst dramatischen Abschluss seine Krönung findet. Am Anfang stellt er uns seine Charaktere vor, von der liebenden Mutter, über das entzückende kleine Mädchen, der liebevollen Vermietern und dem etwas zurück gebliebenen Hausmeister, welche im Quartett die Hauptcharaktere bilden. Für jeden hat der Zuschauer genug Zeit um sie kennen zu lernen, um dann für jeden das Mitgefühl aufbringen zu können, das jede einzelne Figur, und damit meine ich auch alle Nebencharaktere, benötigt. Es besteht dadurch bereits nach nur wenigen Minute eine Atmosphäre, der man sich kaum entziehen kann.

Sowieso ist das Spiel mit den Erwartungshaltungen des Zuschauers enorm. Da man wirklich bis zum bitteren Ende nicht weiß, was einem hier eigentlich noch alles erwartet, ist die Spannung mitunter kaum zu bändigen. Und langsam aber sicher verändern sich dann auch während des fast zweistündigen Szenarios die Gefühle für die Charaktere spürbar. Der Niedlichkeitsfaktor des kleinen Mädchens ist im Grunde schon bei den ersten Anzeichen, dass sie etwas mit dem Tod des Jungens zu tun hat, wie weggeblasen und man entwickelt regelrecht Angst vor ihr, selbst wenn man genau weiß, dass zwischen ihr und einem selbst noch die unsichtbare Barriere zwischen Realität und Fiktion steht. Kaum ein Kind aus späteren Filmzeiten konnte einem so Angst und Bange machen, wie dieses Gör hier.

Bei Christine hingegen verstärkt sich immer mehr das Gefühl des Mitleides. Wie würde man selbst in solch einer Situation reagieren? Was kann man dagegen machen, wenn das eigene Kind mordet und keinerlei Reue dafür empfindet? Und wie um alles in der Welt konnte es überhaupt dazu kommen? Ist es die Umgebung? Sind es die Gene? Oder ist es alles doch nur ein ganz großes Spiel für die geliebte Kleine? Genau wie Mutter Christine geht man der Frage nach, ohne dass der Film dafür eine wirkliche Lösung bietet, selbst wenn die Ansätze dafür recht offensichtlich angeboten werden.

Diese Ansätze finden sich dann vor allem in den Charakteren der Eltern des Jungens, des geistig zurück gebliebenen Hausmeisters, der Rhoda aber als erstes auf die Schliche kommt, sowie einer früheren, im Film aber nur als Metapher auftauchenden, Massenmörderin, deren Gene anscheinend bis in die aktuelle Zeit hinübergegriffen haben. Ja, wie schon erwähnt, das Spiel mit den Zuschauererwartungen sowie die Lösungspunkte zum Ganzen sind groß und werden dennoch nie so ausgewalzt, wie heutzutage bei so manch einem Film, einfach weil es schlichtweg nicht nötig ist.

Genauso wie irgendwelche Gore-Szenarios, die man vielleicht hinter der immer noch aktuellen KJ-Freigabe vermuten könnte. Nein, Gore oder irgendwelche wirklichen visuellen Brutalitäten gibt es hier überhaupt nicht. Und dennoch ist der Schmerz und die Tragik ungemein spürbar, denn die Thematik des mit dem Thema Tot und Verderb anscheinend abnormal ungehenden Kindes, ist mitunter schon hart genug. Da reicht es dann auch aus, wenn Mutter Christine einem brennenden Opfer nur mit den Augen über den Rasen folgt, anstatt das man das Opfer auch noch wirklich im Bild verbrennen sieht. Das Grauen spielt sich hier von Anfang bis Ende im Kopf ab, mal auf dramatische Art und Weise, und manchmal schlichtweg auf die Grausame.

Und dennoch sind es eben nicht nur die grausamen Taten des Kindes, welche die Zuschauer durchweg beschäftigt, auch der innerliche Verriss von Mutter Christine und ihrem Umgang mit der Situation gräbt beim Zuschauer einen tiefen Graben in sich. Man mag sich an mancher Stelle gar nicht ausmahlen wollen, was nun in dieser oder jener Situation Christine gerade fühlen mag. Da ist der konsequente Entschluss am Ende ihrerseits schon klug gewählt, wenn er vielleicht auch auf den ein oder anderen feige wirken mag. Zumal auch erwähnt sei, dass die Version der DVD auch mit einem ganz anderen Schluss aufwartet, als die bisher bekannten Versionen. Doch darüber hülle ich jetzt einmal, wie am Ende der Version ausdrücklich gewünscht, den Mantel des Schweigens.

Deshalb lieber noch schnell ein paar Worte über Inszenierung und Schauspieler, die ebenfalls auf höchstem Niveau liegen. Die Inszenierung ist schlicht und simpel gehalten und spielt eigentlich durchgehend nur an ein und dem selben Ort, nämlich in den eigenen vier Wänden von Christine und ihrer Tochter. Doch diese vier Wände reichen schon vollkommen aus, um beim Zuschauer den gewünschten Effekt zu erzielen. Was nicht zuletzt natürlich auch an den Darstellern liegt, die in diesen vier Wänden agieren. Als da wären hauptsächlich Nancy Kelly, die ihre Rolle der verzweifelten und zerrissenen Mutter mit solch einer Bravour darstellt, dass man wirklich jeden einzelnen Schmerz ihrerseits mitfühlen kann. Und ihr Gegenpart (wenn man so will) die kleine und durchaus niedliche Petty McCormack, spielt das eiskalte Mörder-Gör mit solch einer spürbaren Gefühlskälte und Bösartigkeit, dass man danach wohl jedes liebreizende Mädchen erst einmal argwöhnisch beäugen wird. Jedenfalls von beiden eine absolute Glanzleistung, die man in Mutter-Tochter-Film so schnell nicht wiedergesehen hat.

Fazit: "Böse Saat", dass ist schlicht und ergreifend eine der gelungensten Mischungen aus mitreisendem Drama und eiskaltem Gruselthrill, wie man sie in der Art wohl schon lange Zeit nicht mehr im Kino zu sehen bekommen hat. Die Story um ein mörderisch veranlagtes Mädchen ist spannend und ansprechend verpackt und die Umsetzung lässt wirklich keinerlei Wünsche offen. Man durchlebt ein Wechselbad der Gefühle, man leidet mit, man trauert mit, man fiebert mit und das alles durchgehend, von der ersten bis zur letzten Sekunde. Ein Meisterwerk, das leider nicht den Bekanntheits-Status erlangen konnte, wie es ihn verdient hätte! Freunde älterer Gruseldramen sei ein Blick allerdings mehr als nur ans Herz gelegt!

Wertung: 9/10 Punkte

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