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Es gibt bekanntlich viele Arten von Stalking bei Privatpersonen; häufig ist der ehemalige Partner betroffen, eine Nachbarin, ein Arbeitskollege oder auch einfach jemand mit Beruf in der Öffentlichkeit wie Arzt oder Lehrerin. Promis sind allerdings, zumindest in den Medien bevorzugte Opfer von Stalkern, selbst einige Fotografen erweisen sich als nahezu besessen, indem sie stundenlang vorm Fitnessstudio warten, um etwa Kim Kardashians Arsch vor die Linse zu kriegen.
Richtig gefährlich wird es allerdings bei geistesgestörten Tätern, die irgendwann den Bezug zur Realität verlieren, wie der in Florida geborene Ricardo Lopez, der über neun Monate ein Videotagebuch bis zu seinem Suizid führte.

Am 14. Januar 1996 setzt die erste Aufnahme von Lopez ein, an diesem Tag feiert der übergewichtige Mann seinen 21. Geburtstag. Er weist auf die isländische Sängerin Björk hin, in der er seit drei Jahren erst nur verliebt, kurz darauf wie besessen von ihr ist.
Doch seit sie mit dem schwarzen Goldie liiert ist, kennt Rassist Lopez („She is fucking a Nigger, can you believe that? That is unacceptable!“) nur noch Rache. Er schickt ihr eine Säurebombe, kurz darauf erschießt er sich.

Glücklicherweise konnte die Polizei seinerzeit die Bombe abfangen, da man zeitig die Leiche von Lopez und dessen Videoaufzeichnungen fand. Rund 18 Stunden Videomaterial wertete der Däne Sami Saif aus, um daraus einen Querschnitt von 104 Minuten zu schneiden, was ihm reichlich an die Nieren gegangen sein muss, während der geneigte Betrachter bereits nach einer halben Stunde leichtes Magendrücken erfahren dürfte.

Erschreckend ist dabei die Entwicklung eines auf den ersten Blick aufgeweckten und recht rational erzählenden Mannes. Er wirkt resigniert, zeigt das Chaos in seinem kleinen Apartment, geniert sich auch nicht, seinen nackten Dötz in die Kamera zu halten, seine hängenden Brüste zu offenbaren, doch eines zeichnet ihn von Beginn an aus: Geltungssucht und kompromisslose Selbstgerechtigkeit.

Allerdings schwingt seinen Monologen auch stets ein kleines Stück Selbsterkenntnis mit, als er nicht den Vergleich mit einer Kakerlake scheut und sich selbst als „A piece of shit“ bezeichnet. Auch die Sorge der Eltern schimmert durch, was veranschaulicht, wie solch eine extreme Entwicklung am Umfeld eines psychisch gestörten Menschen vorbeigehen kann.
Es kristallisiert sich heraus, dass Lopez hätte bis zu einem bestimmten Stadium geholfen werden können, da seine Fantasien gegenüber Björk zunächst geprägt sind von einem Beschützerinstinkt, einer fast schon respektvollen Distanz gegenüber körperlicher Nähe, bis diese imaginäre Bindung durch den vermeintlichen Störfaktor des schwarzen Partners aus dem Gleichgewicht geworfen wird.

Für den Zuschauer gibt es indes kein Entkommen, denn so anstrengend es auf Dauer auch ist, einem dicken Kerl bei seinen Ausuferungen über Moral, der eigenwilligen Definition von Liebe und dem Zusammenbasteln der Bombe beizuwohnen, umso tiefer wird man unvermittelt in den Sog hineingezogen. Die leicht schwammigen Bilder der 8mm Kamera sind eben nicht gestellt, folgen keiner vorgefertigten Dramaturgie, selbst abgefilmte Lieferadressen sind aus unerfindlichen Gründen nicht nachträglich geschwärzt worden.

Wie sich ein Mann nach und nach von der Außenwelt isoliert, ohne jegliche Hemmschwelle seiner Obsession hingibt und dabei jede Relation zu Moral, Gesetz und Selbstwertgefühl verliert ist im Gesamtpaket schon reichlich beklemmend und schockierend.
Von daher ist dieses Videotagebuch eher Betrachtern zu empfehlen, die Grenzerfahrungen suchen und imstande sind, diese rasch zu verarbeiten und ebenso rasch wieder zur Tagesordnung überzugehen, denn mehr als einmal sollte man sich dieses „Psychogelaber in geballter Form“ aus reinen Selbstschutzgründen nicht antun.
6 von 10

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