Review

Als "The Big Lebowski" 1998 ins Kino kam, nahm kaum jemand Notiz von diesem Film, der bereits in den USA ein Flop war. 


Woran das liegt, kann man letztlich kaum erklären. Die Coen-Brüder hatten zwei Jahre zuvor mit dem zurecht gefeierten "Fargo" Lorbeeren und Preise eingeheimst und galten als verquere Genies im Einheitsbrei Hollywoods, deren schräger Humor wie eine Frischzellenkur für die filmische Landschaft der meist etwas orientierungslosen Neunziger wirkte. Zwischen den rückwärts gewandten und dadurch coolen Filmen Tarantinos und ihren meist suboptimalen Epigonen, Hightech-Ergüssen im (immer noch) Neuland des CGI und einigen Highlights wie unter anderem David Finchers düsteren Darstellungen einer Welt moralischer Auflösung, war man ganz offensichtlich dankbar für die beiden Eigenbrötler.

Vielleicht kann man den Misserfolg damit erklären, dass sich "The Big Lebowski" auf den ersten Blick einfach nicht einordnen lässt. Ist es eine Detektivgeschichte? Ist es eine Komödie? Ist es eine Hommage an die Verlierer der US-Gesellschaft? Eine Groteske? Eine Satire? Eine Glosse, eine Glucke, eine Glocke?

Nun, Komödie trifft es wohl, da die Breite der Genredefinition vieles miteinschließt. Aber auch ich runzelte bei der ersten Sichtung auf VHS zunächst die Stirn, weil die Geschichte voller Absurditäten und vollkommen ohne den Willen eine Geschichte sein zu wollen, kaum Vergleiche finden dürfte. Genau genommen ist dieser Film tatsächlich unvergleichlich, wenn er auch Versatzstücke des Detektivfilms aufgreift. Wie man sich diese Figuren ausdenken kann? Wie man diese Figuren in diese Situationen stecken kann? Das Schreiben des Drehbuchs muss einfach ein riesiges Flow-Erlebnis entkoppelt von der Außenwelt gewesen sein. Die Sterne müssen richtig gestanden haben. Ohne Genie und ein wohlgesonnenes Schicksal lässt sich so etwas nicht fabrizieren. Es muss ein wahnsinniges Vergnügen gewesen sein, als Schauspieler das Drehbuch zum ersten Mal zu lesen.

Über den gesamten Film gibt es eine so große Fülle an großartigen Dialogen, unerwarteten Brüchen, obskurer Situationskomik, fantastischen Einstellungen und wahnwitzigen Einfällen, dass es für eine Trilogie des Irrsinns mehr als gereicht hätte. Die vollkommen überzeichneten Figuren zu beschreiben, würde dabei den Rahmen sprengen. Ein Vietnam-Veteran, der für eine Ex zum Judentum konvertierte, ein Aggressionsproblem hat, verbohrt und pedantisch bis in die Knochen ist und von seinen eisernen Prinzipien von nichts abzubringen ist? Nicht einmal von einer Gruppe deutscher Nihilisten, die bereit sind, Zehen für Geld zu opfern, weil es mit der Karriere als Technogruppe "Autobahn" nicht geklappt hat? 

Und das Ganze wirkt zu keinem Zeitpunkt dümmlich albern oder unpassend überdreht und wird so in eine vertrackte Geschichte eingewoben, dass der Rhythmus des Films nicht eine einzige Minute Langeweile aufkommen lässt. Das ist Filmkunst!

Ich würde mal behaupten, Jeff Bridges und John Goodman haben hier ihre denkwürdigsten Darstellungen abgeliefert. Fast hätte ich das auch über Steve Buscemi geschrieben, aber seine Rolle zeichnet sich eben dadurch aus, dass ihm das gar nicht möglich gewesen wäre. Donny ist in dem Film eigentlich überflüssig und darf trotzdem in keiner seiner Szenen fehlen. Außerdem hätte es dann nicht die komischste Bestattungsszene der Filmgeschichte gegeben. "Donny, der das Surfen liebte."

Der legendäre und saukomische, aber ansonsten für den Film vollkommen überflüssige Auftritt John Turturros als wegen Pädophilie vorbestrafter Bowler namens Jesus hebt beispielhaft die Bedeutung des gewählten Soundtracks für den Film hervor. Für die Szene haben die Eagles "Hotel California" geschrieben und die Gipsy Kings ihn gecovert! Insgesamt ist sie Songauswahl ein weiterer wesentlicher Baustein des Films. Neben dem von "Pulp Fiction" ist dies sicherlich der von mir meist gehörte Soundtrack. Wobei ich sagen muss, dass ich auch nur diese beiden habe...

Der verspätete Ruhm des Films, der mittlerweile sogar zu einer eingetragenen eigenen Religion führte, ist von alledem her somit eigentlich verständlich. Nach dem ersten Sichten weiß man halt nicht, was das soll. Und mit jedem weiteren Mal wird er besser und besser und besser. Besonders liebe ich es, den Film mit jemandem zu sehen, der ihn noch nicht kennt und zu beobachten, wie irgendwann die Lachtränen laufen. 




Fazit

"The Big Lebowski" ist ein Geschenk für die Welt, ein Meilenstein amerikanischen Kinos und vielleicht die beste Hollywood-Komödie aller Zeiten. 


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