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„Ich hab' auf Gangster geschossen und ich werd' es auch wieder tun, wenn es sein muss! Willst du mich deswegen verhaften?“

1976 drehte Italo-Regisseur Umberto Lenzi den Poliziesco „Die Viper“ mit Maurizio Merli in der Hauptrolle. Die deutsche Bearbeitung machte aus Merlis Rolle Kommissar Ferro, eigentlich hörte er aber auf Tanzi – wie auch im 1977 erschienenen weiteren Poliziesco „Die Gewalt bin ich“, der daher als Fortsetzung der „Viper“ betrachtet werden kann.

Rom: Die konkurrierenden Gangsterbanden des „Chinesen“ (Tomas Milian, „Lauf um dein Leben“) und Di Maggios (John Saxon, „Black Christmas“) vereinbaren eine Geschäftsbeziehung, von der beide profitieren sollen. Es handelt sich jedoch um eine reine Zweckbeziehung, denn die Banden, die ganz Rom mit ihren Schutzgelderpessungen und Morden in Atem halten, trauen sich gegenseitig nicht über den Weg. Kommissar Tanzi gerät ins Visier des „Chinesen“ und fällt beinahe einem Mordanschlag zum Opfer. Kurzerhand wird er für tot erklärt und fürs Erste aus dem Verkehr gezogen, damit er nicht täglich um sein Leben fürchten muss. Doch als sein Onkel Opfer von Verbrechern wird, reicht es Tanzi und er stürzt sich wieder ins Getümmel, versucht dabei, beide Banden gegeneinander auszuspielen...

„Geht's dir gut?“ - „Ich bin zufrieden.“ - BÄM! - „Und wie geht’s dir jetzt?“ - „Besser! Du hast Recht gehabt!“ (Tanzi weiß, was Frauen brauchen...)

Manch Poliziesco war noch unverkennbar mit dem Italo-Western verwandt, woran Lenzi mit seinem überzeichneten „Die Gewalt bin ich“ offensichtlich ein Stück weit wieder anzuknüpfen versuchte: Der Originaltitel „Il cinico, l'infame, il violento“ lässt Erinnerungen an Sergio Leones Premium-Western „The Good, the Bad and the Ugly“ wach werden und die Handlung der zwei konkurrierenden Gangsterbanden, die man gegeneinander auszuspielen versucht, erinnert natürlich an Leones Auftakt seiner Dollar-Trilogie „Für eine Handvoll Dollar“ (der wiederum inspiriert war vom Samurai-Eastern „Yojimbo - Der Leibwächter“). Tomas Milian, der Gerüchten zufolge nach „Die Viper“ eigentlich nicht mehr mit Maurizio Merli zusammenarbeiten wollte, stand nun doch wieder mit ihm vor der Kamera – jedoch wurden laut Lenzi die unterschiedlichen Handlungsstränge jeweils getrennt voneinander gedreht, so dass beide erst zum Finale aufeinandertrafen. Möglicherweise war dies der Grund, weshalb sich Milian bereiterklärte, doch noch einmal mit dem blondgescheitelten Schnauzbart- und Goldkettchenträger Merli zu drehen, dem man nachsagt, er habe seine Rollen etwas sehr ernst genommen, sich eventuell selbst für eine Art Prügel-Cop gehalten, der im Eifer des Gefechts auch mal etwas fester auf Milian einprügelte und zudem so selbstverliebt gewesen sein soll, dass er von sich in der dritten Person sprach. Beide Hauptdarsteller sollen laut Lenzi in der Tat zerstritten gewesen sein und versucht haben, ihrem jeweiligen Part im Film höhere Priorität einzuräumen. Zudem wurde das Drehbuch gleich viermal neu geschrieben, mit Ernesto Gastaldi, Umberto Lenzi, Dardano Sacchetti und Sauro Scavolini waren ebenso viele Autoren beteiligt. Lenzi sagt rückblickend, er habe diese Probleme professionell überwunden, jedoch merkt man sie dem Film durchaus an. Er wirkt bisweilen etwas zerfahren und wild zusammengestückelt, dafür drehen beide Hauptdarsteller voll auf: Milian, indem er seine Rolle gewohnt fein säuberlich ausarbeitete und ihr zu Aura, Ausstrahlung und Tiefgang verhalft und Merli, indem er es noch mehr übertrieb.

Bekannte Zutaten in „Die Gewalt bin ich“ sind die brutalen Schutzgelderpressungen seitens skrupelloser Gangster, die über Leichen gehen, die völlige Ignoranz jeglicher Vorschriften seitens des ermittelnden Kommissars, zu dessen alltäglichen Arbeitsinstrumenten Prügel und Folter gehören und der schneller das Schießeisen zückt, als ein Delinquent seine Unschuld beteuern kann sowie die aus dieser Konstellation resultierenden Actioneinlagen und Leichenberge. Eigenartig aber mutet die irgendwie umständlich erzählte Handlung an, wenn man von Tanzis Schussverletzung nicht viel merkt und Merli fidel wie eh und je durch die Kulissen kickboxt. Gar unpassend erscheint auch die ausgedehnte Einbruchs-Einlage, in der Tanzi infrarotbebrillt mit einem „Professor“ in ein Hochsicherheitsgebäude eindringt – das erinnert an Heist-Movies oder Eurospy, evtl. gar an Genrekomödien, irritiert aber in einem Poliziesco wie diesem. Hammerhart fiel Tanzis Überfall auf ein Modelstudio aus, auch schreckt er (s. obiges Zitat) überhaupt nicht mehr davor zurück, grundlos Frauen schallend ins Gesicht zu schlagen. Mit seinem ehemaligen Vorgesetzten prügelt er sich auch schon mal zur Begrüßung einfach so. Während Merli das vermutlich alles furchtbar ernst nahm und sich irre abgebrüht in seiner Machoproll-Rolle vorkam, fasst sich manch Zuschauer an den Kopf oder kann sich ob der unfreiwilligen Komik ein Schmunzeln nicht verkneifen. John Saxon zeigt als Di Maggio, dass man beim Golf besser Helm und Mundschutz trägt und ergänzt dadurch Lenzis mahnende Haltung zum Bowling-Sport aus „Camorra – Ein Bulle räumt auf“. Er und Milian reißen viel heraus und verleihen dem trotz aller Action für Lenzi-Verhältnisse fast schon geschwätzigen Film neben schauspielerischer Finesse seinen grimmigen Ton.

Insgesamt ist „Die Gewalt bin ich“ ein leider noch weniger als die Vorgänger ernstzunehmendes Potpourri aus Genrezutaten und gleichzeitig der Versuch, einzelne davon noch weiter auf die Spitze zu treiben und mit neu entliehenen Versatzstücken innovativ zu wirken, was jedoch nicht so recht funktionieren will. Doch auch, wenn mich selbst Franco Micalizzis Soundtrack diesmal nicht so recht überzeugen will, verfügt „Die Gewalt bin ich“ über einen gewohnt hohen Unterhaltungswert und zelebriert insbesondere seinen Milian, aber auch Saxon sowie bekannte Nebendarsteller-Gesichter wie Renzo Palmer („Racket“) oder Claudio Undari („Das Schlitzohr und der Bulle“) auf eine Weise, dass es für Genre-Fans die reinste Freude ist – wozu natürlich auch Merlis Schnauzbartzucken zu zählen ist. Dennoch werde ich das Gefühl nicht los, dass sich mit „Die Gewalt bin ich“ entweder diese Form des Selbstjustiz-Poliziescos langsam totzurennen drohte oder schlicht zu viele Köche sowie künstlerische Eifersüchteleien den Brei zwar nicht verdarben, aber etwas anbrennen ließen. Und wem das jetzt alles nicht passt, kann mir mal das Architekturbuch rauslegen.

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