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Hae-won ist eine junge, strebsame Seouler Bankerin kurz vor dem Burnout. Um abzuschalten reist sie nach jahrelanger Funkstille in ihr Heimatdorf auf einer gottvergessenen Insel. Dort trifft sie auf Bok-nam, ihre einstige beste Freundin aus Kindertagen, deren Leben die Hölle zu sein scheint. Tapfer erträgt sie die schwere Feldarbeit, die Lästereien der Dorfbewohner, unter denen sie ungerechter Weise als Hure verschrien ist, und die regelmäßigen Schläge und Erniedrigungen ihres Ehemannes. Als jedoch ihre Tochter bei einem Unfall ums Leben kommt, brennen bei Bok-nam alle Sicherungen durch und ein wilder Amoklauf beginnt, in dessen Visier auch Hae-won zu rutschen droht…

OLDBOY, SYMPATHY FOR MR. VENGEANCE, A BITTERSWEET LIFE und jüngst I SAW THE DEVIL – Südkoreanische Rachefilme haben mittlerweile eine lange Tradition und versprechen Qualität. In BEDEVILLED trifft man allerdings auf eine Frau, die ihre Rache weit mehr verdient hat als Mr. und Lady Vengeance zusammen.

In dem ominösen Inseldorf scheinen die Uhren seit gut hundert Jahren still zu stehen. Fortschritt wie Emanzipation werden vehement ignoriert, Tradition hingegen wird hier noch groß geschrieben. Das Motto lautet „Ora et Labora“ und je härter die Arbeit, desto besser. Dass der Mann das Sagen hat, versteht sich von selbst, sein Wort ist Gesetz, ungeachtet dessen Sinnhaftigkeit. BEDEVILLED thematisiert folglich die Rolle der Frau in dieser fragwürdigen, patriarchalischen Gesellschaftsform. Wie wenig Frau hier zu Lachen und wie viel zu Erdulden hat, wird dem Zuschauer auf überaus eindrucksvolle und schmerzhafte Weise dargestellt. Prügel, Vergewaltigung, sexuelle Übergriffe auf die Tochter stehen an der Tagesordnung, gleichzeitig muss hingenommen werden, dass sich der Ehegatte regelmäßig mit Prostituierten vergnügt. Im Film werden diese vorsintflutlichen Weltanschauungen von den männlichen Dorfbewohnern und den Dorfomas vertreten, die von den jungen Damen wohl die Qualen einfordern, die sie in gleichem Maße ihr ganzes Leben auszuhalten hatten.
Sinnbildlich steht dieser Generationenkonflikt für den Umschwung, der sich in Südkorea im letzten Jahrhundert abgezeichnet hat, für den Wandel von Tradition zur Moderne, für den Zwist zwischen altem und neuem Denken und wohl auch für die innere Zerrissenheit vieler Koreaner. Hae-won, die Businessfrau und Bankerin, symbolisiert das Moderne, das mit der Tradition, der Vergangenheit gebrochen hat. Bok-nam dagegen personifiziert den Konflikt, die Identitätskrise, an der man zugrunde geht.
Die ganze Sinnbildlichkeit mal beiseite gestellt, handelt es sich bei BEDEVILLED um ein wahrlich drastisches Frauendrama mit finaler orgiastischer Gewalteruption. Der Begriff „Rape & Revenge“ erfasst nicht des Pudels Kern und Vergleiche zu Filmen wie I SPIT ON YOUR GRAVE hinken. Vielmehr spielt der Film mit sozialen Missständen und versetzt uns zurück in eine Zeit vor der sexuelle Revolution, daran erinnernd, dass Emanzipation und Gleichberechtigung an vielen Orten dieser Welt noch nicht Fuß gefasst haben.

Rein technisch macht der Film keine Fehler. Die Charaktere sind fein gezeichnet und gut herausgearbeitet. Bok-nams Martyrium und die Ausweglosigkeit ihrer Situation gehen tief unter die Haut und erzeugen heftiges Unwohlsein. Ihr wahnhafter, vom Härtegrad her durchaus fortgeschrittener Metzelrausch mit der Sichel wirkt ebenso gerechtfertigt wie ziellos. Das ländliche Idyll liefert einen fiesen Kontrast zu den Abscheulichkeiten, die sich darin abspielen.
In die Reihe der oben genannten Rachethriller will BEDEVILLED dennoch nicht so recht passen, handelte es sich bei den Racheengeln z.B. in den Park Chan-wook-Werken doch um starke, überlegene Charaktere, die über den zu rächenden Schicksalsschlag beinahe völlig erhaben schienen. Ganz anders Bok-nam. Sie verharrt in der Opferrolle. Ihr Amoklauf kommt lediglich einem letzten Aufbäumen vor der ohnehin schon sicheren Niederlage gleich. Auch von der Stimmung her fällt BEDEVILLED aus dem Rahmen bekannter Rachefilme. Wird man in OLDBOY & Co. mit traumhaften, melancholischen Bildern betört, wirkt hier das Gezeigte erschreckend authentisch. Am meisten schockiert manchmal eben einfach der Blick in die Realität.

Fazit:
Pessimistisches, schonungsloses, ausdrucksstarkes, kontrastreiches und letztendlich auch ordentlich brutales Sozio-/Rachedrama ohne die leiseste Chance auf ein Happy End. Schon lange hat ein Racheengel nicht mehr so leiden müssen. BEDEVILLED bietet die perfekte Kombination aus Frauenfilm und Splattermovie. Somit ein Film, den man durchaus mit der Freundin gucken kann. Oder auch nicht.

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