Über eine italienische Dramödie vermeintlich oberflächlich, über ihre Wirkung und ihren Humor und ihren erzählerischen Gehalt zu urteilen, ist immer leichter, als sie in Beziehung zum Filmemacher zu stellen, vor allem wenn es ein recht produktiver Geist ist, der aber hierzulande leider so gut wie gar nicht gilt.
Ferzan Ozpetek, türkischer Regisseur dieses italienischen Films "Mine Vaganti" (bezeichnend auch der englische Titel "Loose Cannons"), hat beim Publikum in Deutschland nur minimale Reputation, da sein erster Film als Regisseur der einzige ist, der es nachhaltig schaffte, beim Arthauspublikum in Erinnerung zu bleiben ("Hamam - das türkische Bad") - und das war schon 1997.
Seit 2003 schafften es seine Filme gar nicht mehr ins reguläre Programm, was schade ist, denn seine nicht selten mit vielen verschiedenen Charakteren bevölkerten Geschichten präsentieren stets Figuren, die ihre eigene Lebensplanung ausgebremst oder auf den Kopf gestellt sehen, um einen Neuanfang zu wagen oder ihn wagen zu müssen, unter neuen Gesichtspunkten und Verhältnissen. Und Letzteres geschieht nicht selten unter dramatischen und komischen Umständen.
So gesehen ist Ozpetek sich mit "Männer al dente" treu geblieben, der wieder ein umfangreiches Ensemble vor dem Publikum ausgießt. Diesmal ist es eine kleine italienische Pasta-Dynastie, die in der Provinzgroßstadt von Lecce mit ihrem Status und ihren großen und kleinen Macken residiert. Der Vater ein Traditionalist, die Mutter eine Dulderin, die Tante angeknackst, die Oma eine tickende Zeitbombe und der jüngere Sohn homosexuell - was in Italien, im weniger aufgeklärten Italien, im Lande des Tratschs noch immer ein latentes Todesurteil sein kann.
Nur eben, daß niemand davon weiß, daß Tommaso schwul ist und keineswegs vorhat, die Firma seines Vaters mit seinem Bruder Antonio zu übernehmen. Stattdessen ist er Schriftsteller, lebt in einer festen Beziehung und hat sich das aufgeklärte Leben Roms längst entschlossen, doch einmal Landei, immer Landei, sieht er nur eine Chance, der Zermürbungsgewalt der Familienbande zu entkommen: sein Vater muß ihn verstoßen.
Dumm nur, daß er seinem bisher familientreueren Bruder etwas davon erzählt, denn der übernimmt diese geschickte Idee und verwendet sie prompt für sich selbst - und wird verstoßen.
Deutsche Filmemacher hätten aus dieser frühen Neukonstellation eventuell einen albernen oder zermürbenden Film rund um den Kampf des Individuums gemacht, die Engländer es mit Herz überzeichnet - Ozpetek wählt jedoch einen ganz anderen Weg, der die Erwartungen des Publikums von nun an stets und ständig unterläuft, indem der Fokus sich permanent verschiebt. Mal sind von nun an die Familiennöte (komplett mit Ehebruch) dran, mal die keksmürbe Tante, mal die stutenbissige Oma, die ihn einigen Rückblenden ein ähnliches Schicksal erlitten hat wie - ja, eben wie eine weitere Figur, nämlich die Rechtsauftragte der Firma, die sich nun auch noch in das schwule Häufchen Enttäuschung verguckt.
Aber weder hat Ozpetek es nötig, hieraus eine großartige Decouvrierung zu machen, noch tritt in andere Klischeeminen, sondern fächert das Ensemble zu einem Bilderbogen aus vielschichtigen Charakteren, die alle mit der neuen Situation fertig werden müssen oder einfach ihre alte weiterleben.
Natürlich, ein paar altbekannte Ansätze werden trotzdem eingekocht; so tauchen im letzten Drittel des Films dann auch noch die schwulen Freunde Tommasos auf, ein Quartett aus beinahe typischen Homofiguren, die aber relativ scharf an der Realität gezeichnet sind und nie der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Stattdessen kassieren die Provinzler den Rüffel, die Offensichtlichkeiten nicht sofort zu bemerken - oder zumindest nicht alle.
Also werden fröhlich, aber niemals wirklich belehrend ein paar Spitzen gegen Männlichkeit, Weiblichkeit und italienische Lebensart ausgeteilt, der Traditionalismus bekommt einen Klaps und anstatt der großen Welle rund ums skandalöse Coming-Out findet sich ein kreativer Dreh, um das eigentliche Problem (nämlich die Familientradition) zu umgehen.
Allein der Schlußspurt tritt dann leider Wasser, greift zum bewährten Todesfall und einem feierlich-motivierenden Voiceover, verbindet Wasser wieder zum dickeren Blut, wobei anerkannt werden muß, daß dem Regisseur ein geschickter Schachzug gelingt, als er auf einer finalen Hochzeitsfeier tatsächlich zwei verschiedene Zeitebenen, fünfzig Jahre auseinander, miteinander verwebt, allesamt nur Menschen, alle anders, aber dann doch die gleichen - und trotzdem eine Familie.
Was ungewöhnlich an "Mine Vaganti" ist, ist die totale Unaufdringlichkeit des Geschehens. Man drückt den Zuschauer nur selten in die eine oder andere Richtung, gibt nur selten das Tempo vor und gönnt sich stattdessen bisweilen etwas versonnene und versponnene Verspieltheit, Entspannung, Lebensgefühl. Alles hat bei Ozpetek irgendwie seine Berechtigung und wenn er per Montag wortlos darüber erzählt, wie die hübsche junge Alba damit hadert, kämpft, fühlt und akzeptiert, daß sie den Mann ihres Herzens wohl nie ganz für sich haben wird, aber ihn trotzdem nicht verlieren muß, dann ist das leises, großes Kino ohne Großspurigkeit. Kleinere Ausfälle, Typismen, Klischees sorgen manchmal für einen kreativen Rückschritt, aber nichts läßt den ganzen Film in seinen Angeln knarren und ächzen, stattdessen gelingt das Kunststück, daß man alle Anwesenden irgendwie mag oder zumindest versteht bis akzeptiert, es gibt keine Guten, keine Bösen, nur Menschen.
Daß dabei mitunter derbe verbal ausgeteilt oder stutenbissig um sich getreten wird, ein herb-witziger Anflug den ganzen Film auflockert, das ist wirklich der puren Unterhaltung geschadet. Und am Ende ist zwar nicht alles neu und gut, aber alle sind irgendwie einen Schritt weiter und nicht am Ende.
Man kann den Eindruck gewinnen, Ozpetek mag seine Figuren, seine Geschichten und sein Publikum und eigentlich sollte es uns im Umkehrschluß ähnlich gehen. Unspektakulär sicher, aber warmherzig und witzig, gefühlvoll und stimmig.
Bleibt nur die Frage, warum mongolische Problemfilme bei uns öfter im Programm auftauchen, als solche bunten Sträuße voll von europäischen Positivismus.(7/10)