Eine Oper in vier Wänden
Fassbinders noch immer enorm akuter und potenter, durchdachter und unnormal gut geschriebener "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" folgt einer reichen Modequeen und ihrer Sekretärin in ihrer Bremer Edelwohnung. Einsam, verbittert, verlassen und enttäuscht von Männern, Stil und Gesellschaft. Kann ein nettes, naives, schüchternes Model, das bei den beiden mehr oder weniger einzieht bzw. die alternde Diva bezaubert, die Hoffnung und Leidenschaft und Inspiration wieder in ihr Leben bringen...?
Experimentaltheaterkino
Für manche auf den ersten Blick vielleicht zu trocken, theoretisch und verquasselt. Aber guckt man hinter diese intellektuelle, eventuell anstrengend anmutende Fassade, eröffnet sich durch diese ungewöhnliche Dreiecksbeziehung eine ganz neue Welt. Deutsch, menschlich, weiblich. Alles andere als bieder oder gar uninteressant. Das Rattern der Schreibmaschine, das Strahlen der Paillettenkleider, der kleine Penis der griechischen Halbgötter, die Büchsen der Pandora in einem Luxusapartment. Sehr 70er - dennoch thematisch wie technisch sehr zeitlos. Powerfrauen und Ikonen am Rande der Gesellschaft. Luxus als faulender Spiegel. Wahrhafter Feminismus in den Kinderschuhen. Algebra der weiblichen Psyche. Das muss man erstmal anpacken, sich trauen und dermaßen mehrschichtig umsetzen - und das als Mann! Zudem unfassbar intensiv gespielt von Schygulla, Carstensen und Co. Plus: eine der besten und smartesten Einbindungen einer Figur, die nie spricht und doch immer dabei ist, die ich je in einem Film gesehen habe. Auch das: passend zur Bundesrepublik.
In Deutschland sind die Dinge nunmal wie sie sind...
Fazit: Fassbinders konsequentester, redseligster und weiblichster Film... Ein psychologisch wie gesellschaftlich außergewöhnlich komplexes und cleveres Kammerspiel. Elegant, unterkühlt, menschlich, stylisch, analytisch. Meisterkino und vielleicht sogar sein Bester! Sein "Persona", sein "3 Women", sein "The Piano".