Review

Ein deutscher Regisseur versucht sich fürs Kino an einer großangelegten Dystopie über das menschliche Zusammenleben im zusammenbrechenden Europa des kommenden Jahrzehnts - allein das Anliegen ist schon allen Lobes wert, denn normalerweise packen die germanischen Filmemacher ja entweder überschaubare persönliche Schicksale oder die eigene Kriegsvergangenheit in solche Bilder, aber keinen Blickl voraus.
Lars Graume hat es gewagt und bietet nun in "Die kommenden Tage" das Schicksal einer Familie in den Irrungen und Wirrungen eines langsam zerfallenden Landes, irgendwo zwischem dem kapitalistischen Großkampf um die letzten Ölreserven, Anarchie und Terrorismus und der Angst vor der anrückenden Fremde auf der Suche nach dem Glück. Dabei ist er jedoch nicht vordergründig an den möglichen Entwicklungen der deutschen Gesellschaft und der Welt an sich interessiert, sondern nutzt die mögliche Zukunft lediglich als Ausgangsbasis und wiedererkennbares Begleitmaterial auf der Reise seiner Figuren.

"Tage" stellt sich dabei als Abgesang auf die traditionellen und bekannten Strukturen heraus und gleichzeitig seine Figuren vor die Entscheidung, wie man auf die gesellschaftlichen Veränderungen reagieren soll, bzw. welche Prozesse die Menschen beeinflußen können. Dabei mischt er die Dystopie mit dem persönlichen Drama vor der Menagerie einer in Auflösung befindlichen Wohlstandsfamilie, bei der der Vater den wirtschaftlichen Hintergrund und als Anwalt die Ordnung vertritt, die eine Tochter promovieren und die andere eher provozieren will, während der jüngere Bruder unter einer grundsätzlichen Identitätskrise leidet, die ihn später dazu führen, sich der Bundeswehr anzuschließen, wo er überhaupt erst Strukturen fühlen wird, die ihm daheim versagt bleiben. "Soll man besser leben oder konsequent sein?", das ist die Frage, die sich der Film mehr als einmal stellt und bietet, erfrischenderweise dafür keine Patentlösung an, denn die Verwirklichung des Individuums geht in all den Veränderungen schon bald zugrunde.

Laura, die brave Tochter, scheitert an ihren prägnant formulierten Lebenswünschen, verläßt die Liebe ihres Lebens, Hans, als dieser ihr kein Kind zeugen kann und vertieft sich duckmäuserisch in ihrem Studium, bis sie schließlich eine Beziehung zu dem scheinbaren Exfreund ihrer Schwester Cecilia aufbaut. Diese wiederum reizt, angesichts des zerrütteten und kalten Elternhauses voll verkrusteter Strukturen ihr Anti-Studentenfreund Konstantin, der sie in eine anarchistische Organisation einführt, die angesichts der mangelnden Erfolge bald terroristische Züge annimmt. Konstantin wird Laura bald als Tarnung und Deckung mißbrauchen und Cecilia zu einer Gewalttat bewegen (oder betrügen), die sie innerlich zerstören wird.
Lohnen tut sich das für keine der Figuren schlußendlich, denn hier verlieren, und das ist geradezu suberb in Richtung Visconti geblinzelt, schlußendlich alle. Die Eltern lassen sich scheiden, die Gesellschaft geht vor die Hunde, das Leben ist nicht mehr lebenswert, die Behörden eröffnen die Jagd auf alle Beteiligten, egal ob dadurch noch etwas zu retten ist.

Graume baut diesen Zerfall aus persönlichen Wünschen und revolutionären Motiven sehr geschickt und streckenweise sehr spannend auf, entscheidet sich nie für eine Seite oder ein Vorgehen, sondern läßt Konstantin sehr geschickt formulieren, daß es ein Irrtum ist, daß man lebt, um glücklich zu sein, denn das ist ein Punkt, an den niemand in diesem Film kommt.
Mit dem Rest des Films hat er nicht ganz so viel Glück, denn wenn er seinem Skript etwas nicht ausgetrieben hat, dann sind es die typischen Macken eines Fernsehspieldramas, bedeutungsvoll aufgesagte Dialoge, einige gestelzte Konstruktionen, zu viele zufällige Wendungen, bei denen die Figuren aufeinander zu- und wieder voneinander weg treiben. Nach gut strukturiertem Beginn läuft sich der Film spätestens in der zentralen Beziehung von Laura und Hans zwischenzeitlich fest, erstarrt manchmal im Drama und läßt die übrigen Aspekte außer acht.
Gleichzeitig lebt Graume die ganze Zeit mit der Gefahr, aus der anarchistischen Gruppierung (die sich von vornherein wie eine kunstfixierte Baader-Meinhof-Gruppe gibt), ein Abziehbild der jüngst breitgetretenen (und verkolportierten) RAF zu machen. Da er Johanna Wokalek als Cecilia besetzt, eine Figur, die in der "Komplex"-Verfilmung für Angst und Schrecken sorgte, hat die begabte Darstellerin hier meistens damit zu tun, irgendetwas zu bieten, damit man sich nicht ständig an Gudrun Ensslin erinnert, wenn sie im Bild ist.

Das größte Problem bleibt aber, daß er zugunsten der persönlichen Schilderung von Lauras und Cecilias Werdegang selbst bemerkenswert inkonsequent mit seinen Möglichkeiten umgeht. Die Eltern treten zu oft in den Hintergrund, werden fast schon zu nett gezeichnet, der Bruder als Armeeangehöriger ist sträflich vernachlässigt worden. Warum im späteren Verlauf ausgerechnet Cecilia dazu ausersehen ist, ein Menschen bewußt für höhere Ziel zu opfern ist genauso wenig klar, wie die Frage, warum Graumes Buch die abgründige Tat schließlich als eine Form der Notwehr tarnt, als ihre Figur von dem mögliche Opfer angegriffen wird.

Viel steckt in seinem Film, manchmal schon zuviel, so daß er selbst in zwei knochenharten und teilweise höchst emotionalen Stunden nicht allem gerecht werden kann, die Dystopie sehr stark in den Hintergrund tritt, obwohl die Vision dieser möglichen Zukunft eben das Interessanteste an dem ganzen Entwurf ist. Ein Vierteiler im TV wäre - obwohl das ob der Absicht fast schon pervers ironisch ist - dem Thema angemessener gewesen und manchmal wünscht man sich, die kleinen gesellschaftlichen Vignetten, von Personenkontrollen, leeren Supermärkten, feiernden Superreichen, zeltenden Immigranten, Grenzkontrollen an King-Kong-ähnlichen Mauern in den Alpen wären einfach etwas stärker ausgereift dargeboten worden und nicht nur als optischer Treibstoff, denn das Deutschland Graumes bewegt sich hier nur zwischen gut situierter "high class", "Bildungsbürgertum" und asylantischem Abgrund.

"Die kommenden Tage" erschlagen mit philosophischem Ballast ihr Publikum nicht unbedingt, aber der Film bleibt intellektuell doch schwer belastet, was dann um so kurioser wirkt, wenn die finalen Szenen plötzlich in ein unmotiviertes und sehr unlogisch konzipiertes Hollywood-Action-Finale münden, in denen man nach 105 Minuten glaubhaften Gegenwartsentwürfen plötzlich mit dem Kopf schüttelt, ob der Absurdität des Gezeigten.

Wie schon erwähnt, Graumes Film ist ein mutiger Versuch, jedoch eine überbepackte Sackkarre an Ideen, Visionen, Themen, denen die Figuren nicht immer Rechnung tragen können. Geschickt komponierte Bilder einer unmerklich sich in den Hinterkopf schleichenden möglichen Zukunft wirken ausgezeichnet als Treibstoff, aber die zeitweise Steifheit der Inszenierung verfehlt den nötigen Drang und die Strahlkraft, um daraus ein echtes Meisterwerk zu machen, selbst wenn August Diehl und Johanna Wokalek ihr Möglichstes geben und Bernadette Heerwagen sich immerhin tapfer an der charakterlich sehr unscharfen Laura abarbeitet.
Hätte man diesen diesen akademischen Inszenierungsansatz weggelassen und die Figuren lebendiger in das abgründige Setting eingearbeitet (traurigerweise fällt der Film meistens mit Daniel Brühls statisch aufgesetztem Vogelliebhaber "Hans"), wäre etwas ganz Großes drin gewesen.
Immerhin, es traut sich jemand, am Ende, wenn auch inszenatorisch inkonsequent, konsequent kein Happy End abzuleisten, nicht mal alibihaft - wenn der Tag endet, werden alle entweder tot, heimatlos oder entwurzelt sein, nirgendwo hingehören, weil es so etwas wie das "im Hier leben" dann nicht mehr gibt. Und individuelle Fehler, Lebensentwürfe, eigene Entscheidungen haben sie alle an diesen Punkt geführt. Jetzt heißt es "Leben, so gut es geht", die Hoffnung bleibt konsequent draußen, die Unschuld ist mit den zahlreichen Vogelmetaphern über zwei Filmstunden schon längst entflogen oder verbrannt. Und das alles ohne dicken moralischen Zeigefinger, das muß man trotz Fehler irgendwie loben. Wenn man den Brocken schlucken kann. (6,5/10)

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