„Ein Fall für die Borger!“
Nach einer unendlich langen Zeit habe ich mir endlich wieder einen Anime-Film aus der Ghibli Schmiede geschnappt, dem meiner Meinung nach besten Studio für Anime-Produktionen. Der völlig unterschätzte „Gedo Senki“ war mein letzter Ghibli-Film und seitdem sind einige Jahre verstrichen und freute mich deshalb riesig, als ich endlich die BluRay zu „Arrietty“ in den Händen hielt. Wie ist der Film zu bewerten? Gelungenes Comeback oder erste Anzeichen von Rost zu erkennen? Auch wenn ich Ghibli verehre und es für mich persönlich kein besseres Anime-Studio gibt, muss ich dennoch klar sagen, das dieser neuste Film nicht der beste Film aus diesem Hause ist. Dennoch bietet uns Studio-Ghibli hier erneut ein traumhaftes, wenn auch bekanntes, Märchen mit einer emotionalen Story und einem überragenden Zeichenstil. Schon nach den ersten 10 Minuten wusste ich wieder, warum ich Ghibli so liebe und weshalb auch Hayao Miyazaki einer der größten Anime-Schöpfer überhaupt ist, obwohl er hier nicht persönlich Regie geführt hat. Die Geschichte von „Arrietty“ ist wie gesagt bekannt und es gab vor vielen Jahren bereits einen US-Kinofilm namens „Ein Fall für die Borger“, mit John Goodman, der jedoch eine komödiantische Katastrophe war. Regisseur Hiromasa Yonebayashi präsentiert uns seine ganz eigene Interpretation dieser Romangeschichte und liefert damit die beste Umsetzung ab, die diese Geschichte jemals erlebt hat.
Der gesundheitlich angeschlagene Sho zieht zu seiner Tante um sich Ruhe zu gönnen, da er vor einer großen Herzoperation steht. Durch Zufall entdeckt er ein kleines Mädchen, gerade mal so groß wie ein Daumen, die jedoch jeglichen Kontakt zu ihm anfangs meidet. Als Sho jedoch die kleine Arrietty erneut erblickt, muss sich das kleine Borger-Mädchen ihrem Schicksal fügen und sich Sho vorstellen. Sie lebt mit ihrer Familie unter dem Haus der Großtante. Sie „borgen“ sich Sachen von den Menschen um sie für sich selbst zu nutzen. Natürlich ist ihre Identität ein streng gehütetes Geheimnis, denn die Borger sehen in den Menschen auch ihren größten Feind. Arrietty scheint sich jedoch mit Sho gut zu verstehen und sie bemerkt schnell, dass manche Menschen gar nicht so übel und böse sind. Eines Tages jedoch gerät die Welt der Borger aus den Fugen, als eine weitere, weitaus unsympathischere Person als Sho die Borger entdeckt.
Die ganze Geschichte basiert auf einer Roman-Reihe von Mary Norton, die ich aber nie gelesen habe und kann daher keine Vergleiche zwischen Buch und Film ziehen. Der Film bringt eigentlich viele Elemente mit, die man bereits aus den zahlreichen anderen Ghibli-Meisterwerken kennt. Hier verzichtet man jedoch zur Abwechslung mal auf spirituelle Geister, hitzige Dampfmaschinen und auf kleine schwarze Nadel-Kugeln mit Augen. Der Film ist, trotz der märchenhaften Grundgeschichte, relativ realistisch gehalten und führt uns schlicht in eine „Was wäre Wenn“-Welt. Ebenfalls sehr auffällig ist wieder einmal der, für Ghibli typische, ruhige Erzählstil, der trotzdem enorm fesseln kann und zu keiner Sekunde langatmig wird. Im Gegenteil, der Film wirkte fast schon ZU kurzweilig auf mich, wodurch gewisse Sachen ein bisschen zu kurz kamen. So hätte man z.B. noch viel interessantere Dinge bei der Bindung zwischen Sho und Arrietty aufbauen können. Hinzu kommen ein paar kleine Ungereimtheiten, wo man sich fragt warum die Protagonisten gerade so handeln. Außerdem muss man sich auch mit einer ordentlichen Präsenz von „Kommissar Zufall“ gefasst machen, der hier in manchen kleinen Szenen gerne sein Unwesen treibt. Das Ganze schadet dem Film zwar nicht besonders, dennoch wäre gerade für Ghibli-Verhältnisse in der Story noch ein wenig Luft nach oben drin gewesen. Immerhin macht der Film sonst Alles richtig und bietet uns gegen Ende sogar eine kleine, wenn auch ebenfalls ruhig gehaltene, Hetzjagd, deren Ausgang liebevoll und kindgerecht ausgeführt wurde.
Optisch ist das Ganze hier selbstverständlich eine klare „10/10“. Ich kenne kein anderes Animationsstudio, dass mich nur allein von der Optik so verzaubern kann wie Studio Ghibli. Auch hier sind die Animationen wieder oberste Liga und haben immer noch diesen leichten Nostalgie-Touch und uns wird eindrucksvoll gezeigt, dass es auch ohne CG überladene und überteuerte Effekt geht. Hier merkt man einfach die Liebe zum Detail und jede noch so kleine Gesichtsmimik wurde sehr vielseitig und originell gestaltet.
Ghibli ist natürlich auch bekannt für die stets sympathischen Figuren. Wie das in den meisten Ghibli-Filmen der Fall ist, wird hier keine typische Märchengeschichte erzählt, wo es wie z.B. bei Disney-Filmen einen Schurken gibt, der dann letztendlich gegen Ende bezwungen wird. Die Charaktere, sowohl die Menschen als auch die Borger, verhalten sich eigentlich alle recht human, der Eine mehr, der Andere weniger sympathisch. Sho bspw. ist ein Charakter, den man eigentlich schnell ins Herz schließt, da er trotz seiner Krankheit weder wehleidig noch deprimiert wirkt. Arrietty, unsere Hauptfigur, ist natürlich im Fokus dieser Geschichte und sie erinnert ein klein wenig an eine Miniaturausgabe von „Prinzessin Mononoke“. Ihre Entschlossenheit und ihr Mut, immer stets hinter ihrer Familie und ihrem Volk zu stehen hat mich permanent sehr beeindruckt. Etwas nervig hingegen fand ich die Hausdienerin, die dann doch so eine Art „Bösewicht“ verkörpern soll, ohne natürlich ins typische Schwarz-Weiß Muster herab zu fallen. Dennoch wirkten viele Gesten von ihr etwas übertrieben „unheimlich“, was die Figur eine Zeit lang zu grotesk wirken lässt. Ansonsten gibt es keine erwähnenswerte Charaktere, da im Zentralfeld eigentlich nur Arrietty, Sho, die Hausdienerin und vielleicht noch Arriettys Mutter von Bedeutung sind.
Es ist als Ghibli-Fan eigentlich schon Pflicht sich diesen wunderbaren Märchenfilm anzuschauen, wenn man im Vorfeld nicht gerade ein „Totoro“, „Mononoke“ oder „Glühwürmchen“ erwartet. Zwar ist dieser Film ganz offensichtlich nicht der stärkste Ghibli-Film, aber immer noch ein schön erzählter Anime mit einer Geschichte die ans Herz geht. Wer allerdings Animes nur guckt, weil er Action, Helden und „supercoole“ Schurken mit ach so coolen Fähigkeiten sehen will, der sollte vor „Arrietty“, so wie vor jedem anderen Ghibli-Film einen Riesenbogen machen.
Fazit
Ghibli hat wieder zugeschlagen. Zwar kann „Arrietty“ nicht ganz an die Qualität von bestimmten anderen Ghibl-Werken anknüpfen, aber er ist für mich persönlich besser und nicht so leicht überladen wie „Das wandelnde Schloss“. Überdurchschnittlich ist dieses tolles Werk auf alle Fälle!
Arrietty bekommt 8,5 von 10 angeknabberte Zuckerstückchen
8,5/10