"Frisches Blut fürs deutsche Genrekino"
Genrefilme haben im deutschen Kino Seltenheitswert. Für die breite Masse gibt es vornehmlich platte Beziehungskomödien und extrem tiefer gelegte Blödelklamotten diverser Comedians. Wer es etwas anspruchsvoller mag, der darf sich der alljährlichen Vergangenheitsbewältigung stellen, oder mit schablonenhaft schwermütigen Betroffenheitsdramen auseinandsersetzen. Darüber hinaus hat der deutsche Film wenig bis gar nichts zu bieten.
Jung-Regisseur Dennis Gansel ging endlich mal wieder das Risiko ein aus diesem festgefahrenen Einheitsbrei auszubrechen und drehte einen lupenreinen Vampirfilm. Gut, sein Kassenerfolg mit Die Welle hat sicherlich beim Auftreiben des nötigen Kleingeldes geholfen. Auch der weltweite Siegeszug der Twilight-Saga dürfte die Produzentensuche erleichtert haben.
Gansel begeht glücklicherweise nicht den Fehler eine teutonische Variation der schwülstigen Vampir-Soap abzuliefern und fährt den Kitsch- und Romantikanteil angenehm deutlich herunter. Zwar gibt es auch hier eine Romanze zwischen Mensch und Blutsauger, diese bleibt aber über weite Strecken im Hintergrund und umschifft auch geschickt die üblichen Sentimentalitäts-Fallen.
Im Zentrum stehen die drei Vampirinnen Louise (Nina Hoss), Charlotte (Jennifer Ulrich) und Nora (Anna Fischer). Sie führen ein hedonistisches Leben, bestehend aus schnellem Sex, noch schnelleren Autos, teuren Klamotten und allnächtlichen Parties. Ihre Feierlaune wird dabei lediglich noch von ihrem unstillbaren Blutdurst übertroffen.
Louise ist mit gut 250 Jahren die Älteste und gleichzeitig die Anführerin des Trios. Männliche Pendants gibt es schon lange nicht mehr, da sich diese als zu schwach und zu gierig herausgestellt haben und bereits vor mehreren hundert Jahren ausgerottet wurden. Auf ihrer ständigen Suche nach dem perfekten weiblichen Gegenstück stößt Lena (Karolin Herfurth) schließlich auf die verwahrloste Kleinganovin Lena und nimmt sie per Biß in ihren Frauenbund auf. Nach anfänglichem Zögern wandelt sich Lena binnen kürzester Zeit vom hässlichen Plattenbau-Entlein zum mondänen Modechick-Schwan und genießt das Leben auf der Überholspur. Ihre flüchtige Bekanntschaft mit dem jungen Polizisten Tom rückt das Blutsauger-Quartett allerdings unvermittelt in den Fokus der Behörden und bedroht damit ihre Existenz ...
Wir sind die Nacht sieht in erster Linie schick aus und wartet mit einem durchgängig hohen Tempo auf. Die Attacken der Vampire auf ihre ahnungslosen Opfer sind rasant inszeniert und geizen keinesfalls mit Blut. Auch die Maskenbildner haben ganze Arbeit geleistet und sorgen für ein paar schaurig-schöne Effekte. Gansel versteht sein Handwerk aber auch auf dramaturgischer Ebene und weiß ganz genau, dass den Zuschauer zu langweilen die größte Sünde des Filmemachens ist.
Bei so viel oberflächlichem Glanz gibt es natürlich bei genauerem Hinsehen auch die ein oder andere Schwachstelle zu entdecken. So hätte eine etwas weniger schablonenhafte Zeichnung der vier Vampir-Ladies dem Film sicherlich nicht geschadet. Vor allem die offenbar am Reißbrett entworfene Berliner Techno-Göre Nora nervt ob ihrer Klischeehaftigkeit beinahe von Beginn an. Schade auch, dass aus der interessanten Konstellation einer fast hundertjährigen Beziehung zwischen Louise und Charlotte so wenig gemacht wird. Hier bleibt der Film allzu oft in Andeutungen und Ansätzen stecken. Das gilt insbesondere für Charlotte, die in ihrer inneren Zerrissenheit und Sehnsucht die spannendste Figur des Quartetts ist und leider zugunsten der vorhersehbaren Entwicklung der Protagonistin Lena zu stark im Hintergrund bleibt.
Darstellerisch kann damit vor allem Karolin Herfurth punkten, zumal ihr Charakter als einziger eine deutliche Wandlung durchmacht. Nina Hoss und Jennifer Ulrich sind dagegen Gefangene ihrer zu oberflächlich angelegten Figuren, machen aber noch das Beste aus dieser Misere.
Letztlich bleibt ein unterhaltsamer deutscher Vampirthriller, der sich keinesfalls hinter vergleichbaren internationalen Produktionen verstecken muss. Weder gibt es eine Anbiederung beim juvenilen weiblichen Publikum in der Hoffnung auf den Twilight-Effekt, noch werden die Zuschauer mit den in vielen heimischen Produktionen üblichen gesellschaftskritischen und grüblerisch-schwermütigen Untertönen genervt.
Mit Wir sind die Nacht liefert Dennis Gansel in erster Linie lupenreines Genrekino mit hohem Unterhaltungswert. Allein dafür gebührt ihm schon Respekt, schließlich ist die deutsche Filmlandschaft in dieser Hinsicht vornehmlich Ödland. Da tut Bewässerung dringend Not, auch wenn es mit Blut ist.