Review

Gott, ja, wir können es ruhig zugeben, es ist ein inhaltliches Remake von Hitchcocks "Cocktail für eine Leiche".
Zwei Schüler (vormals: Studenten) bringen einen Menschen um und wollen beweisen, daß sie das perfekte Verbrechen begehen können, während ihnen die Gegenseite am Ende doch draufkommt, weil sie den eigenen, menschlichen Faktor vergessen haben.

Allerdings sind die Beweggründe unterschiedlich. Glaubten die Studenten bei Alfred noch an die natürliche Überlegenheit intelligenter Menschen mit einem Recht auf eine individuelle Moral (obwohl Hitchcock mehr an der Inszenierung mit möglichst wenig Schnitten und in Realzeit interessiert war), handelt es sich hier um zwei High School-Schüler mit dick Kohle und noch mehr Langeweile in der Tasche, die ihre Außenseiterposition nutzen, um etwas Außergewöhnliches zu schaffen.

Barbet Schroeder präsentiert die Mörder als gegeben und geht dann in die Tiefe. Hier haben wir es nicht mit einem glattgebügelten Schnellschuß zu tun, sondern mit zwei brauchbar ausgearbeiteten Charakteren mit vollkommen unterschiedlichen Lebensumständen, die sich zufällig gefunden haben. Schroeder präsentiert alle Facetten ihres Lebens, die Beziehung zu Mitschülern, ihr Leben ohne Eltern, die Langeweile trotz Intelligenz.
Dagegen wird der Mordfall gesetzt, bei dem am Anfang die Leiche steht und die Aufklärung, bzw. der Verlauf nachträglich zusammengestückelt wird.

Dazu dient uns Sandra Bullock, die als männerkontrollierende Untersuchungsbeamtin einen neuen Kollegen (Ben Chaplin sehr sympathisch und kompetent) regelrecht einreitet, während sie an einem so komplexen Fall sitzt, der geradezu berechnend umfänglich und widersprüchlich ist, daß sie ihn nicht abgeschlossen sehen will.
Dramaturgisch ist es von Vorteil, daß es nicht simpel mit der Entlarvung getan ist. Die beiden Täter haben nicht nur den Mord begangen, sondern auch gleich die Ermittlungen mit vorausberechnet und präsentieren geschickt nach und nach Indizien und einen Täter.

Und als sei das noch nicht genug, werden wir auch noch in das persönliche psychologische Trauma der Cassie Mayweather (Bullock) hineingeschmissen, die während des Falls mit den verdrängten Seiten ihres Vorlebens konfrontiert wird (wenn auch ungewollt) und für die die Lösung dieses Falls letztlich eine Läuterung und Reinigung, also katharsische Wirkung hat. Darauf jetzt noch näher einzugehen, hieße jedoch einige Überraschungen vorneweg zu nehmen, was schade wäre.

Probleme bekommt der Film erst, als er sich genötigt sieht, den Mördern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Tatsächlich steuert die Auflösung auf einen billigen Dreh hin, bekommt dann aber wieder die Kurve, ehe das Mißtrauen zwischen den beiden einen hervorragenden Showdown kreiert, der nicht nur spannungs-, sondern auch actionreich ist und bis zur letzten Minute immer neue Erkenntnisse über die hyperkompliziert geplante Tat und den eigentlichen Mörder der beiden zu Tage fördert. Als Zuschauer werden so immer neue Überraschungen ausgepackt, so daß man sich hier nie Genrekonventionen ergeben kann.

Bullock, die zunächst wie eine ernste Fassung ihres Charakters aus "Miss Undercover" wirkt, hat schon lange nicht mehr eine so vielschichtige Rolle zugeteilt bekommen, die nicht auf den ersten Blick gleich durchsichtig wirkt. Schicht für Schicht eines Charakters wird enthüllt, selbst unangenehm berührt von zwei Mördern, die ihr menschlich näher kommen, als es jeder Mensch wollen würde.
Besondere Schätze sind aber unsere Killer. Ryan Gosling spielt das intelligent rich kid mit arrogant-lässigem Nachdruck und perfider Hinterhältigkeit, samt der Fähigkeit, andere Menschen zu durchschauen und zu manipulieren. Dagegen spielt Michael Pitt den exzentrischen Intelligenzbolzen, dessen Über-Geist den Mordplan ersonnen hat, welcher ihm allerdings keinen Schutz vor menschlichen Schwächen gewährt, wie Liebe oder Eifersucht. Als Extra wird noch eine Mitschülerin in den Ring geworfen, die die zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen den Tätern zusätzlich anheizt, mehr als ein homosexueller Kontext diese getan hätte.

"Mord nach Plan" (ein eher enttäuschender Titel, das Original "Murder by Numbers" macht wesentlich mehr Sinn) ist auf jeden Fall ein hervorragend strukturierter Charakterkrimi mit reichlich psychologischer Tiefe und einem geschickt verschachtelten Drehbuch, eine Art von Film, die heute leider selten geworden ist. Und allein seine Existenz ist Grund zum Feiern. (8/10)

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