Selten wurde Subtext so unterhaltsam präsentiert. Alexandre Aja flechtet in „Piranha 3D" seine Ansichten zur amerikanischen Gesellschaft zwar wenig subtil, dafür aber ungemein effektiv ein. Unter der Oberfläche seines Partyhorrofilms lauern nicht nur die titelgebenden Monster, sondern vor allem ein zynisches Statement über die unkontrollierten Auswüchse westlicher Egomanie und Körperfetischismus.
Am Lake Victoria treffen sich tausende Freizeitsüchtige zum jährlichen Spring-Break. Entspannen, Tanzen, Saufen und - Schwimmen. Letzteres wird Einigen zum Verhängnis als eine Horde prähistorischer Piranhas durch ein Erdbeben befreit wird. Zusammen mit ihrem Deputy (Ving Rhames) versucht Sheriff Forester (Elisabeth Shue) nicht nur die feierwütigen Studenten, sondern auch ihren Sohn (Steven R. McQueen) zu retten, der für den schmierigen Pornoproduzenten Jones (Jerry O'Connel) als Locationscout aushilft.
Den beliebten Genre-Kniff, die Biester als hausgemachte Rache der Natur zu etablieren ignoriert Aja aus gutem Grund. Hier gibt es keine geheimen Militärs oder profitgierigen Unternehmer, die ihren Sondermüll in die Natur schütten und so die Piranhas mutieren lassen. Ajas Piranhas müssen archaischer daherkommen. Als prähistorischer Urviecher sollen sie als Metapher auf den Neandertaler in jedem von uns funktionieren, jederzeit bereit sich notfalls gegenseitig zu zerfleischen, um in einer Erdspalte Millionen von Jahren überleben zu können. Das Erbeben, dass die Piranhas von der Leine lässt, findet in der „zivilisierten" Welt in Form eines Springbreaks-Spektakels seine Entsprechung. In beiden Fällen fällt eine fleischgierige Meute heuschreckenartig in das verschlafene Nest am Lake Viktoria ein. Das gemeinsame Feiern entlarvt sich dabei schnell als ein selbstverliebtes Abfeiern des eigenen Egos. Im Angesicht der prähistorischen Bedrohung, darf die Spring-Break-Meute dann ihr wahres Steinzeit-Ich von der Kette lassen. Skrupellos, egozentrisch und ohne Rücksicht auf andere werden die Ellenbogen ausgefahren, um die eigene makellose Haut zu retten. Aja, lässt dabei niemanden entkommen. Wer bei dem abschließenden Blutbad, und das darf man durchaus wörtlich nehmen, im Hafenbecken nicht stirbt, wird mindestens böse verstümmelt. In einer Welt, in der sich Menschen nur über ihr Äußeres definieren, muss dieses Schicksal schlimmer wirken als ein Todesurteil. Hier gelingt Aja ein brachialer Kommentar auf gesellschaftliche Auswüchse einer außer Kontrolle geratenen Gesellschaft.
Zum Glück funktioniert „Piranha 3D" auch auf ganz anderer Ebene. Selten wurde Subtext in einem Horrorfilm so unterhaltsam präsentiert. Nach gut einem Drittel Spielzeit wippen die Silikonbrüste praktisch im Minutentakt über die Leinwand nur um kurz danach auseinandergerissen zu werden. In seinen besten Momenten erinnert „Piranha 3D" an die Splattersatire „Starship Troopers" (1997), in der Verhoeven seine gelackten Protagonisten mit Gusto den außerirdischen Käfern zum Fraß vorwarf. Der Unterschied: Eine Gesellschaft, die 1997 noch wie Science-Fiction anmutete, ist 2010 bereits bittere Realität. In der eskapatischen Katastrophenfilmhandlung bleibt für die Schauspieler nicht wirklich Platz, um sich zu empfehlen. Sie müssen meisten irgendwelchen albernen Kram aufsagen, um den Trashappeal zu steigern. Auf die Spitze getrieben wird das durch den chargierenden Zurück-in-die-Zukunft-Veteran Christopher Lloyd, der als Meeresbiologe für den obligatorischen, wissenschaftlichen Pseudobackround sorgt. Insgesamt greifen alle Trashrädchen sauber ineinander, wenn Elisabeth Shue als Polizistin traumwandlerisch übers Wasser läuft um ihren Sohn zu retten, Ving Rhames einen Außenborder zum Fischmixer umfunktioniert und Jerry O'Connel als Pornopapst der Schwanz abgebissen wird. Das einleitende Cameo von Richard Dreyfuss geht da schon fast ein bisschen unter.
Insgesamt bleibt Aja seiner Linie treu und versieht seine brutalen US-Remakes nicht nur mit einer eigenen Handschrift, sondern reichert sie mit zynischen Statements über die amerikanische Gesellschaft an. Den fast unerträglichen Folter-Eskapaden eines „The Hills Have Eyes" (2003) ist 2010 ein bitterböser Zynismus gewichen, der Piranha 3D um einiges verdaulicher macht.
Daran werden ich mich noch lange erinnern: Jerry O'Connels letzte Worte als Statement für eine ganze Gesellschaftsschicht.