Richard Dreyfuss, *Oscar*-dekorierter Charaktermime und Vollblutkomödiant, ist tief gesunken - und das nicht nur in der Anfangssequenz von Alexandre Ajas "Piranhas"-Remake von 1978, sondern auch als Darsteller - anders ist diese unwürdige und undankbare Nebenrolle nicht zu erklären.
In der genretypischen Anglerszene, die für gewöhnlich von *Genre-Größen* wie Robert Englund (so wie bei "Hatchet") gespielt wird und somit den beabsichtigten trashigen Charme eines Werkes zusätzlich unterstreicht, verkommt Dreyfuss zur Witzfigur. Sein Cast wäre noch amüsant gewesen, wenn es eine Anspielung auf das Original gewesen wäre, doch in Joe Dantes 70ies-Klassiker "Piranhas" hatte Dreyfuss nicht mitgewirkt, sondern im thematisch ähnlichen "Der weisse Hai" von Steven Spielberg. Oder ist Dreyfuss´ Mitwirkung als Anspielung darauf zu verstehen, dass er - der Star aus "Der weiss Hai" - in dem Remake des Films spielt, der seinerzeit als exploitative und sarkastische Abrechnung mit Spielbergs unerreichtem Kassenhit galt? Ich sage nur: Witz komm raus - Du bist umzingelt!
Somit ist dann auch gleich der Auftakt zu Ajas blutig-barbusigen Fish & Chicks-Splatter-Spektakel ordentlich nach hinten losgegangen, denn auch die erste Piranha-Attacke ist nicht gerade eine tricktechnische Offenbarung - schon gar nicht für ein auf B-Movie getrimmtes Blockbuster-Event.
Nach seinem subtilen Spannungs-Schocker "High Tension" startete Aja seine Karriere als gefeierter Regisseur blutiger Horrorschocker in bester Tradition des 70ies-Terrorkinos und lieferte mit den knochentrockenen Remakes von "The Hills Have Eyes" und des Asia-Horrors "Mirrors" zwei weitere Meilensteine des Genres ab.
Mit seinem dritten Remake blieb Aja dem Horror-Genre zwar treu, ließ aber die düstere Atmosphäre und die Ernsthaftigkeit früherer Werke vermissen und konzentrierte sich auf ein bewusst trashig anmutendes B-Movie, bei dem er als Regisseur so richtig die Sau rauslassen konnte.
Doch wo Regisseure wie Robert Rodriguez oder Quentin Tarantino bei ihren Hommages an das Exploitationkino der 70er Jahre es schaffen, das Feeling dieser Dekade in die heutige Zeit zu transportieren und es den modernen Sehgewohnheiten anzupassen, versagt Aja auf ganzer Linie.
Als Horrorkomödie konzipiert, die sich zu keiner Sekunde ernst nimmt und einfach nur für abgedrehten Spaß sorgen will, ist "Piranha" vor allem eines: überhaupt nicht lustig! Zugegeben - vollkommen übertrieben von mir, denn ein - nein - zwei gute Gags haben es dann doch noch in die Endfassung geschafft!
Also von einem gefeierten Filmemacher, der 2004 vom amerikanischen Magazin *Variety* zu einem der 10 besten Regisseure gekürt wurde, hätte ich einfach mehr erwartet als "Piranha" letzten Endes zu bieten hat.
Trash- und B-Movie-Charme schön und gut - aber Aja erreicht mit Leichtigkeit das unterirdische Niveau des germanischen Klamotten-Machwerks "Ballermann 6" - und das ist eindeutig ein Schritt zurück.
Was den Deutschen ihr *Ballermann* ist, ist für US-Teenies das alljährliche Spring Break und für Ajas "Piranhas"-Remake Dreh- und Angelpunkt für eine dürftige und banale Rahmenhandlung, die neben saftigen Splattereinlagen vor allem eines bietet: Techno-Beats, infantile Geschmacksentgleisungen im Vollrausch und jede Menge Babes mit Mordshupen, die die knappen Bikinis fast zum Platzen bringen. Ja, "Piranhas" ist ein einziger filmischer Ödipus-Komplex.
Und so dienen die bissigen und mordshungrigen Piranhas über weite Strecken lediglich als Alibifunktion für einen lauten und knallbunten Werbespot für Bikinis, bei dem Busen-Fetischisten und Silikonfans gleichermaßen auf ihre Kosten kommen.
Bis es bei der ersten großen und einzigen (!) Massenattacke richtig fetzig (diese Bezeichnung ist wörtlich zu nehmen!) zur Sache geht, darf sich der Zuschauer nicht nur an einer endlosen Fleischbeschau ergötzen, sondern auch an peinlichen Dialogen erfreuen, die bei fast jedem fünften Wort eine witzlose sexuelle Doppeldeutigkeit offenbaren (*Die Spalte* sei nur eines von vielen Beispielen). Ob sich Pete Goldfinger und Josh Stolberg während des Drehbuch-Entwurfs in der Pubertät befanden vermag ich nicht zu bestätigen, aber Sigmund Freud hätte an ihnen seine wahre Freude gehabt.
Der Cast liest sich vielversprechend: neben diversen bekannten Gesichtern aus Kino und TV wie Ving Rhames (bekannt aus den "Dawn"- und "Day Of The Dead"-Remakes) und Elisabeth Shue ("Hollow Man"), werden auch diverse Stars und Sternchen aus der Hardcore-Branche gnadenlos verheizt.
Während Christopher Lloyd ("Zurück in die Zukunft I - III") - wo auch immer - ausgegraben wurde und in einer maßlosen Overacting-Performance einmal mehr den verschrobenen Wissenschaftler spielt, stellt Jerry O´Connell ("Scream 2", "Crossing Jordan") wieder einmal sein Faible für Rollen unter Beweis, in denen die männlichen Genitalien eine gewichtige Rolle spielen: In der Sex-Klamotte "Tomcats" war es ein Hoden, der durch eine College-Mensa kullerte und in den Mund einer ahnungslosen Studentin wanderte und verspeist wurde, bei Ajas Horrorgroteske wird O´Connell von einem der Killerfische kastriert. Anschließend rotzt der Piranha dem Zuschauer das abgenagte Gemächt ins Gesicht.
Ja, lieber Filmfreund - es wird gerotzt und auch gekotzt und die 3D-Technik machts möglich, dass sämtliche Körperflüssigkeiten effektvoll in Richtung des Publikums geschleudert werden.
Aber macht das ein herrlich abgedrehtes, sinnfreies und trashiges B-Movie aus? Ja, aber es sollte als Gesamtpaket stimmig sein - doch es mangelt "Piranha" vor allem auch an Spannung, Dramatik und wirklich guten Gags, denn außer Zoten und Absurditäten ist nichts gewesen. Humor und Story fehlt es an Biss, die Schocks sind zu vordergründig und vorhersehbar, die Special Effects zu CGI-lastig.
Das Drehbuch versteift sich zu sehr auf Splatter und Nuditäten, ohne dem Genre neue Impulse zu verleihen. Der Charme des Originals wird zu keiner Zeit erreicht.
Im Finale ab der 60. Minute laufen Regie, Drehbuch und Effektkünstler dann endlich zur Hochform auf. Aja serviert eine hektisch und blutrünstig inszenierte Attacke und Massenpanik, lässt das absurde Kindergarten-Theater der vergangenen Stunde vergessen, liefert eine splattrige Schlachtplatte mit massenhaft Gore ab und zündet genau das spaßige Feuerwerk, das der Zuschauer in den ersten beiden Dritteln vermisste.
Einfallsreich ist das Szenario noch immer nicht, aber immerhin wurden diverse Stilelemente und Szenen aus anderen Filmen abgekupfert und treiben den Trashpegel endlich in eine angemessene Höhe.
Trash ist genau das, was ab der 60. Minuten abgeliefert wird - beispielsweise wenn Splatter und Gore auf die Spitze getrieben werden, Hardcore-Akrobatin Gianna Michaels (*die fliegenden Titten*) in einem Cameo-Auftritt ihren gewinnträchtigen Unterleib abgefressen bekommt und Ving Rhames in bester "Braindead"-Tradition mit der Schraube eines Bootsmotors die Piranhas in Einzelteile zerlegt, bis er knietief in einem blutigen Sud aus menschlichen Eingeweiden und Fischabfällen steht, während ein Mädchen durch eine Schiffsschraube skalpiert wird oder zwei andere durch ein Stromkabel mittig zerteilt werden - entnommen aus der Anfangssequenz von "Ghost Ship" - ohne Zweifel erinnerungswürdige Filmmomente, aber leider schlecht getrickst.
Während die CGI-Effekte keineswegs überzeugen können, sind vor allem die extrem blutigen Maskeneffekte - neben unzähligen nackten Brüsten - die optischen Schauwerte des Films - hier erkennt man den Qualitätsunterschied zwischen Handarbeit (bitte nicht doppeldeutig verstehen!) und Computeranimation.
Die Szene, in der sich ein Piranha aus dem Mund einer Darstellerin frisst hat zwar Kultpotential, verliert aber durch die simpel getrickste CGI-Animation an Intensität.
Ja, das *Badestrand-Massaker" ist das Highlight des zweiteiligen *High Noon* beim Spring Break-Rave, denn während sich die Killerfische durch den Wet-T-Shirt-Contest fressen, gibt es im kleinen Finale noch etwas Dramatik, die an den Showdown von "Der weiße Hai II" erinnert.
Dass der Film jedoch nach 78 Minuten reiner Spielzeit zu Ende sein sollte war für mich die größte Überraschung - und Enttäuschung zugleich. Denn kaum hatte sich das lang erwartete Horror-Feeling entfaltet, war´s auch schon wieder vorbei und von daher war es einfach zu wenig, was dem eingefleischten Horrorfan hier vorgesetzt wurde.
Um auf dem Niveau des Films zu bleiben: "Piranha" ist wie Sex - erst ein unnötig in die Länge gezogenes Vorspiel, kurze Stoßzeit und wenn man gerade richtig in Stimmung ist gibts den unerwarteten Coitus interruptus! Enttäuscht legt man sich beiseite und zieht die Decke über den Kopf.
Die beste Arbeit an diesem leidlich unterhaltsamen Film leisteten der Musik-Supervisor, das Effekte-Team Berger/Nicotero und die Casting-Agentur. Der Score und die blutrünstigen Splattereinlagen lassen keine Wünsche offen und das Angebot an Möpsen ist reichhaltig und vielseitig.
"Piranha" aus der Dimension-Schmiede ist wie viele Remakes auf ein jugendliches Publikum zugeschnitten. Gröhlende Teenies werden dann auch sicherlich ihren Spaß daran haben, zumal "Piranha" als filmisches Wörterbuch die Sprachschatzerweiterung der Jugend fördert. Ebenfalls abgekupfert vom Türsteher aus dem Titty Twister (*FDTD*) darf Eli Roth in seinem Cameo dem Zuschauer die verschiedensten Bezeichnungen für den größten Hauptdarsteller dieser Pseudo-Horrorkomödie erläutern: den Busen - auch bekannt als Möpse, Titten, Euter, Milchtüten oder klingende Glocken. Habe ich noch was vergessen? Ach ja! Die *fliegenden Titten* von Gianna Michaels. Und Jerry O´Connells abgeknabberte Nudel macht den Biologie-Unterricht für Teenies mit Hormonstau und Samenkoller perfekt.
Filmfreund, definiere Trash! Davon ist Alexandre Ajas Machwerk teilweise meilenwert entfernt.
4,5/10