Nachdem er bereits „Shanghai Blues“ inszeniert hatte, veröffentlichte Tsui Hark zwei Jahre später „Peking Opera Blues“, der trotz des Titels und des ähnlichen Settings keine Fortsetzung darstellt. Da hier auch einige Martial-Arts-Einlagen erhalten waren, ging der deutsche Verleih auf Nummer sicher und machte fürs hiesige Publikum „Peking Action Blues“ daraus.
Eine große geschichtliche Einordnung fürs westliche Publikum gibt es nicht, es geht in die frühen Jahre der Volksrepublik China anno 1913, als diverse Warlords ihre jeweiligen Machtbereiche für sich schufen. Einer davon, General Tun (Huang Ha), muss allerdings merken, dass das nur funktioniert, wenn man seine Truppen auch vernünftig bezahlt, denn seine Soldaten stürmen seinen Palast, in dem er mit seiner Familie in Saus und Braus lebt, während er ihnen noch mehrere Gehälter schuldig ist. Zufällig vor Ort ist auch die Musikerin Sheung Hung (Cherrie Cheung), der bei dem Trubel eine Schatulle mit wertvollem Schmuck in die Hände fällt. Da aber überall Soldaten sind und Kontrollen durchführen, versteckt Sheung Hung die Beute im Gepäck anderer Leute – und wird dummerweise vom Objekt ihrer Begierde getrennt.
Die Kiste mit der Beute landet bei der Peking-Oper-Truppe von Mr. Wong (Wu Ma) als Deko. Dort dürfen klassischerweise nur Männer auftreten (auch in Frauenrollen), was Tongs Tochter Pat Neil (Sally Yeh) so gar nicht passt, die von der Bühne träumt. Zu den Gästen gehören sowohl Inspektor Liu (Ku Feng) als auch der Warlord und General Cho (Kenneth Tsang). Dessen Tochter Tsao Wan (Brigitte Lin) sieht die selbstsüchtigen Umtriebe ihres Vaters gar nicht gern und lässt sich daher mit Guerillas ein, die gegen die Warlords und für das Gesamtwohl der chinesischen Republik einstehen. Ihr Partner bei der Aktion ist der smarte Ling Pak-Hoi (Mark Cheng), vervollständigt wird das Hauptfigurenquintett noch um den Soldaten Tung Man (Cheung Kwok-Keung), der früher in den Diensten des Pleitegeier-Warlords Tun stand.
Im Umfeld der Peking-Oper überschneiden sich die Wege der fünf Hauptfiguren: Sheung Hung will die Beute sichern, Tsao Wan und Ling Pak-Hoi sind hinter einem wertvollen Papier her, dass General Cho in seinem Safe aufbewahrt, während Pat Neil und Tung Man bald ebenfalls in das Treiben hineingezogen werden…
Erzählerisch ist „Peking Opera Blues“ sicherlich kein großes Wunderwerk. Die Hintergründe zu Warlords, Rebellen und gesellschaftlicher Ordnung bleiben – zumindest ohne große eigene Beschäftigung mit der chinesischen Geschichte – eher nebulös, das Schreiben, um das sich alle kloppen, ist eher ein MacGuffin, dessen Bedeutung zwar kurz erklärt wird (irgendwas mit Beweisen für Landesverrat), die man danach direkt aber vergisst. Sheung Hungs Schatulle der Begierde verschwindet gen Filmmitte auf Nimmerwiedersehen aus der Handlung, wird dann immerhin durch den allgemeinen Wunsch nach Geld und Reichtürmern ersetzt. Wer jetzt genau der Oberschurke sein soll (der Pleitegeier-Warlord, Tsao Wans Vater oder der Inspektor) kristallisiert sich erst so halbwegs im Laufe des Films heraus. Liebesgeschichten zwischen den Protagonisten werden zart angedeutet, aber nie ausgeführt, und am Ende reiten alle ihrer getrennten Wege, was man immerhin als interessanten Bruch mit Konventionen sehen kann. Die Anmerkung, dass man sich vielleicht eines Tages wiedersieht, wirkt wie das Versprechen eines möglichen Sequels, das aber nie kam.
Der deutsche Titel „Peking Action Blues“, ebenso wie der Alternativ- bzw. Untertitel „Fünf Schwerter für die Freiheit“, heben dann auf die Kampfkunstkomponente des Ganzen ab, doch Harks Film ist kein reiner Martial-Arts-Film. Verantwortlich für die Action zeichnet Ching Siu-Tung, gekämpft wird aber nicht dauerhaft, sondern vor allem im Schlussakkord. Es gibt einige nette choreographische Ideen, etwa wenn Tung Man mit Hilfe einer Gittertür vier Gewehre auf einmal abfeuert oder die Heldentruppe die Bühne der Peking-Oper für eine rasante Flucht nutzt, bei der sie unter anderem Stoffbahnen abfeuern, an denen sie sich durch die Halle schwingen. Für den finalen Bösewicht haben sich Hark und Siu-Tung auch einen wahrlich memorablen Abgang einfallen lassen. An die Furiosität eines „Once Upon in China“ reicht das Gebotene zwar in Sachen Inszenierung und Choreographie nicht ganz heran, sehenswert ist es aber trotzdem. Harks Film ist – wenig verwunderlich angesichts des Titels – eine Liebeserklärung an die Peking-Oper, baut gleich mehrere Aufführungen mit Musik, Tanz und Akrobatik ein, die schick choreographiert sind. Manchmal gehen Opern- und Actionszenen fließend ineinander über, gerade in zwei besonders elaborierten Set Pieces.
Mit unterschiedlichem Erfolg bauen Hark und Drehbuchautor Raymond To den Hongkong-Humor in das Ganze ein, oft als Verwechslungs- und Verkleidungsburleske. Manchmal trifft der Witz ins Schwarze, etwa wenn die Leiche eines Schurken für ein Ablenkungsmanöver verwendet wird, manchmal wirken die Gags peinlich und doof, etwa wenn der schurkische Inspektor den Star der Peking-Oper heiraten will. Die Beteuerungen, dass er doch ein Mann sei, werden von dem fiesen Lustmolch überhöht, als sei dies eine etwas schmierige Variante des Finales von „Manche mögen’s heiß“.
Vor allem aber wirkt der Ton manchmal etwas uneinheitlich. Manchmal ist „Peking Opera Blues“ eher ein ernster Spionagethriller, in dem es Tote gibt (wenngleich die Hauptfiguren den Film relativ unbeschadet überstehen) und eine Hauptfigur sogar gefoltert wird. Manchmal ist es ein Drama über die Selbstbestimmung von Frauen zu Beginn des 20. Jahrhundert: Cheung Hung will der vulnerablen Existenz als fahrende Sängerin durch den schnellen Reichtum entkommen, Pat Neil möchte auch auf die reinlich männlich dominierte Opernbühne, während Tsao Wan zwar Macht hat, aber mit ihrer Kurzhaarfrisur und ihrem Auftreten wohl etwas männlich rüberkommen muss, um sich zu behaupten. Die Schurken dagegen nutzen ihre Macht aus, haben eine zweistellige Anzahl von Ehefrauen und wollen heiraten, wen sie möchten, egal was der- oder diejenige dazu sagt. Manchmal ist „Peking Opera Blues“ aber eben auch sehr komödiantisch und bisweilen sogar albern, dass es die anderen Storyansätze etwas untergräbt.
Dafür ist die Besetzung gut aufgelegt, allen voran Brigitte Lin als toughe Leading Lady mit durchscheinender romantischer Ader, die zwischen Loyalität zum Vater und Loyalität zur Republik hin und her gerissen ist. Sally Yeh als um Ausgleich und Gerechtigkeit bemühte Streiterin ist ähnlich stark, Cherrie Cheung als selbstsüchtige, aber letzten Endes doch gutherzige Diebin ist nur minimal schwächer. Die beiden männlichen Hauptdarsteller Mark Cheng und Cheung Kwok-Keung bekommen etwas weniger Raum, sind aber ähnlich gut. Die Schurkendarsteller, vor allem Kenneth Tsang, Ku Feng und Huang Ha, overacten ein wenig, aber das passt gut zu den aufgedrehten Schmierlappen von Bösewichten.
„Peking Opera Blues“ ist eine bunte Mischung aus Spionagethriller, Musical-Einlagen, Martial-Arts-Action, Comedy und Emanzipationsdrama, vollgestopft mit Ideen und Set Pieces, hinter denen die Geschichte merklich zurücktritt. Der Ton ist nicht einheitlich und manchmal beißt sich die Anzahl an Genres und Stilen ein wenig, doch Harks Inszenierung und die optische Pracht halten den Film am Ende doch noch zusammen.