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„…dominante Ehefrau, deshalb selten zu Hause…“

Am 5. Oktober 1997 ging ein weiteres langjähriges, bis heute aktives „Tatort“-Team auf Sendung: 24 Jahre nach Zolloberinspektor Kressin erschien Köln wieder auf der Landkarte der öffentlich-rechtlichen Krimireihe, nachdem der WDR den Zweig um die Düsseldorfer Ermittler Flemming, Koch und Ballauf (Klaus J. Behrendt) eingestellt hatte. Ballauf, der innerhalb der Reihe erst nach Kanada ausgewandert und dann für die USA im Kampf gegen die Drogenkriminalität tätig geworden war, blieb jedoch erhalten und bildete fortan zusammen mit Alfred „Freddy“ Schenk (Dietmar Bär, „Männer…“) ein neues Team. Das Drehbuch zu dessen erster Episode „Willkommen in Köln“ stammt vom erfahrenen „Tatort“-Autor und späterem Regisseur Niki Stein; die Regie führte Kaspar Heidelbach, der damit nach „ Der Mörder und der Prinz“ seine zweite von bis dato 20 „Tatort“-Episoden inszenierte.

„Du bist doch krank!“

Max Ballauf leitet ein Einsatzkommando der US-Drogenfahndung, als Köder dient seine sich als Prostituierte ausgebende Lebensgefährtin und Kollegin Eileen (Shellye Broughton, „Malcolm X“) – was sie ihr Leben kostet. Als Ballauf daraufhin betrunken einen Streifenwagen rammt, wird er verhaftet und nach Deutschland zurückgeschickt, wo er fortan als Kriminalhauptkommissar in Köln und damit Vorgesetzten des Oberhauptkommissars Alfred „Freddy“ Schenk eingesetzt wird. Was er noch nicht weiß: Schenk hatte sich selbst Hoffnung auf den Posten als Hauptkommissar gemacht. Entsprechend unterkühlt fällt der Empfang aus. Diese Animosität belastet auch die Ermittlungen im Falle des tot aus dem Rhein geborgenen ehemaligen Polizisten Korff, der zuletzt für „KWS“, den privaten Sicherheitsdienst des Unternehmers Garry Busch (Thomas Thieme, „Tatort: Blindflug“), tätig gewesen war. Die Polizei ermittelt im Drogenmilieu, gegen das Busch und dessen Mannen seit jeher unerbittlich vorgehen. Ballauf stößt jedoch auf mehrere Ungereimtheiten, womit er bei seinem Team aber auf taube Ohren stößt – Garry Busch und KWS erfreuen sich sowohl bei der Stadt Köln als auch bei der Polizei hoher Beliebtheitswerte und man arbeitet regelmäßig zusammen…

Die in Miami spielenden Szenen wurden an Originalschauplätzen gedreht und bilden einen nach US-Action-Vorbild durchästhetisierten Auftakt mit Schießereien, Toten und einem herben Verlust für Ballauf. Nachdem er aus dem Land geworfen wurde, verlagert sich die Handlung nach Köln und damit zum toten Ex-Bullen und dem abweisenden Schenk, der hier noch als Arschloch-Bulle eingeführt wird. Ballauf hat wahrlich keinen leichten Einstand, schmeißt zwischenzeitlich sogar die Brocken hin und wird auch noch niedergeschlagen, woraufhin er im Krankenhaus landet. Eine kollegiale, zielorientierte, effektive Zusammenarbeit scheint nicht möglich. Nachdem Ballauf Schenk wegen dessen Klüngelei mit Busch kritisierte, sieht er sich in der misslichen Lage, gewissermaßen gegen die Polizei und damit seinen eigenen Brötchengeber arbeiten zu müssen.

Dass er dies dann auch mit Spürsinn und Geschick tut, macht den Reiz des Mittelteils dieses „Tatorts“ aus, der zuvor vor allem die dysfunktionale Zusammenarbeit zwischen Ballauf und quasi allen anderen thematisierte und Einblicke ins kleinkriminelle Drogenmilieu gewährte, um dabei Figuren wie Garry Busch oder Drogendezernatsleiter Assenbacher (Paul Faßnacht, „Die Sieger“) auf eine Weise charakterlich zu umreißen, dass sie undurchsichtig bis zwielichtig wirken. Dies trifft auch auf weitere Figuren der Polizei und aus deren Umfeld zu, was den Fall hier und da zu überfrachten droht, ihn stattdessen aber interessant und spannend hält. Als schließlich weitestgehend geklärt ist, wo der Hase im Pfeffer liegt und was von den verschiedenen Figuren zu halten ist, sorgt ein spektakuläres Finale für erneute Action-Einlagen, die einmal mehr an US-Action-Entertainment gemahnen.

Diesen etwas zu offensichtlichen, einem etwaigen Realismus entgegenwirkenden Vorbildern gegenüber steht eine gar nicht so dumme, mit ambivalenten Figuren bestückte Handlung, die die kluge Warnung transportiert, staatliche Verantwortung – insbesondere in der Exekutive – nicht an Privatunternehmen auszulagern und die kritische Distanz ihnen gegenüber zu verlieren. Zu Ballauf will der ihm hier angedichtete Machismo nicht so recht passen, aber Schenk gibt einen prima Stinkstiefel, der sich erst gegen Ende, eingesteht, dass sein neuer Vorgesetzter richtig lag. Die Dialoge muten authentisch an und die schauspielerischen Leistungen sind überdurchschnittlich, insbesondere Bär und Thieme machen Laune. Fazit: Schwieriger Einstand für Ballauf, gelungener für sein Publikum – ein unterhaltsamer Spagat zwischen Schauwerten und Anspruch.

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