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„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“, so sprach Goethes Faust. Auf der einen Seite ist Balletttänzerin Nina zerfressen von dem Traum, einmal die Hauptrolle des Stückes Schwanensee spielen zu dürfen; über Jahre hinweg ackert sie dafür, übt jedes Detail der Choreografie bis ins i-Tüpfelchen perfektionistisch ein. Auf der anderen Seite, allerdings, treibt sie dieses Streben nach Selbstverwirklichung und Erfolg in eine schmerzhafte körperliche  Selbstzüchtigung; Fußnägel reißen auf, Blutergüsse bildeten sich, Haut löst sich ab: ihr Körper wehrt sich. Wer in diesem Geschäft gut sein will, so scheint es, muss leiden. In der vermutlich gelungensten Szene von „Black Swan“ illustriert Aronofsky einmal präzise diesen Widerspruch zwischen dem was das Ballett von ihr verlangt und dem was ihr Körper braucht: Um Nina eine Freude zu bereiten, um das Erlangen der Rolle der Schwanenkönigin mit ihr zu feiern, backt ihre Mutter ihr eine Torte; es wäre der richtige Moment für Nina, sich zu belohnen, hat sie doch endlich ihr Ziel erreicht; doch sie kann sich keinen Kilo zu viel auf den Rippen erlauben; ihre Passion raubt ihr die Möglichkeit, frei über sich zu entscheiden und ist in diesem Sinne Glück und Unglück zugleich. 

In diesem Stadium der Geschichte wäre freilich alles möglich gewesen; in alle Richtungen hätte sich der Film bewegen können. Und zugetraut hätte ich Regisseur Darren Aronofsky, dass er den mit „The Wrestler“ eingeschlagen Reifeprozess fortführt, sich weiter entwickelt und sich an einem zweiten Film versucht, der nah am Menschen gebaut ist, der unseren Zeitgeist atmet, der ernstgenommen werden möchte. Doch nichts von alledem trifft auf „Black Swan“ zu. Stattdessen hebt er die Problematik auf eine irrationale Ebene, spielt (wieder einmal) mit Fiktion und Realität; natürlich in einer Weise, dass die Grenzen verwischen, mitnichten Klarheit herrscht und es nur noch um das Bild an sich geht, das nichts weiter als frappieren möchte. Willkürlich, desinteressiert werden Sexualitätsprobleme, gestörte Mutter-Tochter-Beziehungen oder Konkurrenzkämpfe im Darstellerteam in die Handlung eingewebt, wodurch „Black Swan“ endgültig den roten Faden aus den Händen gibt und jegliche Form narrativer Stringenz gleich dazu. An der öden, mutlosen Effekthascherei zeigt er letzten Endes mehr Interesse als an der fabelhaft grimassierenden Natalie Portman. Sein neuester Film ist nach allen Regeln der Kunst ein Schritt zurück; wer nichts zu sagen hat, sollte besser schweigen.       

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