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George Clooney spielt einen Auftragskiller, der in Schweden von zwei seiner Kollegen liquidiert werden soll, diese jedoch erschießen kann. Seine Geliebte muss dies mit ansehen, weswegen er sie ebenfalls töten muss, um seine Tarnung nicht auffliegen zu lassen. Er taucht in Italien unter, wo er einen neuen Auftrag annimmt. Während er ein spezielles Gewehr anfertigt, wird er von Schuldgefühlen geplagt und weiterhin verfolgt und bedroht. Er denkt ans Aufhören, zumal er sich in eine Prostituierte verliebt, mit der er ein neues Leben beginnen will.

Mittlerweile hat man sich ja daran gewöhnt, dass es im Kino immer hektischer zugeht. Egal, ob im modernen Staccato-Actionkino, im Horrorgenre, in dem ein Schockeffekt den nächsten Jagd, oder beim Teeniefilm, durch deren Vertreter ja gehastet werden muss, weil die Zuschauer sonst nach drei Minuten ihre Handys zücken und sich anderweitig unterhalten. Gut, dass sich mit Anton Corbijn auch mal einer von diesem Trend entfernt. Dass der Fotograf, der zuletzt "Control" inszenierte, dabei auch noch sämtliche Hollywood-Stereotypen bei seiner Adaption des Romans "A very private Gentleman" umschifft, ehrt ihn umso mehr und führt zu einem sehenswerten Thriller-Drama mit Seltenheitswert.

Nachdem der Killer in Schweden drei Menschen, darunter seine Geliebte, erschossen hat, trifft er in Rom einen Auftraggeber, der ihn in die italienische Provinz schickt. Seine Vergangenheit ist vollkommen unschlüssig, er ist ein geschickter Handwerker, hat ein Schmetterlingstattoo und ist Amerikaner. Das reicht. Wichtig ist das Hier und Jetzt. Corbijn, dem Bilder hier eindeutig wichtiger als Worte sind, blickt seinem einsamen, isolierten, von Schuldgefühlen geplagten Killer über die Schulter, wenn er trainiert, in diversen Kneipen etwas isst oder trinkt, wenn er ins Bordell geht und besonders oft dabei, wie er an seiner Waffe herumschraubt. Das Leben des Amerikaners ist in Gefahr, er weiß nicht, wem er trauen kann, jeder Fremde könnte ein Killer sein, seine Geliebte, die eine Waffe bei sich trägt, ebenfalls und seinem Auftraggeber und dessen Leuten kann er sowieso nicht trauen. Man erfährt fast nichts über die Beteiligten und dies ist auch der Grund für eine permanent gespannte, undurchsichtige und bedrohliche Atmosphäre, die durch die versierte musikalische Unterlegung (von Herbert Grönemeyer) zusätzlich an Dichte gewinnt. Action-Szenen oder Gags gibt es keine, schnelle Schnitte fast überhaupt nicht und wenn mal eine Schrecksekunde eingestreut wird, ist diese umso intensiver.

Neben der Atmosphäre ist Anton Corbijn vor allem an Bildern interessiert, die dem Fotografen auch hervorragend gelingen. Die hervorragenden Landschaftsaufnahmen der Einöde von Schweden geben anfangs einen kleinen Vorgeschmack auf das, was noch kommt. Corbijn setzt die kleinen italienischen Dörfer, eines malerischer als das andere, und auch die Landschaften dazwischen, die Berge und besonders die Lichtung, an der sich der Amerikaner gern aufhält, nicht nur versiert, sondern überragend in Szene. Jede Aufnahme sitzt, sodass "The American" fast wie ein knapp zweistündiger Video-Clip erscheint, der seine Faszination nicht verliert.

Einblicke in die Seele des Killers gibt es allerhöchstens bei den Gesprächen mit dem Pater des italienischen Bergdorfs. Wirklich intensiv ist der Film aber sowieso immer dann, wenn nicht gesprochen wird, Spannung, Ungewissheit und Bedrohung aber in der Luft liegen. Da stört auch das ausgesprochen langsame Erzähltempo kaum, zumal es für Corbijn letztlich überhaupt keinen Grund gibt, seinen Film zu beschleunigen, denn George Clooney trägt diesen über weite Strecken, gewährt durch Gestik und Mimik mehr Einblicke in den Amerikaner, als es manch ein Dialog vermocht hätte. Clooney, in diesem Film extrem lakonisch und schweigsam, könnte den isolierten, ausgebrannt erscheinenden Killer kaum besser darstellen und überzeugt durchweg mit einer humorlosen Darstellung, die dem Charmeur möglicherweise so nicht zuzutrauen gewesen wäre. Aber auch der restliche Cast, wenngleich nicht mit allzu langen Auftritten, überzeugt auf ganzer Linie. Thekla Reuten, in ihrer Rolle extrem charismatisch, spielt ebenfalls sehr stark auf, sodass jeder Auftritt ein kleines Highlight des Films ist, während Johan Leysen den Auftraggeber des Amerikaners regelrecht beängstigend undurchsichtig verkörpert.

Fazit:
Man kann sich daran stören, dass "The American" quälend langsam erzählt ist, dass viele Hintergrundinformationen fehlen und dass die Dialoge ohne weiteres auf einem Bierdeckel Platz finden würden. Doch Corbijns Werk ist ein ausgesprochen intensives Thriller-Drama, das von seinen berauschenden Bildern, seiner dichten Atmosphäre und seiner Grundspannung lebt, auch ohne, dass Corbijn auf gängige Action-Einlagen oder stereotype Schockeffekte zurückgreifen muss. Ein echtes Highlight im grauen Kinoalltag.

79% 

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