Das Tempo, mit dem sich unsere Gesellschaft im Zuge neuer medialer Möglichkeiten verändert, hat im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends Dimensionen angenommen, die es immer schwieriger machen, dem aktuellen Stand der Technik zu folgen. Die neuen Wege zur Übermittlung von Informationen lassen mit der Etablierung von Facebook, MySpace und Co. die Frage aufkommen, ob der Begriff „Privatleben“ inzwischen völlig neu definiert werden muss – privat ist nicht mehr nur das, was wir aus reinem Vergnügen in unserer Freizeit machen, sondern nur noch das, was wir nicht twittern, bloggen oder über den Buschfunk schicken. Nur eines hat sich im Vergleich zu früher nicht geändert: Je intimer die Informationen, desto spannender sind sie für potentielle Mitleser. Und wenn es um delikate Bettgeschichten geht, folgt jeder gern.
Diesen Umstand macht sich die Außenseiterin Olive (Emma Stone) zunächst eher unfreiwillig zunutze, indem sie ihrer (angeblichen) Freundin Rhiannon (Alyson Michalka) vom Verlust ihrer Unschuld durch einen ausgewachsenen Kerl vom College erzählt. Selbstredend, dass diese Geschichte frei erfunden und lediglich einer verzweifelten Sehnsucht nach Anerkennung geschuldet ist, was Rhiannon dank völliger Immunität gegen besseres Wissen dazu veranlasst, die Neuigkeit sofort in Umlauf zu bringen. Zunächst ist Olive geradezu davon beseelt, plötzlich jemand zu sein, wenn auch nur das Flittchen, doch es soll nicht lange dauern bis die medial verbreiteten Lügen eine unangenehme Eigendynamik entwickeln – nicht zuletzt durch den Zorn der ultrareligiösen Pfarrerstochter Marianne (Amanda Byrnes).
Letztere Figur steht geradezu sinnbildlich für die Art und Weise, mit der Regisseur Will Gluck seine satirischen Spitzen verteilt. Fanatische Christen sind seit jeher ein dankbares Ziel für Spott, in der amerikanischen Provinz aber eine feste Institution – ein für Außenstehende immer noch befremdlicher Umstand, der hier durchaus treffend karikiert wird und in seiner Darstellung trotzdem nicht allzu weit von der Realität entfernt ist. Diese bittere Note wird durch das hemmungslos alberne Chargieren der Schauspieler weitesgehend übertüncht und die Figuren statt der Selbstdemontage einer merkwürdig umpassend wirkenden Lächerlichkeit preisgegeben.
Etwas besser, wenn auch nicht viel subtiler, verläuft der Frontalangriff auf die neuzeitlichen Kommunikationsgewohnheiten. Wer alles glaubt, was die iPhones von den Dächern zwitschern, schwimmt bloß mit der Masse, aber wer das Thema bestimmt, ist KönigIn für eine Nacht, auch wenn er/sie mit den Konsequenzen leben muss. Und so teilen sich die Jugendlichen an der High School in verschiedene Gruppen auf: Besagte große Masse, die sich an den Geschichten labt und kein Interesse an der Wahrheit hat; diejenigen, die die Geschichten produzieren und in die Welt tragen und nicht zuletzt die Beklatschten, die von allen am wenigsten Einfluss auf das Inhaltliche haben, obwohl sie in der Regel als einzige die reine Wahrheit kennen. In letzterer Rolle findet sich die Protagonistin wieder, die das informelle Treiben ihrer Mitschüler erst zu ihren Gunsten zu nutzen weiß, später andere Außenseiter an ihrem neu gewonnen Image teilhaben lässt, dem Stille-Post-Prinzip am Ende aber hilflos ausgeliefert ist.
Die Grundthematik zugunsten eines höheren Unterhaltungsniveaus simplifiziert darzustellen, mag man Will Gluck nicht weiter ankreiden, dass er sich auf die „Tugenden“ der locker beschwingten, aber – mit Ausnahme von The Breakfast Club – naiven 80er-Jahre-Teeniekomödien beruft, um die alles andere als schlüssige Wendung zu Guten zu rechtfertigen, hingegen schon. Wenngleich man einem so sympathischen Charakter wie Olive das Liebesglück durchaus gönnt, ist die nicht näher thematisierte Beziehung zu ihrer Quasi-Jugendliebe (hätten sich einmal beinahe geküsst, er glaubt der Gerüchteküche nicht) ein ärgerliches Zugeständnis an die gängigen Konventionen der massenkompatiblen Hollywoodkomödie, die der Film nicht nötig gehabt hätte und die satirische Attacke gegen den jugendlichen Zeitgeist fast vergessen macht.
Die genannten Schwächen werden aber dank einer erfrischend aufspielenden Schauspielerriege hinreichend abgefedert: Emma Stone ist für die überaus intelligente, schlagfertige Olive dank ihrer natürlichen Ausstrahlung eine Idealbesetzung und bildet einen angenehmen Kontrast zu den übrigen Highschoolkids, die konzeptbedingt nur stereotypen Verhaltensmustern folgen. Des weiteren glänzen Patricia Clarkson und Stanley Tucci als unkonventionelles Elternpaar; in weiteren Nebenrollen tummeln sich bekannte Namen wie Thomas Haden Church, Ex-„Friend“ Lisa Kudrow und Malcolm McDowell sowie SNL-Komiker Fred Armissen in einem dramaturgisch sinnfreien Cameoauftritt als Pfarrer.
Trotz aller Defizite ist Easy A, vor allem dank Hauptdarstellerin Emma Stone, eine insgesamt sehenswerte, wenn auch nicht eben subtil geführte Attacke gegen zweifelhafte Auswüchse der Jugendkultur, die sich durch eine aufgesetzte Wohlfühldramaturgie im Schlussdrittel selbst ihrem satirischen Biss beraubt.