Wenn man als Teenager kein Playmate des Monats an der Wand hängen hat, sondern das Periodensystem der Elemente, dann ist man bei seinen Schulkameraden meist nicht sonderlich beliebt - und schon gar nicht bei den weiblichen. Peter Parker (Tobey Maguire) ist eh egal, was die anderen von ihm halten; was für ihn wirklich zählt, ist die Zuneigung des süßen Rotschopfs Mary Jane (Kirsten Dunst), doch die hat leider schon einen Freund, und der zu allem Übel auch noch einen schicken Flitzer. Doch nachdem Peter während eines Schulausfluges von einer genmanipulierten Spinne gebissen wurde, hat auch er etwas, mit dem sich Menschen beeindrucken läßt. Peter wird zur menschlichen Spinne, die an Wänden hochkrachseln und Spinnweben aus dem Handknöchel schießen kann. Hinzukommt ein instinktartiger Spürsinn, sobald Gefahr droht.
Aus dem hemdartigen Brillenträger wird der coolste Superheld der Comicgeschichte. War Superman eher peinlich-gerecht und Batman düster-ernst, war Spiderman immer der menschlichste unter den Unmenschlichen. Spidermanerfinder Stan Lee erschuf einen Charakter mit Geschichte und einer besonderen Motivation. Peter Parker ist keineswegs ein Natural Born Hero. Seine Lektion, dass "große Macht auch große Verantwortung mit sich bringt", muss er auf schmerzliche Weise lernen: Als er nach einen Räuber fliehen läßt, obwohl er mit seinen außergewöhnlichen Spinnenkräften ihn jederzeit hätte aufhalten können, verpaßt er somit die Gelegenheit den späteren Mörder an seinen Onkel Ben aufzuhalten. Peter ist ein schwieriger, ein grübelnder Charakter. Bei seiner Tante und seinem Onkel aufgewachsen, und nie besonders beliebt gewesen, wurde aus dem hochintelligenten Jungen ein unsicheres Wrack, dessen einziger Freund von seinem reichen Vater verwöhnte Harry ist. Seine Liebe zu Mary Jane, abgekürzt M.J., kann er ihr nie gestehen. Und auch erst, als Peter seinen sterbenden Onkel in den Armen hält, wird ihm bewußt, dass er mit seinen Fähigkeiten etwas ändern kann und muss.
Regisseur Sam Raimi war so clever und stellte kein wildgewordenes Effektspektakel in den Vordergrund, sondern erzählt genau diese Geschichte. Die Geschichte, die Spiderman so einzigartig macht, die ihn sympathisch und menschlich macht. Während Superman eher steif und besonnen, ohne jegliche Charakterschwäche, so uramerikanisch, wie langweilig daherkommt, ist Spiderman anfangs ein Normalo wie jeder Kinogänger. Sein Schicksal und seine Überraschung können wir nachempfinden - denn auch wir haben Probleme. Während wir die Problematik von dem Planeten Kryptonite zu kommen, nicht unbedingt zu den nachvollziehbaren Erlebnissen gehört. So nimmt sich Raimi Zeit seine sauber ausgewählten Schauspieler in ihren Rollen agieren zu lassen, sie uns ans Herz wachsen lassen. Die Besetzung Tobey Maguires könnte einer der cleversten Coups Raimis sein. Maguire wird sich nach dieser Performance vor Angeboten kaum retten können.
Doch auch bei aller Charakterstudie vergißt Raimi nicht, was man bei einer Superheldengeschichte eigentlich sehen will. Nämlich Action, coole Sprüche und faszinierende Effekte. Und dass Raimi Vorliebe für abgedrehte, virtuos verwinkelte Kameraeinstellungen hat, wissen wir schon seit seinem haarsträubend guten Debüt "Tanz der Teufel". Wenn Spiderman seinen ersten Einsatz über der Nacht von New York antritt, und sich in schwindelerregender Höhe erst an seine Spinnennetze gewöhnen muss, sind das derart perfekt aneinandermontierte Sequenzen, mit so lupenreinen Specialeffects, dass sie selbst den hart gesottenen Kinoexperten beeindrucken sollten.
Ein großes Glück für uns Kinogänger besteht wohl in der Verpflichtung Sam Raimis als Regisseur. Denn er hat es erstmals in der Geschichte des Films geschafft, einen Comic so zu verfilmen, dass die Fans zufrieden sind, mit dem Werk, obwohl er aus dramaturgischen Gründen Einbußen gegenüber der Vorlage machen musste. Aber wer genau hinsieht, bemerkt, das auch Raimi die Comic auf liebevolle Weise rezitiert, zum Beispiel wenn der grüne Kobold (Willem Dafoe) einen Anti-Spiderman-Reim aufsagt. Klar, das Skript von David Koepp ("Jurassic Park") ist auch astrein, aber gerade der schmale Grat zwischen Charakterstudie und Langeweile ist gerade bei einem Superheldenfilm, bei dem das Publikum doch primär unterhalten werden will, sehr heikel. Aber Raimi hat es meisterhaft geschafft, beide Ebenen in ein perfektes, rundes Kinoabenteuer der Extraklasse zu fusionieren.
"Spiderman" ist mehr als nur Popcornkino. Es ist ein nachdenklicher Superheldenfilm. Gingen die "X-Men" in die richtige Richtung, perfektionierte Raimi hier das Hin-und-Her zwischen Bestimmung und Verzweiflung. Seine Darstellung ist realistisch und gelungen. Wer beim kitschigen Ende lacht, hat nicht verstanden, um was es geht. Wer denkt, das Ende wäre überzogen und passe in all seiner tragischen Breite nicht in den Film, der hat die Figur des Spidermans und seiner Motivation nicht verstanden. Für alle, die es verstanden haben, wird sich ein perfekter Film auf der Leinwand auftun. Sollte das Superhelden-Genre je salon- und Cineasten-fähig werden, dann haben wir hier den ersten Klassiker des Genres.