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Colin Firth spielt König George VI., der eigentlich nie den Thron besteigen wollte, weil er seit seiner Kindheit stottert. Doch dann tritt sein Bruder, gespielt von Guy Pearce, ab und er muss wohl oder übel dessen Amt übernehmen. Erschwerend hinzukommt, dass sich ein Krieg mit Hitlers Deutschland ankündigt und er in naher Zukunft eine Kriegsrede an sein Volk halten muss. Unterstützt wird er zum einen von seiner Frau, gespielt von Helena Bonham Carter, und zum anderen von seinem Sprachtherapeuten, gespielt von Geoffrey Rush, der ihm ein immer besserer Freund wird.

Wer "The Kings Speech" vor seinem überaus erfolgreichen Abschneiden bei den Oscars gesehen hat, darf sich definitiv glücklich schätzen, denn er hat ein wirklich gutes Drama zu sehen bekommen, das durchweg sehr gut zu unterhalten weiß und im tristen Kinoalltag von heute besonders lobend zu erwähnen ist. Wer sich "The Kings Speech" allerdings nach dessen guten Abschneiden bei den Oscars ansieht, wo er sich immerhin gegen Nolans "Inception", "Toy Story 3" und "Social Network" durchsetzen konnte, wird vielleicht ein wenig enttäuscht werden. Wer den Film gar unter dem Aspekt seiner Oscar-Tauglichkeit / Würdigkeit betrachtet, wird sich definitiv fragen, was sich der grauhaarige Verein wohl dabei gedacht hat, ihn auszuzeichnen.

"The Kings Speech" ist besonders eins: Ein Film der exzellenten Dialoge. Vor allem die Gespräche zwischen dem stotternden König und seinem Sprachtherapeuten sind jedes Mal ein Highlight und dies nicht nur wegen der grandiosen Darstellerleistungen. Für den nötigen Kurzweil sind ein paar amüsante Stellen dabei, etwa wenn der König etwas Eigenironie zeigt und feststellt, dass gute Pointen nicht seine Stärke sind, oder wenn er seinen Therapeuten zum zehnten Mal darauf hinweist, ihn bitte nicht mit seinem Vornamen anzusprechen. Es sind aber nicht nur lustige, sondern auch tiefschürfende Gespräche, bei denen der König, der eigentlich nie einen echten Freund hatte, schließlich einen solchen findet. Zudem ist durchweg eine gewisse Grundspannung vorhanden, da der Therapeut immer wieder austestet, wie weit er mit seinem etwas respektlosen Umgang mit dem König gehen kann. Sehr gut ist dabei ebenfalls gelungen, und deshalb hat zumindest der Drehbuch-Oscar durchaus seine Berechtigung, dass Autor Seidler den Figuren ihre Würde lässt, auch wenn der König stottert und sein Sprachtherapeut immer mal wieder etwas kauzig auftritt. Alles in allem gewinnen besonders die beiden Hauptfiguren dabei an Profil, sodass ihr Schicksal durchaus mitzureißen vermag.

Dabei ist "Kings Speech" auch ein Film, der von seinen Darstellern lebt. Hier wären der zu Recht mit dem Oscar prämierte Colin Firth und ein ebenso guter unerklärlicherweise nur als Nebendarsteller nominierter Geoffrey Rush zu nennen. Firth wirkt in seiner Rolle durchweg authentisch, meistert die Dialoge mit seinem Gegenüber hervorragend, ist aber vor allem bei seinen Reden, egal, ob er aufgrund seines Stotterns kaum ein Wort ans andere gereiht bekommt, oder ob er endlich seine Angst, sein Stottern ablegt und etwas routinierter wirkt, derart grandios und vor allem zutiefst menschlich, dass man an seinen Lippen hängt, während der Film eine hohe Spannung entfaltet. Daneben ist ein nicht minder virtuoser Rush zu sehen, der vor allem dann, wenn ihm die Freiheiten und Möglichkeiten gelassen werden, nahezu entfesselt gut aufspielt. Wenn er in eine Shakespeare-Rolle schlüpft, oder sich einen Spaß daraus macht, den König ein wenig zu reizen, ist das grandioses Schauspielerkino, das allein das Eintrittsgeld schon wert ist. Daneben sind eine, auch in einer wenig skurrilen Rolle überzeugende Helena Bonham Carter, ein ordentlicher Guy Pearce und ein auch ansonsten durchweg guter Cast zu sehen.

Narrativ und dramaturgisch hat sich Regisseur Tom Hooper, der sich bereits bei der Fernsehproduktion "Elizabeth I" dem britischen Königshaus widmete und zuletzt mit "The Damned United" ein kleines aber gutes Drama ablieferte, wenig vorzuwerfen. Er führt gekonnt durchs Geschehen, lässt keine Längen aufkommen, geht mit etwas überzogenem Pathos sparsam um, emotionalisiert und dramatisiert nur dann, wenn es zwingend sein muss und leistet sich auch ansonsten handwerklich keine Fehler. Dennoch ist "King`s Speech" eher ein kleines Drama, kein klassischer Geheimtipp, aber doch ein Film, der ohne seinen Oscar-Gewinn vermutlich nicht allzu lang in Erinnerung geblieben wäre, ein Film, der in besseren Jahren bei besserer Konkurrenz vielleicht sogar um seine Nominierung als bester Film hätte fürchten müssen. Eine Szene, die nachhaltig im Kopf bliebe, bzw. einen Einfall, der im Gedächtnis bleiben würde, sucht man leider vergebens.

Hinzu kommt noch ein weiterer Fehler, der vor allem sehr viel über die Academy aussagt. "Kings Speech" ist etwas zu brav geworden, es ist eine kleine Verneigung vorm britischen Königshaus, letztlich vielleicht sogar eine Verherrlichung der Monarchie, wenn man bedenkt, dass fast schon der Eindruck entsteht, König George hätte seinem Volk mit seinen fehlerfreien Reden die Kraft gegeben, sich den Deutschen in den Weg zu stellen. Hier hätte man sich vor allem den primitiv wirkenden Churchill schenken können, der fast schon an eine menschgewordene Bulldogge erinnert; war er es doch, der sich den Nazis später weiterhin mit aller Konsequenz in den Weg stellte. So werden die Briten den Film vermutlich lieben, aber für etwas mehr Authentizität hätte es eben auch ein bisschen mehr Kritik am Königshaus gebraucht. Es sagt viel über die Academy aus, dass sie diese brave Verneigung vorm Königshaus dem innovativen "Inception" und dem kritischen Portrait "Social Network" vorzog.

Fazit:
"Kings Speech" ist ein gutes, ein unterhaltsames, mitunter mitreißendes und grandios gespieltes Drama, das mit gut herausgearbeiteten Charakteren sowie tiefgreifenden aber auch kurzweiligen Dialogen punktet und durchweg versiert umgesetzt ist. Letztlich ist es aber auch ein etwas braver, fügsamer Film, der den Mitgliedern des Königshauses von allen Zuschauern wohl am besten gefallen dürfte und deshalb zumindest mit den Oscars als bester Film und für die beste Regie meines Erachtens klar überbewertet ist. Dennoch: Bitte ansehen und dabei die Oscars ausblenden, die gewonnen wurden.

82%  

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