Die Kritik basiert auf der Ausstrahlung der kompletten Season 1 auf dem deutschen Pay-TV-Kanal FOX. Die internationale Fassung des Pilotfilms wurde um fast 20 Minuten an zusätzlicher Handlung gekürzt!
Während hierzulande das Niveau eigenproduzierter TV-Produktionen ein unterdurchschnittliches Level erreicht hat und kostengünstig inszenierte Reality-Doku-Soaps den Hauptanteil dieser Eigenproduktionen ausmachen, stammt der größte Teil eingekaufter Serien zumeist aus den USA.
Erfolgsformate wie "24", "Prison Break" oder etliche Ableger des "CSI"-Franchise auf dem Sektor der Action- und Krimiserien sind genauso beliebt wie "Dr. House", "Gilmore Girls" oder "Desperate Housewives" im Comedy- und Drama-Genre.
Mit bekannten Stars in den Hauptrollen und einem üppigen Budget ausgestattet sind die Serien-Formate der Neuzeit auf einem qualitativ hochwertigen Standard, dass sie Vergleichen mit Kino-Produktionen jederzeit standhalten können.
"The Walking Dead", adaptiert von Regisseur und Drehbuchautor Frank Darabont und basierend auf der gleichnamigen Comic-Serie von Robert Kirkman und Tony Moore, bildet da keine Ausnahme, ist aber aus dem Fundus unzähliger TV-Serien ein Format, dass es mit dieser Thematik und in dieser Form noch nie gegeben hat und sich wohltuend vom TV-Einheitsbrei unterscheidet.
"The Walking Dead" erzählt - ähnlich wie die TV-Serie "Jericho" hinsichtlich einer Atombombenzündung auf amerikanischem Boden und der daraus resultierenden Auswirkungen auf die Überlebenden dieses Szenarios - die Geschichte einer nicht näher erläuterten Zombie-Apokalypse und folgt einer kleinen Gruppe von Überlebenden, die durch das Land reisen um Antworten und ein neues Zuhause zu finden.
Die Gruppe wird von Rick Grimes angeführt, der vor der Katastrophe Sheriff Deputy in einer Kleinstadt war. Während ihre Situation immer aussichtsloser wird, versuchen sie fast alles, um zu überleben.
Nach einer Schussverletzung wacht Rick Grimes eines Tages aus dem Koma auf. Das Krankenhaus ist menschenleer, furchtbar entstellte Tote auf den Korridoren lassen vermuten, dass etwas Schlimmes geschehen ist. Die ganze Stadt gleicht einem Friedhof, seine Frau und sein Sohn sind aus dem gemeinsamen Haus verschwunden. Ausgestattet mit einem Seesack voller Waffen macht er sich auf die Suche nach seiner Familie.
Diese Sequenz erinnert nicht von ungefähr an "28 Days Later" und auch im weiteren Verlauf der sechsteiligen Mini-Serie wird deutlich, dass sich "The Walking Dead" ganz stark an Kinoproduktionen aus dem Zombiegenre der jüngeren Zeit orientiert und diesen auch in allen Belangen das Wasser reichen kann.
Nimmt man es genau, ergeben die einzelnen Folgen der Serie, die alle aufeinander aufbauen und immer mit einem Cliffhanger enden, einen reinen Zombiefilm mit Überlänge.
Schaut man die Folgen jedoch nicht an einem Stück, sondern einzeln und mit einem gewissen Abstand zur nächsten Folge (entsprechend der wöchentlichen TV-Ausstrahlung), so wird man vor allem von der vierten Episode enttäuscht sein. Sie zählt nach einem starken Einstieg in die Serie und zwei weiteren soliden Folgen zum insgesamt schwächsten und zähesten aller sechs Teile.
Schaut man sich die Serie jedoch zusammenhängend oder zumindest in zwei Abschnitten an, fällt dieser langatmige Teil weit weniger ins Gewicht.
Von diesem - einzigen - Manko abgesehen, besticht die Serie durch ein hohes Maß an Qualität und Unterhaltungswert.
Das Serienformat gestattet es der Thematik die dargestellten Haupt- und teilweise auch die Neben-Protagonisten ausreichend auszubauen und das durchaus vorhandene Konfliktpotential zwischen den unterschiedlichsten Charkteren innerhalb der Gruppe nicht nur kurz anzureissen, sondern intensiv darauf einzugehen - was für eine zusätzliche Intensität und Spannung für den weiteren Handlungsverlauf sorgt, was einem Film mit einer durchschnittlichen Laufzeit von 90 Minuten nur marginal gelingt.
Dass die dargestellten Charaktere nicht frei von den üblichen Klischees und manche Handlungsstränge teilweise vorhersehbar sind, ist nun einmal dem Gesetz des Genre geschuldet.
Da es sich hier aber um ein Serien-Format handelt, liegt das Hauptaugenmerk auch nicht ausschließlich auf den Zombies - die hier übrigens nicht als solche, sondern als "Beißer" und "Streuner" bezeichnet werden - und entsprechend viel Rahmenhandlung wurde um den durchaus vorhandenen Splatteranteil geschrieben.
Bis auf die bereits genannte vierte Episode ist den Autoren die Balance zwischen Horror, Drama und Action sehr gut gelungen, so dass Spannung, Emotionen (vor allem in Episode 5) und auch ein minimaler Anflug von Humor die Handlung bestimmen.
Vor allem die letzten beiden Teile sind an Suspense und Dramatik kaum zu überbieten und übertreffen die Intensität der vorherigen Teile noch um ein Vielfaches.
Der Soundtrack von Bear McCreary ist dabei erfrischend unaufdringlich, aber stimmungsvoll und schafft es, die vielen Facetten der Story, die dramatischen, spannenden und auch leisen Momente adäquat zu untermalen.
Obwohl mit - hierzulande - weniger bekannten Gesichtern in den Hauptrollen besetzt (eine Ausnahme bildet die aus "Prison Break" bekannte Sarah Wayne Callies als Lori Grimes) sind die darstellerischen Leistungen überzeugend, in kleineren Gastrollen spielen unter anderem Lennie James ("Jericho") oder Michael Rooker.
Ein weiteres Highlight - vor allem für eine TV-Produktion - ist der beachtliche Aufwand und die Ausstattung der einzelnen Folgen, wobei vor allem die Massenszenen mit Duzenden von erschreckend entstellten Zombies und ein Setting mit menschenleeren Straßenschluchten, ausgebrannten Fahrzeugwracks und verlassenen Autobahnen, die für eine beklemmende, apokalyptische Endzeitstimmung sorgen.
Die Spezial- und Maskeneffekte besorgten die Spezialisten um Gregory Nicotero, die den Splattergehalt mit unzähligen Kopfschüssen, Enthauptungen, Aufspießungen und Ausweidungen an die Grenze trieben.
Trotz kaum zu übersehbarer, aber akzeptabler CGI-Effekte, ist das Ergebnis durchaus gelungen und so bietet "The Walking Dead" dem Gorehound eine blutrünstige Schlachtplatte auf höchstem Niveau mit teilweise sehr derben Splattereinlagen und furchteinflößenden Zombies.
Und dieses Hohelied auf die Effektarbeit besteht vollkommen zurecht, denn - um es noch einmal zu wiederholen - "The Walking Dead" ist eine TV-Serie, die in punkto Gewaltdarstellung und graphischer Umsetzung sogar Jack Bauers Foltereinlagen aus "24" in den Schatten stellt.
Wer ein Freund der Untoten-Thematik ist wird ohne jeden Zweifel erkennen, dass hier ein rundum gelungener Genrebeitrag vorliegt, der es mit Kinoproduktionen wie dem Remake zu "Dawn Of The Dead" aufnehmen kann, mit Leichtigkeit Werke wie "28 Days Later" an Spannung und Dramatik übertrifft und viel origineller ist als Romeros neueste Beiträge wie "Diary Of The Dead" und "Survival Of The Dead".
"The Walking Dead" ist ein einzigartiges Ereignis, die Serie überzeugt und unterhält durch einen originellen Serienstoff, einer ausgefeilten Dramaturgie und einem Höchstmaß an Spannung ohne dabei die dramatischen und emotionalen Seiten seiner Erzählung außer Acht zu lassen.
In einer ausgewogenen Mischung aus ruhigen Erzählsträngen und temporeichen, nervenaufreibenden Schockmomenten bietet diese Serie für Horrorfans qualitativ hochwertiges und anspruchsvolles Entertainment.
7,5