Review
von Pyri
Staffel 1
Wird sich noch steigern
"The Walking Dead" hat mich in seiner relativ kurzen ersten Staffel noch etwas enttäuscht. Der Weggang von Darabont aus dem Tagesgeschäft soll der zur Hälfte bereits einmal durchgelaufenen zweiten Staffel aber auch nicht schaden: hier wird die apokalyptische Situation in Atlanta erstmal eingeführt und werden die einzelnen Charaktere etabliert.
"The Walking Dead" entspinnt sich dabei teilweise zwar schon immer mehr zu einer Art "Lost" mit Zombies, die dramaturgischen Konstellationen schulden aber deutlich mehr New Television vom Schlage eines "Mad Men" - ebenfalls eine AMC-Produktion -, als es die Network-Formeln von J.J. Abrams wohl zulassen würden.
"The Walking Dead" setzt auf Konfrontation: mit den Zombies zu allen möglichen ungünstigen Zeitpunkten in und um Atlanta, Georgia, wo die Serie an Originalschauplätzen auch entstand - etwas das ihr sichtlich gut tut. Und dem US-Fernsehen/Film auch allgemein, um vom kalifornischen Feeling wegzukommen - oder den ökonomisch günstigen Alternativen in Osteuropa, Australien und Neuseeland.
Auch was den Werdegang ihrer Figuren betrifft herrscht eine angespannte Lage. Nur gelegentlich blitzt melodramatisch-sentimentales Pathos auf, und gibt es Lückenfüllungen. Alle Charaktere entwickeln sich hier grundsätzlich weiter - sie stehen, ähnlich wie in der Comic-Vorlage, im Zentrum sämtlichen Geschehens. Der für tot geglaubte Polizist (Andrew Lincoln), dessen Frau (resch, Sarah Wayne Callies) auf der Flucht derweil ein Verhältnis mit einem seiner Kollegen hat (durchdrungen und schon Method Acting verlangend, Jon Bernthal), einer Mischung aus Bruder und Rivalen für Lincoln, ausgestattet mit einem fragwürdigem Charakter - der spätestens ab der zweiten Staffel an De Niro in "Taxi Driver" bordert. Sowie zwei typischen Südstaaten-Gentlemen: Merle (Michael Rooker), ein - wie sich später noch (verstärkt) herausstellen wird - Crystal-Meth-Spezialist und Alltagsrassist, sowie Dale (Jeffrey DeMunn), ein charmant-aufdringlicher Parade-Humanist. Um nur ein paar der Rollen zu nennen - ein besonders widerwärtiger Geselle (misogyn, Adam Minarovich) wird dramaturgisch eher übergangen, wirkt später wie herausgerissen. Zuviel ist zuviel.
Auch Marita Covarrubias aus der "Akte X" (Laurie Holden) spielt mit. Gespannt bin ich auf die Versoftung durch Telltale: "The Walking Dead" bietet sehr viel Realismus und scheut sich dennoch oder gerade deswegen nicht vor dem Einsatz politisch unkorrekter Stereotypien. Und kann offenbar in mehr als einem Medium umgesetzt etwas bewegen.
Die erste Staffel ist dafür jedoch vielleicht noch etwas zu einfach gestrickt: heißt es doch zunächst Möglichkeiten und Grenzen dieser beständig gefährlichen Welt zu definieren, das heißt ihre Regeln beschreiben. Ein Zombie stellt nur dann keine Gefahr mehr dar, wenn sein Gehirn nicht mehr intakt ist. Zombies sind in Rudeln ungleich gefährlicher als allein, und so auch nicht unbedingt langsam. Zudem besteht die Gefahr einer Infizierung: was die Untoten eigentlich sind, das heißt ob kranke Menschen oder keine mehr, wird in den ersten Folgen dabei noch eher außen vor gelassen. Bislang unerklärt blieb wie die offizielle US-Kultur, der Staatsapparat, so schnell ausgeschaltet werden konnte - ein Prequel-TV-Movie à la "Babylon 5" oder "Battlestar Galactica" bietet sich an. In einer kurzen Szene wurde erst angedeutet, dass Innenstädte mit Napalm bombardiert wurden.
Ja, "The Walking Dead" ist bereits so starker Tobak. Anders als für "The Walking Dead" eigentlich üblich, spielt die erste Staffel der Fernsehserie aber großteils im städtischen Bereich und bewegt sich erst später in das Umland hinein. Die letzte Folge mag diesbezüglich auch nicht ganz ins Bild passen und ist mir für das Setting deutlich zu viel Science-Fiction, weniger Horror.
Wie dem auch sei: ich denke die Serie hat viel Potential und könnte sich weiterhin noch von einer Fernseh-Sternstunde zur Nächsten bewegen, wenn die Qualität der Bücher aufrecht erhalten werden kann.
Wie in anderen Rezensionen auch angesprochen wurde ist die Qualität von "The Walking Dead" in HD eher schlecht. Schuld daran ist wohl die mangelhafte Qualität der CGI-Effekte, das heißt hier der für einen epischen Blick auf das postapokalyptische Georgia eingesetzten Matte Paintings. Es leben die Zombie-Masken!
Die gekürzte europäische Fassung ist nur gering auf ab 15 (für Deutschland auf ab 18) heruntergeschnitten worden. Bei der zweiten Staffel wird das schon deutlich schwieriger werden -
Rating 8.5