"The Walking Dead" zählt zu einer der erfolgreichsten Formate im US-Pay-TV und trotz der verhaltenen Kritiken sowie diverser Unkenrufe, dass die 12 Episoden der zweiten Staffel zu langatmig und ereignislos seien, ließ man sich bei bei AMC nicht beirren und gab 16 weitere Episoden in Auftrag. Mit der dritten Staffel lieferte man den Fans eine deutliche Steigerung zur vorherigen, ohne dabei auf die Charakterentwicklung und die zwischenmenschlichen Aspekten zu verzichten. Wenn es nach mir ginge, könnte die Serie pro Staffel noch viel mehr Episoden enthalten. Auch die zweite Staffel fand ich inhaltlich stark und gar nicht so ereignislos und schwach, wie immer behauptet wird. Eins sollte aber jedem klar sein: Staffel 3 weicht deutlich von der Comicvorlage ab und entwickelt eine positive Eigenständigkeit, und das, obwohl es hinter den Produktionskulissen deutlich zu krachen scheint. Schließlich wurde nicht nur Ideengeber Frank Darabont unliebsam aus der Serie entfernt, sondern auch die Produktionsleiter werden ständig gewechselt. Bisher hatte das Chaos hinter den Kulissen keine negativen Auswirkung auf die Serie, könnte aber irgendwann zu einem vorzeitigen Ableben führen.
Am Ende der zweiten Staffel zeichnet sich der weitere Verlauf der Serie bereits deutlich ab. Während das Leben auf der Farm einen Hoffnungsschimmer aufkommen lässt, der von den wandelnden Toten überschattet wird, soll die dritte Staffel deutlich düsterer werden. Schließlich wird die Gruppe von einer Horde „Beißern“ überrannt und muss die Farm fluchtartig verlassen. Dabei erleidet sie starke Verluste und Andrea wird von ihrer Gruppe getrennt und muss mitten in der Nacht allein in die von Zombies bevölkerte Welt hinaus. Der Konflikt zwischen Shane und Rick spitzt sich zuvor zu und endet damit, dass Rick seinen ehemals besten Freund aus Notwehr tötet. Als Shane als Zombie wiederkehrt, schießt Carl ihm kurzerhand in den Kopf.
Monate lang streift die Gruppe ohne festen Lebensraum umher, das Essen wird knapp und nicht nur innerhalb der Gruppe gibt es Anspannungen, aufgrund Ricks Führungsposition. Auch zwischen seiner schwangeren Frau Lori (Sarah Wayne Callies) spürt man eine immer deutlich werdende Anspannung und während sich auch ihr Sohn Carl immer weiter von ihr entfernt, wird die Dringlichkeit nach einem Unterschlupf immer größer, schließlich steht Lori kurz vor der Entbindung ihres Kindes. Die Rettung scheint man in einem Gefängnis gefunden zu haben, welches bereits in der letzten Einstellung der zweiten Staffel gezeigt wird. Neben Scharen von „Beißern“ um und in dem Gefängniskomplex, stößt man noch auf eine handvoll Häftlinge, was für einen weiteren Konflikt sorgt und in einem Blutbad endet, bei dem Rick bis an seine Grenzen geht, um sich und seine Leute zu beschützen...
Mit der Einführung des Governors bekommt die Serie einen heiß erwarteten Widersacher für die Gruppe, und mit David Morrissey, ("Red Riding", "Centurion") einen charismatischen Darsteller, der die Rolle des psychopathisch veranlagten Gouverneurs, der unweit vom Gefängnis die Gemeinde "Woodbury" führt und überzeugend und einprägsam spielt. Dieser regiert mit harter Hand und schreckt auch nicht vor Gewalt zurück, um die angeblich "heile" Welt, die er seinen Bewohnern vorgaukelt, aufrecht zu erhalten. Das Gefängnis und dessen neue Bewohner sind ihm ein Dorn im Auge, doch bevor es zu der ersten Auseinandersetzung zwischen beiden Gruppen kommt, hat Ricks Gruppe einige große Verluste zu beklagen, wodurch der überforderte Sheriff einen Nervenzusammenbruch bekommt und fortan Geister sieht. Er kapselt sich in dem Moment von seinen Freunden ab, und zwar genau dann, als man ihn als Anführer am ehesten braucht und verweigert auch jeden Kontakt zum neugeborenen Kind.
Auch um Hershel steht es schlecht. Der Tierarzt und Farmer hält seit der zweiten Staffel die Gruppe zusammen und steht Rick immer wieder mit Rat und Tat zur Seite. Als ihm einer der Untoten ins Bein beißt, schlägt ihm Rick kurzerhand ein Bein ab, in der Hoffnung, dass sich der Virus nicht ausbreitet und Hershel nicht ins Koma fällt und als "Beißer" zurückkehrt. Es scheint alles in sich zusammenzubrechen und das Gefängnis doch nicht so sicher, wie man erst glaubte...
Andrea trifft in der Zwischenzeit auf eine Frau mit Samurai-Schwert, die ihr das Leben rettet und die kranke Blondine versorgt. Danai Guriras Charakter der Michonne wirkt am ehesten noch sehr comichaft und gibt sich wortkarg und mysteriös. Zudem hat sie zwei Untote im Gepäck, denen sie den Kiefer und die Arme entfernt hat, um die beiden aufgrund ihres Geruches als eine Art Schutz vor den anderen "Beißern" zu nutzen und hält sie wie Haustiere. Möchte man anfänglich denken, dass die farbige Kämpferin noch zu einem Problem wird, stellt sie sich schnell als wichtige Figur und wahren Gewinn von Ricks Gruppe heraus. Zuvor kommen beide aber nach Woodbury. Während Andrea sich in den vordergründig gerechten und fürsorglichen Gouverneur verliebt, blickt Michonne hinter die Fassade des des manipulativen Psychopathen und lüftet dessen dunkles Geheimnis. Sie verlässt Woodbury ohne Andrea, die dem Gouverneur unlängst verfallen ist, und trifft auf die Gefängnisgruppe, die noch nichts davon ahnt, dass ihre totgeglaubte Freundin Andrea ganz in ihrer Nähe ein scheinbar sicheres und sorgloses Leben führt...
Die dritte Staffel findet einen perfekten Mix aus blutiger Zombieaction und tiefsinniger Charakterstudie. Man wechselt gekonnt zwischen den Orten hin und her und schreckt nicht davor zurück, auch in einigen Episode den Fokus nur auf Woodbury und den Gouverneur zu lenken. Auch wenn der Blutgehalt sehr hoch ist und das KNB-Team eine ganze Handvoll Arbeit hat, sind es mal wieder nicht die hervorragenden Zombieeffekte, die "Walking Dead" so aus der Masse anderer TV-Serien und Zombiefilme herausstechen lässt. Vielmehr ist es die zunehmende Entmenschlichung der Protagonisten, der ewige Kampf ums Überleben und das Aufrechterhalten von Anstand und Moral, was die AMC-Serie ausmacht. Es ist nicht leicht, die Waage zwischen kruder Gewalt, dem Befriedigen von Gorehounds sowie einer durchdachten Geschichte und stetiger Charakterentwicklung zu halten. Im Grunde sind selbst 16 Episoden noch zu wenig, zumal das Staffelfinale etwas hektisch ausfällt und sogar als Serienfinale funktionieren könnte. Nicht schlecht, aber auf jeden Fall ein großer Schwachpunkt in der ansonsten grandiosen dritten Staffel.
Inszenatorisch ist die Staffel topp, und die Darsteller wirken mittlerweile perfekt aufeinander eingespielt. Sie bringen die Auswirkungen der Apokalypse authentisch und überzeugend rüber und lassen die Zuschauer stets mitfiebern. Zudem weiß man nie, wen es als nächstes trifft, denn wie Schöpfer Kirkman in einem Interview sagte, kann es jeden treffen, selbst Rick.. Am meisten darf man sich wohl auf Michael Rookers ("Slither") Rückkehr freuen, der Daryls (Norman Reedus, "Der blutige Pfad Gottes") totgeglaubten Bruder Merle spielt und im Dienste des Gouveneurs steht. Hier braucht nicht erwähnt werden, dass Daryl in einem Interessenkonflikt gerät, der seine Loyalität zur Gruppe auf eine harte Probe stellt.
"The Walking Dead" ist auch in diesem Jahr wieder ein TV-Erlebnis. Man darf sich auf die vierte Staffel freuen, die laut Aussagen der Produzenten für noch mehr Überraschungen und Wendungen sorgen wird. An der Comicvorlage kann man sich nicht mehr orientieren, um zu vermuten, wie es weiter geht. Und gerade das macht die Serie auf für Fans der Graphic-Novels so spannend...