Review

Bis heute hält sich bei einigen Menschen ja die hartnäckige Vorstellung, Zeichentrick- oder Animationsfilme seien grundsätzlich etwas für Kinder. Dass das viel zu einseitig ist, beweisen nicht nur die teils philosophisch und emotional tiefgründigen Meisterwerke von Pixar, sondern auch immer wieder Zeichentrickfilme, die mit ihrer inhaltlichen oder bildhaften Drastik selbst Erwachsene verstören können – sei es „Unten am Fluss“, „Mrs. Brisby und das Geheimnis von Nimh“ oder „Felidae“. Auch die britische Atomkriegs-Dystopie „Wenn der Wind weht“ reiht sich in diese Gruppe ein und bietet eine der herzzereißendsten und beklemmendsten Darstellungen des atomaren Holocaust, die das Kino der 80er hervorgebracht hat.

Die minimalistische Geschichte begleitet ein älteres Ehepaar bei ihrem Alltag in ihrem gemütlichen Haus auf dem Lande. Den anstehenden Krieg mit den Russen erfahren sie nur aus der Zeitung, ebenso die stetig wachsende Gefahr des Einsatzes von Atombomben. Als es schließlich soweit ist, folgen sie brav den hoffnungslos idiotischen Anweisungen offizieller Regierungsmerkblätter – und bleiben der Strahlung schutzlos ausgeliefert.

Der kaum 80-minütige Zeichentrickfilm rollt seine harte Geschichte langsam und bedächtig aus und beginnt mit ruhigen, idyllisch-kleinbürgerlichen Einstellungen: Der pensionierte Mann kommt nach Hause, lässt sich von seiner Hausfrau bekochen, sie reden über Politik, das Wetter, Krieg, den erwachsenen Sohn. Innerhalb weniger Minuten wird dank zielgerichtet alltäglicher Dialoge und einer altbackenen Einrichtung die spießige Gemütlichkeit des Paars ausgebreitet. Dabei werden beide überaus sympathisch dargestellt – der Mann als einfacher ehemaliger Arbeiter, der mit unglaublicher Naivität glaubt, die wenigen Informationsfetzen aus Zeitung und Broschüren würden ihn zum Spezialisten für Kriegsführung und Atomwaffentechnik machen, und die ebenso einfache Frau, die all die politischen Sperenzchen nicht zu nah an sich heranlassen will und das alles nicht so genau nimmt. Wenn der Mann wie angewiesen die Türen abschraubt und als „Schutzraum“ umfunktioniert, bleibt ihre größte Sorge, dass er die Farbe nicht zerkratzt. Diese charakterliche und intellektuelle Schlichtheit macht sie zu Prototypen der durchschnittlichen Bevölkerung, die von den großen Umwälzungen der Weltpolitik stets überfordert bleiben und nach den simpelsten Antworten suchen. Dass sie beide so linkisch und unbedarft bleiben, macht sie zu durchgehend sympathischen Charakteren, auch wenn der Film sich immer wieder in kurzen Momenten traut, Abgründe hinter der konservativen Fassade anzureißen – etwa eine antisemitische Entgleisung der Frau oder nostalgische Verklärungen der gemeinsamen Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg.

Diese zu Herzen gehende und nur sanft parodistische Inszenierung der beiden Hauptfiguren ist es auch, die die schleichende Intensität des Films ermöglicht. Nicht nur, dass sie im Kammerspiel die einzigen redenden Figuren bleiben, auch der Zeichenstil entwirft sie als niedliche, freundliche Alte, denen man nichts Böses zutraut und auch nichts Böses wünscht. Letzteres freilich wird nach und nach mit subtiler Bösartigkeit ad absurdum geführt, denn der unausweichlich grausame Fortgang der Handlung ist jedem halbwegs informierten Zuschauenden klar. Geschickt wechselt der Film nach und nach seinen Grundtenor, von hellen Farben und idyllischer Ruhe zu düsteren, rot-grau untermalten Horrorszenarien. Die Atomexplosion selbst kommt als surrealer, albtraumhafter Bildersturm daher, der wenig konkretes Leid, aber viel universelle Zerstörung und Tod zeigt. Dass die beiden Alten danach so weit wie möglich wieder ihrem Alltag nachgehen und schon am Tag nach der Explosion ihre größte Sorge darin besteht, ob denn die Post noch pünktlich ist, lässt ihre Naivität ins tief Tragische kippen. Wenn sie im Garten spazieren gehen und graue Schleier in der Luft den lautlosen Tod des atomaren Niederschlags illustrieren, kann es einem körperliches Unbehagen bereiten. Und die grausige Schlussphase ist kaum noch auszuhalten und wirft einen mit einem entsetzlichen Gefühl der völligen Hilflosigkeit aus dem Film.

„Wenn der Wind weht“ versteht es geschickt, die menschliche Grausamkeit der atomaren Gefahr in subtil beklemmende, immer schrecklicher und gnadenloser werdende Bilder zu kleiden. Dank immer wieder kurz eingestreuter Realfilm- und computeranimierter Bilder und eines starken Scores, der unter anderem von David Bowie bestritten wird, entwirft er eine fesselnde, düstere Atmosphäre, die sich mit tiefer Traurigkeit und dezenter Wut mischt – Wut über die Ignoranz der Mächtigen, die Entscheidungen treffen, ohne die Tragödie der einfachen Menschen zu berücksichtigen. Wie diese aussieht, zeigt dieser Film hervorragend und von kaum erträglicher Intensität – unbedingt sehenswert, inklusive Traumatisierungsgefahr auch erwachsener Zuschauender.

Details
Ähnliche Filme