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Der mehrfach ausgezeichnete Schauspieler Joaquin Phoenix (WALK THE LINE, GLADIATOR) verkündet im Jahre 2008 lautstark seinen Ausstieg aus dem Filmgeschäft, und dass er sich fortan der Rapmusik widmen will. Soweit so gut. Bald schon aber schockt Joaquin die Öffentlichkeit mit bizarren Auftritten in Talkshows und seinem neuen Erscheinungsbild, einem verwahrlosten, aufgedunsenen und zerzausten Äußeren.
Also Rappen okay, aber muss man sich dafür unbedingt einen wüsten Obdachlosenvollbart wachsen lassen und die Körperhygiene einstellen? – Genau das denken auch die US-Medien und deklarieren Joaquins Bemühungen schnell als Hoax. I’M STILL HERE ist nun die von Casey Affleck, dem kleinen Bruder von Ben Affleck, produzierte Dokumentation über das Schaffen und Scheitern eines Schauspielers, der lieber ein Rapper gewesen wäre…

Ein Schauspieler in der Identitätskrise? Eine verlorene Seele auf der Suche nach sich selbst? Herr Phoenix, der wieder dem Alkohol verfallen ist und an ihm und seinen wahnhaften Ideen zugrunde geht? – Weiß der Geier! Feststehen tut zumindest folgendes: Joaquin Phoenix kann weder singen, noch rappen, und sieht so fertig und abgewrackt aus wie Jim Morrison in seinen letzten Zügen. Ähnlichkeiten zu Charles Manson und Zach Galifianakis, dem Fetten aus HANGOVER, sind auch nicht von der Hand zu weisen. Nicht nur als Zuschauer kommt man schnell auf den Gedanken: „Das kann der doch nicht ernst meinen!“. Die Doku zeigt, dass auch Angehörige und Schauspielerkollegen mit Unverständnis auf Joaquins plötzlichen Lebenswandel reagieren. In winzigkleinen Gastauftritten sind Ben Stiller, Bruce Willis und Jack Nicholson zu sehen. Etwas größere Rollen nehmen P. Diddy, von dem Joaquin ernsthaft versucht, produziert zu werden, und David Letterman, dem Joaquin während eines Talkshow-Auftritts einen Kaugummi untern Schreibtisch klebt, ein.
Doch so sehr es unser Möchtegern-„Eminem“ auch probiert, es will und will nicht hinhauen. Es folgen Absagen über Absagen und Auftritte, die ordentlich in die Hose gehen oder im letzten Moment platzen. Joaquin nehmen diese Rückschläge sichtlich mit. I’M STILL HERE schildert hauptsächlich seinen körperlichen und psychischen Verfall und wie er an seinem Traum zugrunde geht.

Doch halt! Stopp! Joaquin mimt also das Sensibelchen, den Gebrochenen, den Missverstandenen – aber warum eigentlich? Weil ihn die Presse so ungerecht behandelt? Weil sein dilettantischer Plan, seine fixe Idee nicht aufgeht? Weil er’s einfach nicht schafft, ein cooler Rapper zu werden? – What the Fuck!? Der Kerl hat soviel anderes erreicht. Was bildet der sich ein: Will er immer und überall Erfolg haben? Ich meine, wenn er unbedingt rappen will, dann okay, soll er doch, mir egal. Aber wieso erdreistet er sich Anerkennung und Ruhm einzufordern, für das was er macht? Man bekommt eben nicht immer das, was man sich wünscht. Ebenso wenig gehen immer alle Wünsche in Erfüllung. Frag doch mal die Jungs in den Elendsviertel und Slums oder einfach den „Average Joe“, der buckeln und knechten muss, damit er monatlich über die Runden kommt, was sie von deinen Problemen halten, Joaquin! Teilweise kommt Herr Phoenix also leider wie ein dummer Träumer rüber, der alles erreicht hat und noch mehr will.

Zurück zur Ausgangsfrage: Meint der Kerl das ernst? Mittlerweile hat sich das Projekt als Fake geoutet und der Film somit als Mockumentary [englisch (to) mock: vortäuschen, verspotten; documentary: Dokumentarfilm].
Somit stellt sich als nächstes die Frage: Was will er mit I’M STILL HERE aussagen? Soll das Kritik am American Way of Life sein? Kritik an Maßlosigkeit, Selbstüberschätzung und diesem nimmersatten Verlangen nach „Mehr“? Wer weiß, der Film selbst liefert darauf keine Antwort.
Doch vielleicht ist dieser Ausschnitt aus einem Kinderbuch, den Joaquin zum Besten gibt, aufschlussreicher:

Dream a Dream As Big As Any Dream Can Be,
Then Dream a Dream Ten Times that Big
As that One Dream You See.
And Once You Got This Dream in Mind,
Please Dream a Million More,
And Not a Million Quiet Dreams,
A Million Dreams that Roar…

Und noch eines, das in diesem Zusammenhang ganz gut passt:

Schließlich und endlich ist das erhöhte Leben noch die einzige Art, von einem möglichst zahlreichen Publikum gesehen und beklatscht zu werden.
(Albert Camus - Der Fall)

Fazit:
Fake-Dokumentation über Niedergang eines gefeierten Schauspielers und darüber, wie man sich in den eigenen Träumen verirren kann.
Joaquin Phoenix ist fett, labert besoffenes Zeug und hat einen coolen Vollbart. Als Experiment, wie Öffentlichkeit und Medien auf Unerwartetes und Außenseiter-Kunst reagieren, wie schnell man auf dem Abstellgleis landet und von der Presse zerrissen wird, ganz okay. I’M STILL HERE dürfte für Joaquin Phoenix ein sehr persönliches Projekt gewesen sein. Er selbst hat im Nachhinein berichtet, während des Drehs jegliche Kontrolle über seine „Rolle“ verloren zu haben, die sich zum Selbstläufer entwickelt habe. Alles sei ihm über den Kopf gewachsen, es sei ihm furchtbar dreckig gegangen und es soll immer wieder Momente gegeben haben, in denen er das Handtuch werfen wollte. Wohl wahr, den Part des kaputten Losers mimt Joaquin par excellence. Er verschmilzt nicht nur mit der Rolle der tallentlosen Rappers JP, er  i s t  JP. Dieses Statement lässt den Film beinahe in die selbe Kategorie wie SUPERSIZE ME rutschen, in dem es ja auch um ein Selbstexperiment ging, das für den Protagonisten äußerst ungesunde Formen annahm.
Also eine Art seelisches JACKASS? Um vieles ist man als Zuschauer nach dem fraglichen Genuss von I’M STILL HERE nicht schlauer, gewiss aber um folgendes: Herr Phoenix kann nicht rappen! Die Leute, die das interessiert, dürfte man aber an einer Hand abzählen können...

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