Ich habe bisher Joaquin Phoenix herzlich wenig Beachtung geschenkt. Hier und da ist er mal kurz aufgefallen in Werken wie 'Gladiator' oder 'Helden der Nacht', doch er hatte nie die Figur inne, nun von der Masse hervor zustechen. Dementsprechend neutral war meine Haltung auch gegenüber seiner Dokumentation 'I'm Still Here', bei der es viel mehr geht, sich selbst zu präsentieren und die Leute um einen herum zur Verzweiflung zu bringen. Es ist sicherlich eine bemerkenswerte Leistung, sich knapp 2 Jahren einzig einem einzigen Projekt zu widmen, während Freund Casey Affleck alles mit der Kamera aufnimmt. Wie viel davon nun gestellt war, und was wirklich der schauspielerischen Leistung von Phoenix zu verdanken ist, bleibt genauso im Umklaren wie dessen Intentionen, dieses Vorhaben überhaupt ins Leben zu rufen.
Er hatte den Rückzug als Schauspieler angekündigt, will sich als Musiker versuchen, dessen Stücke aber keinem zumutbar sind, verliert sich in Drogen, Alkohol sowie Sex und denunziert sich gar selbst vor laufenden, öffentlichen Kameras wie TV-Shows und im Schlussakt in einem herrlich peinlichen Live-Auftritt, was gleichwohl in einer Schlägerei sein Ende findet. Joaquin Phoenix' Hygiene wird keine Beachtung mehr geschenkt, einen Rasierer und Friseur scheint er seit Monaten nicht mehr zu Gesicht bekommen haben sein einzig Traum ist es, Rapper zu werden. Doch selbst anerkannte Größen des Musik-Business raten ihn davon ab, dennoch bleibt Phoenix stur, sein Fehler einzugestehen. Im Laufe des Films verliert er sich immer mehr in seinen eigenen, in sich zusammenbrechende Traumwelt, doch ob er zur Vernunft gekommen war, ist unklar - aber letztlich auch irrelevant, da das alles Show war. Doch für wen? Für seine Freunde und Bekannte? Für uns, dem Zuschauer? Oder doch für sich selbst, um sein Ego aufzupushen?
Casey Affleck, zu Unrecht im Schatten seines Bruders Ben stehend, begleitet Phoenix auf seine selbstzerstörerische Reise und nimmt innerhalb von 2 Jahren das auf, was Phoenix vorgibt zu sein. Der Film verliert dabei nie seinen Humor, auch wenn es gegen Ende etwas zu sentimental wird. So ist vor allem die Szene mit Ben Stiller, der Phoenix ein Rollenangebot unterbreiten möchte, ein komödiantisches Highlight - Stillers Reaktionen sind unbezahlbar. Dennoch ist der Fortgang unentschlossen. Etwas zu konzeptlos wandert Phoenix mit seiner Gefolgschaft von einem Misserfolg in den Nächsten, anscheinend ohne aus seinen Fehlern zu lernen. Eine Peinlichkeit folgt der anderen, immer zur Belustigung des Zuschauers, denn seine Gefolgschaft scheint wenig Spaß an Phoenix' Art zu haben. Doch die Luft ist viel zu schnell raus, es wird für meinen Geschmack etwas zu häufig und unpassend geflucht und Phoenix wird zunehmend aggressiver, versteckt sich hinter seiner Sonnenbrille und symbolisiert einen Mann, der alles erreichen wollte - und sehr tief gefallen ist.
Casey Affleck, der stets im Hintergrund agiert, jedoch immer präsent ist, folgt Phoenix auf Schritt und Tritt, ohne jedoch konsequent das einzufangen, was eine Dokumentation des Überlebens wegen braucht - das sind Fakten. Man kann einem Michael Moore die einseitige Berichterstattung und prophylaktisches Interpretieren vorwerfen, doch er liefert Fakten. Morgan Spurlocks Doku 'Super Size Me' baut ganz klar auf Humor und schmerzhafte Selbsterkenntnis auf, doch er liefert Fakten. Afflecks Werk liefert keine Fakten - was versucht er zu erzählen? Er zeigt nur Leiden und peinliches Agieren seines Protagonisten. Dass der Film jedoch nicht uninteressant wird, ist einzig Phoenix' überkandideltem Getue zu verdanken - er führt alle an der Nase herum.
Auf der anderen Seite hat Phoenix etwas sehr Mutiges gewagt - und allein dafür sollte man ihm genügend Respekt erweisen. Es ist eine unglaubliche Performance, sich selbst zu erniedrigen, nur um dem Publikum zu gefallen - das Leben ist die Bühne. Vielleicht liegt auch hier der Kern der Geschichte; er erzählt das, was er erzählen möchte, nämlich sich selbst. Ein roter Faden, Dramaturgie oder gar filmische Regeln finden sich hier nicht wieder. Phoenix steht im Mittelpunkt ohne auf die Nerven zu gehen, auch wenn er für meinen Geschmack etwas zu sentimental gen Ende agiert. Er hat viel mehr eine neue Sparte des Films geschaffen, dass sich zwischen der Dokumentation und der Mockumentary eingliedert - denn 'I'm Still Here' ist das Eine, als auch das Andere - ein interessanter Mix, der zu funktionieren scheint, doch noch sehr exotisch wirkt. Wer hier genau verarscht wird und weswegen, ist im Prinzip unwichtig, denn es geht darum, neues zu Erschaffen, dem Publikum etwas Neues zu bieten - das einem zum ultimativen Fremdschämen einlädt. Sein Live-Auftritt gen Ende ist der Thron der Absurdität, denn er hat nun ein Publikum gefunden, die ihn so wollen, wie er sich in den letzten 2 Jahren präsentiert hat. Und das war doch das Ziel? Oder etwa doch nicht?
Etwas ziellos scheint dann auch das Finale zu sein, in dem Phoenix durch die Landschaft seiner Heimat watet und sich einfach fallen lässt. Hat er nun sein persönliches Ziel erreicht? Aber was hat der Zuschauer davon? Beweggründe, moralische Aspekte oder gar ein zufriedenstellendes Statement wird es hier nicht geben.
'I'm Still Here' ist ein extrem gewagtes Projekt, das, sofern man sich auf die sperrige Erzählweise einlässt, durchaus zu überzeugen weiß. Ist man aber kein Fan von Joaquin Phoenix, wird man diesen Film hassen, da Phoenix sich als Projektionsfläche für jegliche Interpretation anbietet und eine unglaublich gute Performance hinlegt, die die eine Seite als unterhaltsame Herangehensweise seiner selbst betrachten, die Anderen darin jedoch nur einen aufmerksamkeitssuchenden Schauspieler sehen, der sich für keine Peinlichkeit zu schade ist, nur um im Rampenlicht als egomanischer, gefallener Engel wieder empor zusteigen. Zu weit hergeholt? Etwas zu viel Guten? Ich habe keine Ahnung. In welche Gruppe ich mich nun eingliedere, ist mir bisher noch nicht klar, doch eins steht definitiv fest - dieser Film ist in seiner Präsentation einzigartig und zeigt dem Publikum die andere Seite der Traumfabrik - vielleicht auch die, die der Wahrheit gar nicht so fremd ist?