Review

127 HOURS ist absolut sehenswert. Die positiven Kritiken im Vorfeld sind mehr als berechtigt. Danny Boyle als Regisseur liefert nach seinem Durchbruch TRAINSPOTTING, (exzellentes Drogendrama), dem genialen 28 DAYS LATER (neue Massstäbe im Horrorgenre) und zuletzt SLUMDOG MILLIONÄR (Oskar prämiert, nicht mein Favorit) ein weiteres cineastisches Highlight ab.

Die ja publizistisch schon fast zu breit vorgetragene Real-Story von Aron Ralston wird hier als bekannt vorausgesetzt und erfahrungsgemäss erhöht das Siegel "Based on a true Story..." den Bezug zum Film und dessen Authentizität. So auch hier. Extrem erfrischend kommt der Film nach nur 5 Minuten Vorlauf direkt zur Sache und versucht nicht eine grosse Einführung in die Person zu machen, dies wird in den dann folgenden Rückschauvisionen erledigt.

Danny Boyle's Handschrift kommt hier voll zu tragen, die sehr gut inszenierte visuelle Extravaganz kann vor allem in den freien Visionen des in der Felsspalte Gefangenen sich voll ausleben. Hier wird man durch Weitwinkeloptik, die schnellen, fast Videoclip-artigen Sequenzen und schräg anmutenden Aufnahmepositionen auch u.a. an TRAINSPOTTING erinnert. Desweiteren sind die elegischen Landschaftsaufnahmen in IMAX-artiger epischer Breite der den Unfallort umgebenden Natur sehr gut in die Story eingebunden.

Die häufig eingesetzte, ansonsten meist nervende, Split-Screen-Technik ist hier eine echte dramaturgisch passende Ergänzung des optischen Erlebnisses. Die Musik- und Sounduntermalung ist unglaublich gut gesetzt und macht ein gutes Stück der TOP Bewertung aus. Gekonnt werden hier leise Passagen mit elektronisch sehr fein subversiv wummernden Bässen und Beats kombiniert. An unvermittelten Stellen dann bekannte Hitmelodien, auf den ersten Blick unpassend, dann aber sich gut in die Melange aus Bildern und Sound einpassend.

Zur Höchstform des Visuellen trägt Danny Boyle dann in sämtlichen Visionen des verunglückten Aron, aber auch durch ungewohnte Perspektiven, z.B. Kamera in der Trinkflasche, aus allen möglichen und unmöglichen Blickwinkeln der Felsspalte, und insbesondere in den Makroaufnahmen der Umgebung (Stichwort: Ameisen) bei. Hier wird die grosse Verliebtheit zu ungewohnten und schrägen Sichtweisen deutlich und geben dem Film eine eigene Bildsprache.

Im Gegensatz zu dem jüngst angelaufenen BURIED kommen hier deshalb das Ein-Mann-Drama, seine Beschränkheit, seine Fokusierung und Abhängigkeit von dem EINEN Darsteller, aber auch seine Chancen sehr gut zur Geltung was natürlich auch an der Breite der Darstellungsoptionen von James Franco (Aron Ralston) liegt. Die physische Ähnlichkeit zu dem realen Aron Ralston und seine Normalität, er ist kein Übermensch oder Bodybuilding gestählter Modellathlet, kommt der Authentizität und Identifizierung sehr zu Gute und der Film verliert nie die Bodenhaftung.

Der vermeintliche storytechnische Höhepunkt der vorgenommenen Selbstamputation zur Befreiung von Aron kommt unvermittelt und wird zwar dramatisch, aber überhaupt nicht übersteigert "shocking" dargestellt und ist somit glücklicherweise nicht selbstzweckhaft von Danny Boyle benutzt worden. Das Ende wird bezüglich Bild und Ton sehr dramatisch vorgetragen wirkt aber in keiner Weise kitschig. Das muss man erst mal schaffen. Zuguterletzt trumpft der Film noch durch eine sehr gelungene Brückenbildung zu dem Original Aron Ralston auf und ist sehr emotional zum Ende hin und wirkt dementsprechend noch nach.

Auf der Negativseite ist nur zu vermerken, dass die Anbindung der Geschichte mit den kurz vor dem Unfall kennengelernten Mädels nicht funktioniert, es bleibt der Geschmack des historisch korrekten Beiwerkes ohne eigentliche Funktion für den Protagonisten. In solch einer extremen Situation denkt man sicher eher an die langfristigen Beziehungen und Familenmitglieder zurück als an gerade kennengelernte Girls. Auch die sonstigen familienbezogenen Rückblenden während seiner Visionen bieten oft nicht die storymässige Tiefe und Aussage und verbleiben öfters flach und bezugslos im Raum stehen.

Zusammenfassend dennoch eine echte Bereicherung des one-man-Drama Genres, fesselnd und packend mit unglaublichen Naturaufnahmen und sehr einfühlsam inszenierten und persönlich nachwirkenden Aufnahmen mit hohem Identifikationspotential und hoher schauspielerischer Einzelleistung von James Franco.

8/10 Punkten

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