Review

Ein junger Extremsportler verunglückt beim Bergwandern: Bei einem Abrutsch wird seine Hand von einem Felsbrocken eingequetscht. Weit entfernt von jeglicher Zivilisation, mitten in der Einöde, kämpft er tagelang ums Überleben und muss sich schließlich mit drastischen Mitteln aus seiner Notlage befreien...

Der britische Regisseur Danny Boyle, der schon mehrfach sein Händchen für außergewöhnliche Stoffe und deren stylische Inszenierung bewiesen hatte, verfilmte diese wahre Geschichte als radikales Ein-Personen-Stück: Bis auf Einleitung, Schluss und diverse Erinnerungs- und Traumsequenzen handelt der gesamte Film nur innerhalb der engen Felsspalte, in der Aron (gespielt von James Franco) mit sich allein ist.

Ein solches extremes Kammerspielkonzept steht und fällt natürlich mit dem Darsteller. In diesem Fall ist das ein voller Erfolg: Die Intensität, Authentizität und Natürlichkeit, mit der Franco sich hier die Seele aus dem Leib spielt, ist wirklich phänomenal. Er gibt den sympathisch-offenherzigen Sportfreak in jeder einzelnen Sekunde dermaßen überzeugend, dass er als Schauspieler vollkommen hinter dieser Rolle verschwindet. Von kleinsten Nuancen bis extremsten Emotionen spiegelt er alles perfekt wider - wenn sich direkt nach dem Absturz Schmerz und Schock in seiner Miene darstellen, später dann Wut, Angst, Verzweiflung über ihn hinwegrollen oder er sich schließlich wehmütig an vergangene Glücksmomente und dumme Fehler erinnert - Francos Mimikspiel, der aufgrund seines eingeklemmten Arms ja noch nicht einmal sonderlich viel Bewegungsraum hat, erzeugt ein intensives Spannungsfeld, wie es andere Filme nur mit tonnenweise Action und Spezialeffekten erreichen. Dass er für diese mitreißende Tour de Force keinen Oscar bekommen hat, ist eigentlich nicht verantwortbar.

Auch die Inszenierung fokussiert sich voll und ganz auf diesen einen Mann, der den gesamten Film trägt. Keine einzige Szene, in der er nicht anwesend wäre oder die nicht auf seine Gedanken und Gefühle zurückgriffe; nach dem Unfall in der engen Felsspalte gibt es immer wieder lange, bildfüllende Aufnahmen seines Gesichts. Tränen, Schweiß, ausgetrocknete Lippen, Tränensäcke oder Ameisen, die über das Gesicht krabbeln, werden so zu einer Topographie des Schreckens, die die inneren Extremmomente dieses Schicksals visualisieren. Auch wird die enorme psychische Belastung dieser Situation kongenial eingefangen: Mit schwindender körperlicher Kraft und steigender emotionaler Unsicherheit mehren sich formale Spielchen, Visionen, Erinnerungen und Träume vermischen sich zu einem leicht surrealen Netz, das die unfassbare innere Angespanntheit fühlbar macht. Und wenn Aron schließlich zu seiner drastischen Rettungsmaßnahme greift, ist auch das grausig detailliert und packend dargestellt.

Der starke Soundtrack, der die Gefühlsregungen der Hauptfigur zwischen hippem Lebensspaß und steigender Angst widerspiegelt, das rasant geschnittene Kameraspiel, das trotz der bewegungslosen Lage viel Tempo in den Film bringt, und die toll ausgewählten und inszenierten Bilder lassen die ganze unwirkliche Szenerie zu vollkommen überzeugendem Leben erstehen. Einfache Kniffe wie die Begegnung mit zwei hübschen Mädels kurz vor seinem Unfall machen Aron zu einem höchst sympathischen Charakter, mit dessen Schicksal der Zuschauer extrem mitfiebert. So ist „127 Hours" ein Musterbeispiel für Hochspannungskino, das mit vergleichsweise wenig visuellen Mitteln ein enormes Unterhaltungspotenzial weckt. Und das bis zum dramatischen Finale fesselt und mitreißt. Ein weiteres Highlight in Danny Boyles bemerkenswerter Filmografie.

Details
Ähnliche Filme