Zuerst sehen wir einige Büroangestellte, die Montag
früh ihre Arbeitswoche vorbereiten. Wie in einem „Direct Cinema“ - Dokumentarfilm
folgt ihnen die Handkamera durch das abgenutzte Treppenhaus, während sie Rückschau
auf die Arbeit der letzten Woche halten. Frederick Wiseman lässt grüßen: der
Film lässt sich Zeit, beobachtet in Ruhe, manches bleibt zunächst unklar,
gerade das Leben der Angestellten enthüllt sich erst spät im Film…
Das alte Verwaltungsgebäude hat den Charme vergangener
Zeiten: alles ist angeranzt, baufällig, Laub bedeckt die Flächen und Stufen vor
dem Haus, die Ausstattung ist abgeschabt und altmodisch (auch schon im Jahr
1998, das jetzt 22 Jahre zurückliegt). Aber oft lässt die tiefstehende Wintersonne
die Räume aufleuchten… und der Mond scheint durch das Dachfenster. Das Ambiente
ermöglicht Ruhe, Besonnenheit, Kontemplation… es laufen keine Radios, keine Fernseher,
keine Filmmusik (!). Dazu passt auch, dass nach einigen Tagen im Film leise Schnee zu fallen beginnt, der – zwar noch matschig
– alles sanft einhüllt. Schon zuvor ließ der Winter die Teetassen dampfen…
Weiter geht der Dokumentarfilmstil, indem Menschen
in die starre Kamera reden – Gestorbene,
die zu Beginn aus einem hellen Licht zum Empfang getreten sind, und
Mitarbeiter, die das Konzept erläutern: Die frisch Gestorbenen werden eine
Woche in dem weitläufigen Gebäude verweilen. Im Gespräch mit den Angestellten
sollen sie eine Erinnerung finden, die sie mit ins Jenseits nehmen werden. Diese
Szene wird für die Leute auf Film gebannt. Alles andere wird dem Vergessen
anheimfallen.
Der – für mich – geniale Kniff des Films ist, dass
hier sofort das Gedankenkino des Zuschauers angeworfen wird: „Was war in meinem
Leben wichtig? Welcher Moment hat mich glücklich gemacht? So dass ich ihn in
die Ewigkeit bewahren möchte?“ Der Film lässt den Figuren und den Zuschauern Zeit,
darüber nachzudenken. Für manche ein mühsamer Prozess. Wie die Zwischenwelt im
Film ist auch der Film selbst ein geschützter Raum, um über diese Frage zu
sinnieren.
Ein weiterer schöner Trick des Films liegt darin,
dass auch einer der jungen Angestellten selbst eine Erinnerung finden kann –
denn die Angestellten arbeiten dort, weil sie bisher keine Wahl getroffen
haben. Dabei hilft ihm das „neue“ Mädchen im Team, die ihn schüchtern liebt: doch
indem sie hilft, muss sie zugleich von ihm Abschied nehmen. Auch ihre
Geschichte trägt zum Thema „Wie nehme ich Abschied vom Leben?“ bei. Wie auch die
Theorie eines aufmüpfigen 22-jährigen Verstorbenen, der kein Bild aus der
Vergangenheit wählen will, sondern eine Vision der Zukunft für wichtiger hält: Er
wird daher den Platz des ausgestiegenen Kollegen einnehmen. Was den alten
Hasen, der ihn betreut hat, aufseufzen lässt…
Indem sie ihr Leben durchdenken, erfahren die
Figuren (und das Publikum?) eine Veränderung, die ihnen im Leben selbst
entgangen war – zugleich das Merkmal eines gelungenen Films, der so sogar
Spannung erzeugt. „Höhepunkt“ ist, wie die Verstorbenen bei der Re-Inszenierung
ihrer Erinnerung mitarbeiten – und plötzlich ganz anders auf ihr Leben blicken.
Der Film endet nach einer Woche, wieder Montag früh:
ein Kollege fehlt, der „Neue“ kennt die Gepflogenheiten noch nicht und spielt
im Schnee, die Verstorbenen treten aus dem Licht, die „Neue“ im Büro-Team darf
jetzt zum ersten Mal einen Fall allein übernehmen und übt noch etwas unsicher
ihr Aufnahmegespräch. Ein Gefühl von Ewigkeit liegt in der Luft.