"Derzeit erhalten wir wöchentlich einen Anruf über eine in einem Shinkansen-Zug platzierte Bombe. Obwohl es sich möglicherweise um einen Scherzanruf handelt, lassen wir den Zug immer am nächstgelegenen Bahnhof anhalten und kontrollieren. Wir möchten Sie bitten, die Produktion dieses Films abzubrechen, da die Gefahr besteht, dass ein solcher Film zu ähnlichen Verbrechen inspiriert."
~ Japanische Staatsbahn (JNR), Dezember 1974
Auch als Bullet Train oder Super Express 109 bekannter japanischer Film, der gerade auch in der Deutschen Demokratischen Republik Gesprächsthema Nummer Eins über Jahre hinweg war, wie später übrigens auch John Badhams Das fliegende Auge (1983), Technik, die begeistert quasi. Im Heimatland selber war der Film gar nicht mal so erfolgreich, Anfang Juli '75 von Toei veröffentlicht, mit unterschiedlichen, den jeweiligen Ländern angepassten Laufzeiten, es gibt auch eine zweieinhalbstündige Fassung, die kürzeste übersteigt mit Müh die anderthalb Stunden, je nach Sitte, je nach Fasson. Basierend auf einer Idee von 'Ari Kato', hinter dem Filmproduzent Jun Sakagami und ein Wortspiel mit Catherine Arley, einer französischen Schriftstellerin und Schauspielerin (1922 – 2016) steckt. Die große Shinkansen-Explosion demnach, ein Anti-Establishment-Panik/Katastrophenfilm:
Tetsuo Okita [ Ken Takakura ] ist ein ehemaliger Geschäftsmann, der sein Produktionsunternehmen durch den Bankrott verlor und sich ein Jahr zuvor von seiner Frau und seinem Sohn trennte. In seinem verzweifelten Versuch, über die Runden zu kommen und neu anzufangen, arbeitet er mit dem Aktivisten Masaru Koga [ Kei Yamamoto ] und seinem ehemaligen Mitarbeiter Hiroshi Ōshiro [ Akira Oda ] an einem ausgeklügelten Plan, um Geld von der Regierung zu erpressen. Kurz nach der Abfahrt des Hochgeschwindigkeitszugs der Serie 0 Hikari 109 von Tokio nach Hakata, wird der Sicherheitschef der Bahn, Miyashita [ Fumio Watanabe ], von Okita benachrichtigt, dass eine Bombe an Bord platziert wurde, die explodieren wird, wenn der Zug unter 80 km/h abbremst. Dieser informiert umgehend die Polizei, und den Lokführer des Zuges, Aoki [ Shinichi Chiba ].
"The way we planned it …it was to be a perfect crime, no bloodshed."
Dramatisch wird das schon begonnen, aber anders als gedacht, in einer ruhigen Version, die Melodie klagend, eine letzte Zigarette, dann die Heimlichtuerei, die Installation der Bombe mitten in der Nacht, weitab von Tokio, der Hauptstadt. Es wird Erfolg vermeldet an den Mann, der hinter alledem steckt, auch dieser zündet sich eine Zigarette an, ein Mann der Truppe wurde bereits gefangengenommen, aber aus anderen Ursachen, aus anderen Gründen. Die Männer haben alle nichts mehr zu verlieren, die Passagiere im Zug schon, es befinden sich auch Prominente und normale Reisende und sogar der Festgenommene in der Überführung durch die Polizei unter Ihnen, das ist natürlich ungünstig, von den vielen Kindern an Bord nicht zu reden. Es ist früher Morgen, es sind schon viele unterwegs, der Höhepunkt der Wirtschaft, der Technik, der Wissenschaft, das Land sich schon weitab gesetzt von den umgebenden Nationalitäten, sich vom Zweiten Weltkrieg am besten erholt. 1100 km sollen durch rast und durchreist werden, in Hochgeschwindigkeit, anders als die Regie, die sich Zeit nimmt und alle und alles vorstellt, die die Umstände schildert, die Motive der Kriminellen, das gesellschaftliche Bild. Gelobt wurde man dafür, den Lohn hat man eher später eingefahren, durch Nachhaltigkeit und Langlebigkeit, durch Mundpropaganda, kürzlich ein offizielles Remake erst, davor Bullet Train, davor Unstoppable und Speed in dem Fahrwasser dieses Filmes hier produziert; wobei man selber an Die Todesfahrt der U-Bahn 123 erinnert, es galt mit die ausführliche Anforderung, sich an Hollywood auch zu richten, um das eigene Publikum nicht an die amerikanischen Blockbuster zu verlieren. Den rasenden Zug, ein Hightech-Werk, bekommt man öfters die Landschaft durchpflügen zu sehen, die Innenaufnahmen wurden natürlich (deutlich) im Studio gedreht, vor der Rückprojektion – nach der Ablehnung der Mitarbeit der Japanischen Staatsbahn gab es nicht bloß einen kurzen Stopp der Produktion, sondern auch im April '75 die hohe Wahrscheinlichkeit der kompletten Einstellung des Projektes, man hat mit einer Kombination aus Aufnahmen mit versteckter Kamera und Miniaturfotografie weitergedreht –, der warnende Anruf geht schnell ein, er wird mitgeschnitten, es wird auf die Uhr geblickt.
"What are you going to do?" - "I want to go to the country where the revolution was a success."
Gleich zwei Starschauspieler hier vorhanden, die man selbst außerhalb der Landesgrenzen kennt, deren Ruhm und Popularität auch in Hollywood ankamen und umgekehrt. Ein flinker Start, ein Beibehalten der Schnelligkeit, hier eine eindeutige Forderung und eine vorhandene Spezialität, noch keine Forderungen gestellt, die Obersten erstmal ratlos, gleich zwei Züge wurden bestückt, einer wird auf jeden Fall explodieren, er kann nicht weiterfahren, er muss die Geschwindigkeit drosseln, bei 80 km/h ist Schluss, ein automatischer Stopp hier aber gesetzt. Die Drähte in der Kommandozentrale, im Hauptquartier glühen, ein Sicherheitscheck wird durchgeführt, eine eilige Suche, im Zug natürlich, nicht darunter. Teilweise philosophisch hier auch die Herangehensweise, die Lokführer springen ab, eine riesige Explosion. Auch für den zweiten Zug besteht eine Endstation, man kann es hinauszögern, aber irgendwann ist Schluss, es gibt nur zwei Möglichkeiten, Leben oder Tod. Alle Fachkräfte arbeiten auf Hochtouren, schaffen Hindernisse weg, auf andere Gleise, suchen die Verbrecher gleichzeitig, die Passagiere werden beizeiten misstrauisch, die Panik bricht aus, eine natürliche Phase, eine Schutzfunktion. Die Leute im Kontrollraum können es an ihren Computern und den blinkenden Lichtern mit sehen, die kommende Katastrophe, sie bleiben nicht landestypisch ruhig, es gibt Befehle und es Befolgungen, aber auch Verweigerung und Zweifel, jeder steht sich selbst am nächsten, Eigenschutz geht vor, der Wille zum Überleben, auch zum Schaden anderer Menschen. Von der Inszenierung her ist man dabei auf der Höhe der Zeit, es wird herangezoomt, die Kamera in Schräglage gestellt, die Katastrophe im Kommen gezeigt, teilweise ist man allein für Hunderte andere verantwortlich. Erst ist das kühl und technisch gehalten, handwerklich, es gibt Pressekonferenzen, es wird sich der Öffentlichkeit gestellt, es wird nach Meinungen gefragt und keine bekommen, es wird nachgehakt und wieder ausgewichen, es sind 1500 Personen im Zug, die Informationen karg. Es geht um jeden Einzelnen der 1500 Menschenleben, es wird ein langer Tag, es wird durch Kyoto und Osaka hindurch gerast, die Regierung ist gefragt.
"Mr Kuramochi, I envy you" - "Envy?" - "You just sit there in comfort and tell me what to do while I have to sweat it out all by myself."
Geld will man hier, scheinbar, das Geld für einen der Züge, deren Kosten, einen der 'Radikalen' hat man bald im Visier, die Polizei gründlich, alle Fingerabdrücke untersucht und ausgewertet, es geht weiterhin um viele "Wenns" und "Ob" und "Aber", es wird hoch diskutiert auf vielen Ebenen, in vielen Schichten der Klassengesellschaft, teilweise mit raffinierten Überblenden, mit gänzlich verschiedenen Sichtweisen, mit Machtkämpfen und Schubsen und Drängeln, mit Aufregungen und respektlosen Verhalten, mit Hoffen und Bangen, mit "Documentary of Horror Train", mit schwierigen und schwerwiegenden Entscheidungen. Die beiden Stars in der Besetzung ordnen sich dem Trubel unter, sie lassen den Film für sich selber sprechen, es hat so wie jetzt sicherlich mehr Wirkung, es könnte aber auch jeder andere spielen, sie stehen nicht im Mittelpunkt, die Erzählung ist es, ihre Beschreibung, die Ausführung; in der Neuversion wird dies teilweise beibehalten, sich an das Original gehalten, aber die technische Unterstützung war ganz anders, die Möglichkeiten der Spezialeffekte auch fortschrittlicher, die 'Urversion' aber respektiert und akzeptiert, sie fortgeführt.
Alle Verkehrsmittel außer dem Shinkansen nutzt man hier auch, Hubschrauber, Ruderboote gar, Autos natürlich, immer in Bewegung, beide Parteien beobachtet, hinzukommend das Verhalten der normalen Personen, die schlichtweg zur falschen Zeit am falschen Zeitpunkt waren, als Geiseln genommen, die Geldübergabe scheinbar noch das geringste Problem, aber selbst diese unter Schwierigkeiten, wie das Erklimmen einer Steilwand, die Kraft am Schwinden, plötzliche Überraschungen der bösen Art, ein unwegsames Gelände, ein Sprung von der Klippe, eine Verfolgungsjagd, Vierräder mit Sirenen gegen ein Motorrad, die Kurven eng, die Straßen (zu) glatt. Viel herumgekommen wird hier, eine ständige Anspannung, es geht um viel Geld, “This would make a good Film.“ sagt einer von der Dokumentarcrew, der Zugbegleiter verflucht wahrscheinlich seine Berufswahl, die in den Anzügen haben gut reden, der kleine Mann wird von der durchdringenden, durchdrehenden, bedrängenden Meute gejagt, es werden Anklagen von verschiedenen Seiten gemacht. Es kommen auch Vorschläge, selten aber, der Fortschritt stellt im Film selbst die Beine für die Oberen, die bald ebenso zerstritten sind, Kontrolle und Konzentration und Konzepte werden ab- und anderen übergeben, eine Gleichheit und Gleichnis mit dem amerikanischen Katastrophenkino, hier aber mit mehr Komplexen und Komplexität, mit mehr Zusammenhängen, nicht das Soap Drama im Sinn, dafür die reine Dramatik bis hin zur Tragödie. Das Timing der Aufnahmen und Montage oft sehr präzise, zusätzlich angetrieben durch den Polizeifilm und den Actionthriller, ein Hand-in-Handgehen hier, eine Synchronität, eine Affinität, oft geht es um Sekunden, in einem zweieinhalbstündigen Film, einer landesweiten Fahndung.