Review

Noch vor Sichtung des Streifens stellt sich aufgrund der Inhaltsangabe eine wesentliche Frage: Soll man tatsächlich mit einem Taliban auf der Flucht sympathisieren?
Doch Regisseur Jerzy Skolimowski bezieht keine eindeutige Position, lässt (glücklicherweise) einige Hintergrundinformationen außen vor und konzentriert sich stattdessen auf den reinen Überlebenskampf.

Mohammed (Vincent Gallo) versteckt sich in einer Höhle in Afghanistan, als er fast von drei amerikanischen Soldaten entdeckt wird. Während seiner Flucht wird er jedoch gefangen genommen und einiger Folter ausgesetzt, bis ihm schließlich während eines Gefangenentransports die Flucht in die verschneiten Wälder Polens gelingt. Stets auf der Hut vor Soldaten und Hundestaffeln beginnt ein gnadenloser Kampf ums Überleben…

Einen typischen Vertreter des Survival-Thrillers sollte man nicht erwarten, denn die Action ist rar gesät und obgleich Mohammed nahezu ständig in Bewegung ist, ist der geneigte Zuschauer die meiste Zeit allein mit ihm in der endlosen Weite der eisigen Waldlandschaft.
Über seinen Hintergrund erfährt man indes fast gar nichts, die politische Gesinnung bleibt, bis auf wenige Andeutungen per Flashbacks weitgehend im Dunkeln, zumal der Mann nicht ein einziges Wort von sich gibt und im Verlauf nur selten Personen trifft.

Vielmehr ist es die Entwicklung eines Individuums in einem fremden Land bei völliger Desorientierung. Mohammed wird vom Gefangenen zum Flüchtigen, bis nur noch die animalischen Instinkte in ihm funktionieren.
Dabei baut Skolimowski primär auf optische Kompositionen, verstärkt die Hilflosigkeit durch lange Kamerafahrten, um kurz darauf Details der verschneiten Natur hervorzuheben und dadurch eine fast meditative Stimmung aufkommen zu lassen, wozu der zum Teil leicht schräg klingende Score ebenfalls beiträgt.

Gallo opfert sich für die Rolle sichtlich auf, stapft phasenweise barfuss durch Minustemperaturen, futtert Ameisen und Baumrinde, um gegen Ende auf recht ungewöhnliche Weise an Milch zu gelangen, was im bildlichen Sinne gesprochen nicht jedem Betrachter schmecken dürfte.
Zumindest nimmt man dem Mimen jeden Moment der Tour de Force ab, was nicht unerheblich zur Glaubwürdigkeit des Geschehens beiträgt.

Diesbezüglich stellen sich hingegen doch einige Logiklücken und Regiefehler ein, denn nach einem Sturz ins kalte Wasser ist Mohammed in der nächsten Szene komplett trocken, Suchhunde lassen sich locker mit einer Finte in die Irre führen und osteuropäische Soldaten sind kollektiv zu blöd, um einfachen Spuren im Schnee zu folgen.
Da die meiste Zeit über nur eine Figur im Fokus ist, gerät das Treiben zudem ein wenig eindimensional, besonders im Mittelteil stellen sich kleinere Längen ein, während die Einstellung zur Hauptfigur zwischen Mitleid und Antipathie schwankt, je nach Aktion und körperlichem Umstand.
Leider fügt sich das Ende nicht so recht zum Gesamtbild, denn während man nur selten Mohammeds Sicht der Dinge verlässt, wird aufgrund des recht abrupten Ausgangs nicht klar, was wirklich Sache ist, so dass man ein wenig verdutzt auf den plötzlich einsetzenden Abspann schaut.

An sich wäre ein vermeintlicher Taliban auf der Flucht genau so ein brisantes Thema wie Folter durch US-Soldaten, doch Skolimowski bezieht zu alledem keine Position, sondern konzentriert sich auf die Urinstinkte eines Flüchtenden in fremder Umgebung. Das ist teilweise gut nachvollziehbar, zuweilen aber reichlich konstruiert und hanebüchen, doch stimmungsvoll eingefangen ist es durchgehend.
Ein stiller Streifen mit kurzen gewalttätigen Intervallen, sonderbaren Flashbacks und einem grandiosen Hauptdarsteller in atmosphärischer Umgebung.
Nicht unbedingt Stoff für die typischen Anhänger des Überlebensabenteuers, vielleicht aber auch genau für solche.
6,5 von 10

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