Es sind drei eher unspektakuläre Leben, deren Fäden der Film entwickelt und die sich sehr langsam aufeinander zu bewegen. Marie (Cécile de France) ist eine erfolgreiche Pariser Fernseh-Moderatorin, die mit ihrem Freund Didier (Thierry Neuvic), auch Produzent ihrer Sendung, in Indonesien ist, wo sie gerade Geschenke für dessen zwei Kinder kaufen will. George (Matt Damon) ist Hafenarbeiter in San Francisco, lebt allein und besucht einen Kochkurs und der minderjährige Marcus (Frankie McLaren) versucht gerade, gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Jason (George McLaren), das Sozialamt in London auszutricksen, damit dieses ihrer drogenabhängigen Mutter (Lyndsey Marshal) nicht das Sorgerecht entzieht.
Das alltägliche Drama, dass sich hinter diesen drei Leben verbirgt, wird keinen Moment durch zugespitzte Charaktere oder Situationen verstärkt. Geradezu stoisch bemüht sich "Hereafter" , sämtliche Nebenfiguren angemessen und nachvollziehbar zu gestalten. Da ist Georges Bruder Billy (Jay Mohr), ein Geschäftsmann, der möchte, dass George wieder seinen alten Job als Medium ausübt, der auch ihm viel Geld eingebracht hatte. Oder Maries Freund Didier, der seiner Freundin als Produzent eine Auszeit empfiehlt, als sie im Berufsleben nicht mehr zurecht kommt, sie dann aber schnell gegen eine andere Moderatorin austauscht. Oder Marcus und Jasons Mutter, die nachts im Drogenrausch nach Hause kommt und das Geschenk ihrer Söhne nicht wahr nimmt. Jede dieser Figuren hätte genügt, Aggressivität und Konflikte zu schüren, aber daran ist der Film keinen Moment interessiert.
Im Gegenteil macht sich "Hereafter" auf die Suche nach Nuancen, erspürt Momente der Verzweiflung und bleibt selbst in dramatischsten Situationen leise. So ruhig, wie Clint Eastwood immer wieder das selbe Musik-Motiv wiederholt, bei dem es sich um einen Ausschnitt aus Rachmaninovs zweitem Klavierkonzert handelt. Dahinter verbirgt sich nicht nur die Anspielung auf David Leans Film "Brief Encounter" (Begegnung), sondern vor allem eine Entfremdung des Lebensrhythmus. Das Klavier-Motiv wird so langsam gespielt, dass es einerseits bis zur Unmerklichkeit verändert wirkt, andererseits diesem die Melodramatik nimmt, deren ausufernde Emotionalität ein wesentliches Gegenstück zu den in gesellschaftlichen Normen gefangenen Hauptpersonen aus Leans Film bildete. Eastwood dreht diesen Effekt um, indem er den Todeserfahrungen seiner drei Protagonisten und dem schnellen Leben der Gegenwart die totale Ruhe gegenüberstellt - ein permanenter langsamer Rhythmus, der den Blick frei werden lässt für die inneren Zustände der Menschen.
Geradezu idealtypisch ist deshalb die Besetzung Matt Damons für die vordergründig schillernde Persönlichkeit des Films. Seit einer Gehirn - Krankheit in seiner Kindheit, kann George zu den Toten der Menschen Kontakt aufnehmen, deren Hände er kurz berührt. Früher hatte er eine gut gehende Praxis als Medium, hat viel Geld verdient und eine eigene Web-Seite betrieben, aber George war dem nicht mehr gewachsen und zog sich in ein ruhiges Leben als einfacher Arbeiter zurück. Damon gelingt es durch seine zurückhaltende, trotzdem jederzeit seine Gefühle spürbar werden lassende, Spielweise, einer Figur Glaubwürdigkeit zu verleihen, deren Fähigkeiten sich dem rationalen Verstand verweigern - ein Umstand, den der Film nicht beantworten will.
Der Höhe- und gleichzeitige Wendepunkt des Films liegt in seiner Begegnung mit Melanie (Bryce Dallas Howard), die zufällig seine Partnerin bei dem Kochkurs wird, den er besucht. Hier variiert Eastwood die Begegnung zwischen Mann und Frau auf Basis von Leans Film. Erschweren dort die Moralvorstellungen und Zwänge der 40er Jahre des letzten Jahrhunderts die Liebe, helfen die positiven Umstände, unter denen sich Melanie und George hier treffen, auch nicht weiter. Es sind die inneren Zwänge, entstanden aus den Erfahrungen, die Jeden prägen, die das freie Handeln verhindern.
In dem "Hereafter" (der Zusatz "Das Leben danach" ist misslungenes Werbe-Marketing) es gelingt, die unterschiedlichen Todeserfahrungen seiner drei Protagonisten nicht allein auf diese Erlebnisse zu beschränken, sondern ein komplexes Geflecht der gegenseitigen Einflussnahme und Abhängigkeit zu entwickeln, ohne dabei übertrieben psychologisch argumentieren zu müssen, bleibt er auch thematisch so zurückhaltend wie die gesamte Inszenierung. Selbst kurze Augenblicke des Schocks oder einer überraschenden Wendung, erzeugen nie den Eindruck, übertriebener Effekthascherei, verleihen dem Film aber durchgehend eine hintergründige Spannung.
Da ist es letztlich nur folgerichtig, dass sich Eastwood auch am Ende seines Films eine Variante zu Leans "Begegnung" leistet (9/10).