Review

Eine melodramatische Nahtoderfahrung


Man muss Clint Eastwood zu Gute halten, dass er sich in seinen hohen Jahren nicht scheut, offen von Alter und Tod zu sprechen. Vor kurzem hat er sich mit "Gran Torino" sein eigenes Requiem inszeniert und nun, als wäre das nicht schon morbide genug, geht es in "Hereafter" um Nahtoderfahrungen. Eastwood verleiht dem unspektakulären, melodramatischen Stoff seine alterstypisch geradlinige Note und visuelle Schlichtheit, die hier jedoch in Banalität mündet.

Der Filmplot ist aufgeteilt in drei Episoden, die gemäß modernen Drehbuchhandwerks zunächst parallel verlaufen und am Ende schließlich zusammenlaufen. Angelpunkt ist ein Mann aus San Francisco (Matt Damon), der die Fähigkeit hat, Kontakt zu Verstorbenen aufzunehmen, und früher damit sein Geld als Medium verdiente. Es ist ein typisch Eastwoodscher Charakter, ein mürrischer Einzelgänger, den seine Vergangenheit immer wieder einholt, obwohl er doch nur ein ruhiges, normales Leben führen will. Parallel dazu geht es um eine französische Fernsehjournalistin, deren Leben nach einer Nahtoderfahrung aus den Fugen gerät, sowie um einen Londoner Jungen, der durch den Verlust seines Zwillingsbruders traumatisiert wird. Die Leidensgeschichten der Figuren treffen im Verlauf der Handlung schicksalhaft aufeinander.

Dabei variiert Eastwood das Motiv des Jenseits mal ironisch, mal nüchtern und mal esoterisch überhöht durch. Das Ironische und das Nüchterne stehen dem Film noch ganz gut: So wird die Verlogenheit und Trickserei von selbsternannten Nahtodexperten in der Londoner Episode mit trockenem Humor durch den Kakao gezogen. Auch verzichtet Eastwood wohltuenderweise darauf, die Kontaktaufnahmen des echten Mediums Matt Damon allzu effekthascherisch zu bebildern. Doch befreien kann er sich von den Klischees der Thematik nicht. Das Außerkörperliche der Nahtoderfahrung darf ebensowenig fehlen wie die sorgsamen Ratschläge der Toten an ihre Hinterbliebenen. Bedeutungsschwangeres Gefasel über das Leben nach dem Tod gibt es auch. Für den Blick in das Totenreich greift Eastwood auf grell verwischte Flashbacks zurück. Das hat man alles schon gefühlte 1000 mal gesehen.

Auch sonst kann die Bildgestaltung des Films im Kino kaum überzeugen. Da das Drehbuch recht redselig ist, verhedderet sich der Film in einer Kette von eher einfallslos abgefilmten Dialogszenen beim Essen, beim Trinken, beim Kochen, usw. Dazwischen strukturieren touristisch anmutende Establishing Shots die Abfolge der Handlungsorte - Panoramen von San Francisco, Paris, London und den Alpen. Das ist zwar handwerklich solide, aber eben auch banal und am Rande der TV-Optik (was man aufgrund des geringen Filmbudgets ebenso an den schwachen CGI-Effekten sieht). Einstellung für Einstellung hangelt sich der Film routiniert durch die Dialogdramaturgie. Die Kamera schweift so gut wie nie ab, nur selten vertieft sie sich einmal in die Figuren oder die Atmosphäre ohne die Handlung vorantreiben zu müssen. Es fehlt irgendwie das Cineastische. Die kammerspielhafte Tiefgründigkeit eines "Million Dollar Baby" oder "Mystic River" wird nicht erreicht.

Es scheint, dass Clint Eastwoods anachronistischer Stil hier zu einer Marotte geworden ist, einer irgendwie belang- und leidenschaftslosen. Selbst der gelegentliche Einsatz seiner selbstkomponierten Gitarrenmusik wirkt auf aufdringliche Weise gefühlsduselig. Zu sehr klingt sie nach dieser abgedroschenen "I'm so lonesome I could cry"-Romantik. Vielleicht gibt aber auch die esoterisch unterfütterte und konstruierte Handlung nicht mehr her als ein leidlich originelles Stück Dialogkino mit Hang zum Melodrama.

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