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Es war ja überall zu lesen: Clint Eastwood ist jetzt so um die 80, da läßt bei den meisten Regisseuren die Schaffenskraft für gewöhnlich enorm nach, wenn sie sich nicht schon längst selbst aufs Altenteil zurückgezogen haben. Schließlich ist es nicht einfach, mit den filmischen Entwicklungen und dem Massengeschmack über ein halbes Jahrhundert mitzuhalten.
Also war für die meisten Kritiker "Hereafter" auch schon eines: eine Reflexion über den Tod, der ja in absehbarer Zeit anstehen müßte.
Aber genausowenig, wie man der Filmikone Eastwood zugestehen würde, daß sie irgendwann einfach sich der Zeit ergibt, genausowenig fokussiert auf das Thema wirkt "Hereafter".

Stattdessen wirkt Eastwoods Arbeit in diesem geradezu unaufdringlich und versöhnlich, wenn er drei Personen, die einen Bezug zu Todeserfahrungen hatten oder haben in separaten Handlungssträngen nebeneinander stellt, bis sich deren Wege an einem bestimmten Punkt kurz überkreuzen, obwohl sie in ihren Wünschen und Absichten schon längere Zeit miteinander vernetzt sind.
Praktisch atlantikübergreifend beobachtet er das Leben des ehemaligen Mediums George (Matt Damon), der sich von seiner kinderkrankheitsbedingten Fähigkeit, mit den Toten Kontakt aufnehmen zu können, aus dieser Tätigkeit zurückgezogen hat, die ihm sein geschäftstüchtiger Bruder immer wieder schmackhaft machen will. Stattdessen sucht George ein Leben in Normalität, mit einem gewöhnlichen Werftjob und einer normalen Wohnung, ohne jedoch die Isolierung als Individuum vermeiden zu können, weil er bei jeder Berührung sofort ins Zwischenreich abdriftet.
Zugleich hat die Französin Marie in Asien eine persönliche Todeserfahrung, als sie von den Wellen eines Tsunami in einer überspülten Feriensiedlung verschluckt wird und beinahe im Inferno ertrinkt. Was sie oder ihr Bewußtsein dabei erlebt oder zu erleben glaubt, kann sie im weiteren Leben als TV-Moderatorin und politische Journalistin auf Dauer nicht mehr unterdrücken und fokussiert nach und nach ihre Kräfte auf die Publikation ihrer Erfahrungen und den medialen Umgang mit diesem Thema.
Gleichzeitig verliert in London der junge Marcus bei einem Autounfall seinen Zwillingsbruder Jason, also eine genetische Trennung, die schwerer zu vollziehen ist - und die, wie der Junge glaubt, nicht vollzogen wurde, so daß Jason noch über ihn wacht.

Dabei geht es Eastwood erwartungsgemäß nicht um die Frage, ob es ein Leben nach dem Tod gibt, sondern um die Veranschaulichung, wie man mit so einer Situation umgehen kann, wie man es vielleicht tun würde und in welcher Beziehung die einen umgebende Welt dann zu so einer Person stehen würde. Das gelingt ihm auf überraschend ruhige, fast organische Weise, fast ganz ohne Effekthascherei, wie die optisch mehr als eindrucksvolle Flutkatastrophensequenz gleich zu Beginn vermuten lassen würde. Es geht nicht ums Recht oder Unrecht haben, es geht um den Umgang damit, es geht um Visualisierung der Möglichkeiten, die man bei der Auf- oder Verarbeitung hat. Der Junge muß schließlich Eigenständigkeit für den weiteren Lebensweg bewahren, Marie setzt sich mit dem ungewollten Thema bei einer breiteren Masse Lesern durch und erfährt Verständnis, George jedoch scheitert am Ausgangspunkt seines Lebenswunsches, als er eine vielversprechende Freundschaft mit einer Frau vorausahnend opfert, als er ihr die Wahrheit über seine Fähigkeit gesteht und alles genau so kommt, wie er es befürchtet.

Das ist dann aber auch das dramaturgische Problem bei diesem visuell eindrucksvollen Zweistünder: es geschieht weder etwas, was man sich nicht sowieso langfristig vorstellen kann und nichts davon ist emotional mitreißend, denn alle drei Figuren beschäftigen sich mit einem Thema, das man nur in diesem Fall filmisch aufarbeiten kann, mit dem die meisten Zuschauer aber keine Erfahrungen haben und deswegen schwerer nachvollziehen können.
Folgerichtigkeit hat aber keinen Überraschungseffekt - wohl auch ein Grund dafür, daß der Verleih dazu überging, "Hereafter" im Trailer mehr als so eine Art Jenseits-Thriller mit Action zu verkaufen - so daß man mittels der Vorhersagbarkeit leider nicht immer den nötigen Reiz verspürt, sich wirklich in die Figuren zu vertiefen. Stattdessen wartet man eher auf den Schnittpunkt der Lebenslinien, den Eastwood dann in einer kreativ diskussionswürdigen Entscheidung mit einer Art "versöhnlichem Happy End" garniert, das aber genauso wenig rational begründet wird, wie die Jenseitserfahrungen eine weltweit akzeptiertes Thema sind.

Möglicherweise ist der alte Hund auf seine letzten Jahre etwas weicher geworden, möglicherweise schleppt er aber auch keinen großen Ballast mit sich herum, gegen den er ankämpft, aber "Hereafter" macht einfach noch nicht den Eindruck, daß Eastwood irgendwann demnächst "fertig" sein könnte, eher wie ein Thema, mit dem man sich halt "vor seiner Zeit" beschäftigt hat, um den Kopf frei für andere kreative Prozesse zu haben. So bleibt dem Zuschauer am Ende zwar ein entspannter Film, aber wenig Schlüssiges, stattdessen dann doch einige dramaturgische Klischees und die Möglichkeit, sich aus der Wundertüte "Leben nach dem Tod" irgendetwas Buntes oder Passendes herauszugreifen, ohne alles vorkauen oder vorschreiben zu wollen.
Entspannend, seelisch beruhigend, aber letztendlich ein wenig zu beliebig. (6/10)

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