Wenn es um das Thema Kindesmissbrauch geht, driften viele Geschichten arg in Klischees und Sentimentalitäten ab, um dem Zuschauer eine heilende Welt aus Sicht des Opfers vorzugaukeln. Die andere Variante ist die des Rächers in Form eines durchdrehenden Familienvaters auf dem Trip der Selbstjustiz, - dieser Umgang schafft zwar emotionale Genugtuung, bietet aber selten einen greifbaren Realitätsgehalt.
Regisseur David Schwimmer findet demgegenüber eine klügere Lösung, indem er sich verstärkt mit der Gefühlswelt des Opfers und seiner Eltern auseinandersetzt und dabei nie vom authentisch erscheinenden Weg abkommt.
Annie (Liana Liberato) ist gerade vierzehn geworden und chattet bis spät in die Nacht mit Charlie, einem sechzehnjährigen Volleyballer. Ihre Eltern Will (Clive Owen) und Lynn (Catherine Keener) wissen zwar davon, sehen aber kaum Anlass zur Sorge.
Allerdings beichtet Charlie nach und nach, doch wesentlich älter zu sein und als Annie ihre Internetbekanntschaft im Einkaufszentrum trifft, stellt sich dieser als Ende 30 heraus.
Trotz anfänglicher Bedenken, versteht es der Fremde, das Mädchen um den Finger zu wickeln und man landet im Hotelzimmer, wo es zum Geschlechtsakt kommt.
Kurz darauf überschlagen sich die Ereignisse, da Annies Freundin die Schule informierte, welche sich wiederum an die Polizei wandte, während für Annie und ihre Eltern eine Welt zusammenbricht…
Schwimmer lässt sich angemessen Zeit, das familiäre Umfeld Annies in Ruhe zu durchleuchten und skizziert eine auf dem ersten Blick glückliche Familie mit viel Herzlichkeit und alltäglichen Problemchen. Dabei kristallisiert sich die Problematik mit Kindern im digitalen Zeitalter rasch heraus, denn einerseits brauchen Kids ihre Freiräume und Freiheiten und andererseits ist es unmöglich, ständig zu kontrollieren oder gar auszuspionieren, womit das tragische Ereignis des späteren Missbrauchs allgegenwärtig erscheint.
Eine Stärke der Erzählung ist es, nicht den Missbrauch oder die Sicht des Täters allzu sehr in den Vordergrund zu rücken, sondern primär die Zeit danach unter die Lupe zu nehmen, was veranschaulicht, dass nachfolgende Ereignisse und Begebenheiten für Annie und ihre Eltern viel schlimmer sind als die eigentliche Tat.
Bei Annie zündet direkt ein Selbstschutzmechanismus, sie ist verblendet und muss erst nach und nach erkennen, dass mit ihr gespielt wurde. Will fühlt sich hingegen mitschuldig an den Ereignissen, seine Hilflosigkeit kulminiert fast in einer Psychose, an jeder Ecke den potentiellen Pädophilen zu sehen, während seine blutigen Rachegedanken in jeder Hinsicht nachvollziehbar sind. Allerdings vernachlässigt er demgegenüber das Befinden seiner Tochter und erntet zusehends den Missmut seiner Frau.
Eine weiteres Zugpferd der Geschichte sind seine Darsteller, die mit ungeheurer Intensität performen, dabei jedoch nie übers Ziel hinausschießen. Owen überzeugt eher durch seine allgemeine Zurückhaltung, durch Nuancen innerhalb der stilleren Momente, aber auch die impulsiven Rachegelüste verkörpert er stets mit gewisser Bodenhaftung.
Auch Catherine Keener performt solide als warmherzige und fürsorgliche Mutter und Ehefrau am Rande des Zusammenbruchs.
Der eigentliche Knaller ist allerdings Liana Liberato, die mit ihren seinerzeit vierzehn Jahren allen die Show stielt. Sie präsentiert ihre Annie zwischen kindlicher Naivität, dem titelgebendem Urvertrauen, der tief erschütterten Seele und der Hilflosigkeit mit derartiger Inbrunst, dass einem einige Male eine Gänsehaut überkommt.
Und das ist es, was dieses Drama über weite Teile auszeichnet. „Trust“ versucht nicht den moralischen Zeigefinger zu erheben, sondern widmet sich dem Umgang mit der Situation Betroffener, lässt Kitsch und pathetisches Getue außen vor, sondern konzentriert sich auf die glaubhaft dargestellten Emotionen, was dem Streifen zu jeder Zeit gelingt.
Tiefsinnig, hintergründig, fantastisch gespielt und sensibel inszeniert, hat David Schwimmer einen aufwühlenden Film geschaffen, der lange Zeit nachwirkt und sich einem hoch brisanten und tragischen Thema in mehr als angemessener Weise nähert.
8,5 von 10