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„Wer nicht über dich lacht, sollte lernen, dich zu fürchten!“

Álex de la Iglesia ist ein außergewöhnlicher Filmschaffender aus Spanien. Seinen Filmen wie „Aktion Mutante“, „El dia de la bestia“, „Perdita Durango“ oder „Ein ferpektes Verbrechen“ ist stets groteske Überzeichnung ebenso gemein wie beißender, wütender schwarzer Humor. Im Jahre 2010 schließlich räumte er in seinem Heimatland mit dem spanisch-französisch koproduzierten „Mad Circus - Eine Ballade von Liebe und Tod“, für den er selbst das Drehbuch verfasste groß ab, blieb hierzulande allerdings ein Geheimtipp.

Im spanischen Bürgerkrieg wird Javiers Vater von Widerstandskämpfern gegen die faschistischen Franco-Truppen zwangsrekrutiert und kommt schließlich zu Tode. Ca. 35 Jahre später tritt Javier in die Fußstapfen seines Vaters und verdingt sich als Zirkusclown – als trauriger Clown wohlgemerkt, der zusammen mit Sergio, dem lustigen Clown, auftritt. Außerhalb seiner Auftritte ist Sergio jedoch ein brutaler Choleriker und Sadist, der seine attraktive Freundin, die Artistin Natalia, misshandelt. Javier verliebt sich in Natalia, die schließlich hin- und hergerissen zwischen beiden Männern ist, welche sich ein unerbittliches Duell liefern...

Eine Inhaltsangabe wie diese profanisiert die Handlung in unzulässiger Weise, denn „Mad Circus - Eine Ballade von Liebe und Tod“ ist viel mehr, als diese paar Zeilen vermuten lassen – wenngleich sie tatsächlich das Handlungsgerüst grob umschreiben. Eine Genrezuordnung ist quasi unmöglich, es sein denn, man möchte von einer Mischung aus Kriegsfilm, Tragikomödie, Drama, Thriller/Horrorfilm und Historienepos sprechen. Doch was hier grenzenlos überfrachtet und überambitioniert klingt, wirkt trotzdem in sich stimmig und ausgewogen. De la Iglesia beginnt mit einem collagenartigen Intro, dass zeitgeschichtliche Bilder mit popkulturellen Phänomenen verbindet und dabei, beispielsweise in Form eines „Cannibal Holocaust“-Motivs, nicht vor der Filmbranche halt macht. Anschließend findet sich der Zuschauer im spanischen Bürgerkrieg wieder und wird Zeuge grauenhafter Kämpfe sowie des Schicksals von Javier und seinem Vater. Die Bilder sind ungeschönt, brutal und blutig, der Wahnsinn des Krieges, der schließlich auch die Belegschaft eines harmlosen Zirkus einholt, tobt über die Leinwand und versetzt dem Zuschauer einen derben Tiefschlag. Zeitsprung, wir befinden uns in den 1970ern. Javier, ein korpulenter, ruhiger, melancholischer Mensch, der sein Kindheitstrauma als Narben auf seiner Seele mit sich herumträgt, heuert bei einem Zirkus an. Schnell entromantisiert de la Iglesia das fahrende Volk; hinter den Kulissen werden die kaputten Charaktere deutlich, herrschen Egozentrik, Eifersucht, Missmut und nackte Gewalt. Für Liebe scheint kein Platz zu sein, selbst Sex dient in erster Linie als Ventil zur Entladung der eigenen Aggressionen. Diese allgegenwärtige Kälte und Düsternis des unwirtlichen Alltags lässt de la Iglesia spürbar werden, schreckt auch hier vor expliziten Bildern nicht zurück und kommentiert sie mit Spitzen zynischen Humors. Vor allem aber setzt er eine Gewaltspirale in Gang, die sich bis zum wahnwitzigen Finale steigern wird.

Die sich anbahnende Liebesbeziehung zwischen Javier und Natalia ist von vornherein zum Scheitern verurteilt und mündet für alle Beteiligten nicht nur in Konfrontation und Gewalt, sondern in völliger Selbstzerstörung. Zerstörte Seelen treffen aufeinander und schenken sich nichts, sondern ziehen sich gegenseitig in einen Strudel zum Abgrund der Unmenschlichkeit und des Verfalls, physisch wie mental.

Der Konflikt dieser unglückseligen Dreierkonstellation lässt die inneren Dämonen des introvertierten Javiers nach außen treten, was sich auch in schockierenden Selbstverstümmelungen manifestiert, die aus ihm den wandelnden Wahnsinn machen, der schließlich über Leichen geht. Spätestens ab diesem Punkt ist „Mad Circus - Eine Ballade von Liebe und Tod“ plakativ-überzeichnet ins Comichaft-Groteske, als wohne man der Entstehung eines Superschurken aus den psychopathologischen Untiefen beispielsweise des DC-Universums bei: Der Joker geht eine Symbiose mit dem Pinguin ein und ergreift Besitz von Javier. Er bezieht eine morbide eingerichtete Höhle, der Film wird zum beinharten Psycho-Thriller mit Horrorelementen. Die Reaktionen darauf bestehen in einem Wechselbad der Gefühle; man erschrickt, man lacht, man wendet sich angewidert ab. Was de la Iglesia hier zelebriert, ist der Wahnsinn hochemotionaler Beziehungen, der Fatalismus gepeinigter Seelen, aber auch das fleischgewordene Trauma der spanischen Gesellschaft nach 36 Jahren faschistischer Franco-Diktatur und entsolidarisierter Zerrissenheit. Es ist der Amoklauf des lange verborgen Schlummernden, die hässliche Fratze des gekränkten inneren Widerspruchs, die sich Bahn bricht. De la Iglesias Film funktioniert auf beiden Ebenen, der persönlichen, zwischenmenschlichen ebenso wie der metapherreichen, parabel- und symbolhaften, die die jüngere Geschichte Spaniens aufrollt. Nahezu beiläufig kommt es immer wieder zu Überschneidungen mit wichtigen geschichtlichen Ereignissen des Halbinselstaats wie z.B. dem Attentat auf Franco. Javiers Wege kreuzen sich tatsächlich noch einmal mit Franco und seinen Schergen, die mittlerweile anscheinend weitestgehend akzeptiert fest im Sattel sitzen und als eine perfide Art von Normalität empfunden werden. Diese Situationen nutzt de la Iglesia für Rachefeldzüge Javiers, die de la Iglesias eigene zu sein scheinen. Die Art und Weise, wie diese geschichtlichen Orientierungspunkte nach dem dominanten Auftakt in die Handlung eingebunden werden, sind bemerkenswert, da ihr gerade genug Bedeutung beigemessen werden, um ihren Einfluss zu verdeutlichen, sie jedoch nicht direkt die persönliche Ebene des Films okkupieren, obwohl sie doch so allgegenwärtig sind. Geschichtsbewältigung à la de la Iglesia, zwischen Unaufgeregtheit und totaler Hysterie.

Das große Finale über bzw. auf den Dächern der Stadt ist die Konsequenz aus den vorausgegangenen Ereignissen, ein gegenseitiges Zerfleischen ohne Rücksicht auf Verluste, bis das, was eigentlich zählt, endgültig aus den Augen verloren und schließlich zum unwiederbringlich ausgelöschten, für immer verlorenen Opfer wird. Am Ende sind sie dann tatsächlich, was sie stets vorgaben zu sein: Lachende und weinende Clowns. Ja, auch trotz einiger weniger nicht gänzlich gelungener Tricktechniken und ebenso wenigen nicht ganz passenden Albernheiten ist das Finale ein großartiger Schlusspunkt unter 107 Minuten grassierenden Wahnsinns – und trotz allem so romantisch, entlarvend-romantisch, beißend-romantisch... anti-romantisch? Wie auch immer man „Mad Circus - Eine Ballade von Liebe und Tod“ interpretieren, auf welche Auslegungsmöglichkeit man mehr Gewicht legen möchte, es ist ein Film, der – ein ausreichend sensibles Publikum vorausgesetzt – tief berührt, trotz oder gerade wegen seiner Unorthodoxheit. Ihren entscheidenden Teil tragen dazu zweifelsohne die Schauspieler bei: Carolina Bang mimt in ihrer anscheinend ersten Spielfilmrolle die idealisierte, scheue, elfenhafte Schönheit, von der man interessanterweise erstaunlich wenig erfährt und man sich fragen darf, wie viel die um sie Buhlenden überhaupt von ihr wussten. Ihr wird vorrangig eine Katalysatorfunktion für Javiers Ausbruch zuteil. Antonio de la Torre („Torrente – Der dumme Arm des Gesetzes“) erfüllt die Rolle des unberechenbaren Soziopathen nicht nur glaubwürdig, sondern auch durchaus furchteinflößend und mit dieser für den Film wichtigen Ambivalenz, die seine Gefühle für Natalia glaubhaft erscheinen lassen. Wie viel Opfer steckt in diesem Täter? Was hat ihn zu dem gemacht, was er ist? Diese Fragen wirft der Film, wirft seine darstellerische Leistung auf. Carlos Areces („Super Drama Movie“) in der Hauptrolle als Javier ist der unscheinbare Dicke, auf dem man herumhacken kann – bis seine Seele der Pein überdrüssig ist, sich zur Wehr setzt und er ein Ziel vor Augen unnachgiebig verfolgt. Eine unglaubliche Leistung, die Areces hier abliefert, voller Mut zu Hässlichkeit, Leidensfähigkeit einer breiten Emotionspalette, die vom ruhigen, nachdenklichen Typen über den sehnsüchtigen, zärtlichen, liebenden Gentleman bis zum schreienden Amokläufer alles abdeckt. Die Nebenrollen sind mit zu großen Teilen herrlichen Charakterköpfen besetzt worden und allein schon deshalb sehenswert. Seine bunten Bilder der 1970er versteht de la Iglesia als atmosphärische Tristesse zu inszenieren, eingefangen von einer entfesselten Kamera in authentischen Kulissen.

Mit „Mad Circus - Eine Ballade von Liebe und Tod“ hat de la Iglesia seinen ureignen Stil auf die Spitze getrieben. Sein bisher bester Film, ein anarchisches, schmerzhaftes Meisterwerk, ein Epos des Wahnsinns, von dem ich nicht glaube, dass er es noch übertrumpfen können wird. 8,5/10 Punkte nach einer Erstsichtung, die einen erschöpften, doch faszinierten und glücklichen Rezipienten zurückgelassen hat.

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