Es ist schon mitunter bemerkenswert mit welcher zielsicheren Leichtigkeit es den Briten regelmäßig gelingt per Serienformat einem eigentlich ausgeloteten Thema Neues abzugewinnen. Während etwa "Dead Set", trotz des wahrlich ausformulierten Themas der Untotenbelagerung, mit Witz, Spannung und konsequenter Härte zu begeistern wusste, ist der BBC mit „Sherlock“ ein wahrer Geniestreich gelungen – zumindest was die Pilotfolge angeht.
„Sherlock“ transportiert die verschrobenen Charakterkreation Conan Doyles perfekt in das 21. Jahrhundert. Ja, dieser Holmes nutzt Handy und PC, eine Tatsache die mir zu Beginn wirklich sauer aufstieß. Aber schon nach wenigen Minuten hat man diesen Fakt akzeptiert. Das liegt zum einen an der frischen, flotten Inszenierung. Viel mehr jedoch an den Beiden grandiosen Hauptdarstellern. Benedict Cumberbatch, der auf den ersten Blick einen schmierigen, unsympathischen Eindruck macht, verleiht innerhalb kürzester Zeit der Person Holmes nicht nur die nötige überlegene geistige Glaubwürdigkeit, sondern gleich dazu noch die grandiose arrogante Überheblichkeit, die ihn eben nicht zu einem Helden, aber zu einen wahnwitzig interessanten Charakter macht. Martin Freeman wiederum spielt seinen Watson zwar zurückhaltend, überlässt das Feld aber nicht gänzlich Holmes und verkommt nie zur bloßen Staffage. Gerade die Wechselbeziehung zwischen den Beiden „Freunden“, die so unterschiedlicher kaum ausfallen könnten (als Running Gag, werden die Beiden andauernd für ein schwules Pärchen gehalten) ist nicht nur unheimlich lustig sondern verleiht der Kriminalhandlung die nötige Würze.
Dabei wird, außer bei Holmes etwas sehr gewagten, aber beinahe immer zutreffenden Schlussfolgerungen, nie die Erdung zum Geschehen vergessen. Dieser Holmes wird nie seine Freizeit im Boxring verbringen, wie beim im Vergleich misslungenen Guy Ritchie-Film. Nein, dieser Holmes ist der ursprünglichen Figur von Doyle viel näher, ein mit blendender Intelligenz gesegneter, arrogant-ignoranter, leicht psycho- … Verzeihung, soziopathischer Überdetektiv, der sich seiner Wichtigkeit für die Londoner Polizei stets bewusst ist. Oder wie eine Polizistin mutmaßt, Einer bei dem es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis ihm das Auflösen der Fälle nicht mehr reicht und er selbst zum Täter wird.
Dabei ist „Sherlock“ eine Mischung aus "Dexter" und "Dr. House", nur ohne den langweiligen Drama-Aspekt und so viel gewitzter, intelligenter, lustiger und daher – und das ist ja das Wichtigste, in der doppelten Zeit einer der erwähnten Serienfolgen – kurzweiliger. Und das mit Produktionsstandards die zeitweise vergessen machen, dass es sich u m eine TV- statt um eine Kino oder zumindest direct-to-DVD Produktion handelt. Hinzu kommt noch - sozusagen als Sahnehäubchen - das dem Drehbuch der grandiose Spagat gelingt, einerseits Versatzstücke der bekannten Fälle (in diesem: "Eine Studie in Scharlachrot") sowohl als Hommage, gleichzeitig aber komplett neu und anders zu erzählen (inklusive der Insiderhinweise. So schrieb das Opfer im Original das dt. Wort "Rache", und hier ist es eben "Rachel" - wobei nicht vergessen werden sollte, dass ein Polizist am Tatort zuerst eben "Rache" vermutet). Sowohl für Fans des alten Holmes, als auch Menschen ohne Vorkentnisse also bestens geeignet.
Sollte die Serie die hohe Qualität halten, ist sie schon jetzt (Staffel 2 wird gerade erst gedreht) auf einer Stufe mit meinen anderen Lieblingen "Breaking Bad" oder eben "Dead Set". In diesem Sinne absolute Empfehlung.
9/10