"Natürlich bin ich ein Angeber. Und das muss auch so sein."
Bereits in der ersten Staffel von "Sherlock" belegte die BBC, dass sich der bekannteste Detektiv der Welt in ein modernes Zeitalter adaptieren lässt. Auch die zweite Staffel bleibt diesem Konzept treu und modernisiert die Geschichten "Ein Skandal in Böhmen", "Der Hund der Baskervilles" sowie "Das letzte Problem" in ihrem Umfeld und in ihrer Interpretation. Trotz des Cliffhangers am Ende der ersten Staffel sind die überlangen Folgen ohne Abstriche im Verständnis einzeln sichtbar.
Erneut erweisen sich die Ermittlungen mittels Smartphone und Internet als erfrischend. Die technischen Neuerungen verändern allerdings nicht die Vorgehensweise zur Auflösung der wendungsreichen Fälle. Die Ermittlungsmethodik gleicht annähernd den klassischen Geschichten, auch wenn sich manche Handlungsstränge unterscheiden.
"Sherlock" visualisiert die Gedanken des Protagonisten in Form von Rückblenden und Texteinblendungen. Die mal lang, mal kurz geheim gehaltenen Mysterien werden daher sehr nachvollziehbar erklärt und offensichtlich.
Da sich die Figuren nicht mehr in einem Umfeld des viktorianischen Zeitalters befinden, orientieren sie sich auch an den Gegebenheiten der Neuzeit. So wird aus der neu hinzu kommenden und einstigen Opernsängerin und Schauspielerin Irene Adler eine Domina und Henry Baskerville erfährt nicht nur einen Namenswandel, sondern hat zusätzlich auch einen Hang zu Psychopharmaka.
Der aus diesem Kontext ausgelöste Witz zündet genauso gut wie die bissigen Dialoge. Gerade das Zusammenspiel der beiden Hauptfiguren bereitet immer wieder wunderbar ausfällige Ansätze, die gern auch von anderen Charakteren aufgenommen werden.
Die zweite Staffel von "Sherlock" zeichnet die Figuren kaum noch. Dadurch bleibt mehr Raum für die jeweiligen Fälle, die in einer temporeichen Weise erzählt werden, trotz allem jedoch ein wenig überladen an Informationen scheinen. Die Serie bleibt dabei angenehm bodenständig und überzeichnet seine Charaktere nicht wie zuletzt die neuere Filmreihe mit Robert Downey Jr. und Jude Law.
Durch die gleichgestellten Gegenspieler Irene Adler und Jim Moriarty, sowie der Umsetzung der beliebtesten Geschichte "Der Hund der Baskervilles" enthält die zweite Staffel ein höheres Potential als die erste. Tatsächlich leidet nur die Folge "Die Hunde von Baskerville" an leichten Abnutzungserscheinungen, während beide anderen eine enorme Dynamik durch ihre Charaktere und die einfallsreichen Wendungen vorweisen.
Dynamisch geben sich auch die verspielten Schauspieler. Benedict Cumberbatch ("Gefährten") präsentiert einen mimisch perfekten Sherlock Holmes der im schnellen Wandel eingebildet, verschroben und exzentrisch ist. Martin Freeman's ("Per Anhalter durch die Galaxis") Dr. John Watson ist der ideale Gegenpol mit einem ruhigen Gesichtsausdruck und einer gleichwertigen Position.
In Nebenrollen erheitern die eingespielten Darsteller Rupert Graves ("Sterben für Anfänger", "V wie Vendetta") als Detective Inspektor Lestrade, Mark Gatiss als Holmes' Bruder, Loo Brealey als Gehilfin Molly Hooper sowie Una Stubbs als Vermieterin Mrs. Hudson.
In der Rolle der Irene Adler erweist sich Lara Pulver als wunderbar verwegen und ambivalent, während Andrew Scott als Jim Moriarty sich ein wenig zu ambitioniert gibt.
Die zweite Staffel von "Sherlock" hält das hohe Niveau der Serie und baut es weiter aus. Durch die souveräne Inszenierung, eine komplexe Handlung, charmantem Humor, sprachlich gewandter Charaktere und einer starken Besetzung sticht die modernisierte Variante von Sir Arthur Conan Doyle's beliebtem Detektiv eindeutig sämtliche letztjährigen Verfilmungen aus. Einzig ein paar Logiklücken erweisen sich als holprig. Aber vielleicht hat hier der Rezensent durch die Masse an Input einfach nicht mehr durchgeblickt.
10 / 10