Review

Staffel 1

"Manchmal muss man etwas genauer betrachten, um seinen Wert zu erkennen."

Nach seinem Einsatz in Afghanistan fällt es dem Arzt Dr. John Watson (Martin Freeman) schwer, sich in London wieder einzugewöhnen. Seine Beschwerden werden zwar behandelt, die Therapie schlägt allerdings nicht an. Aus einer Geldnot heraus lässt er sich auf eine gemeinsame Wohnung mit dem exzentrischen Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch) ein. Der selbsternannte "consulting detective" ein komplizierter Mensch mit einem Hang zum Soziopathen. Allerdings wird er dennoch durch seine unglaublich schnelle Auffassungsgabe und seine deduktiven Fähigkeiten häufiger von Inspector Lestrade (Rupert Graves) zu Rate gezogen. Trotz der Gegensätzlichkeiten freunden sich Watson und Holmes an und begeben sich gemeinsam auf Ermittlungen.

Mit der britischen Fernsehserie "Sherlock" transportiert der Sender BBC das Urgestein des Krimigenres in die heutige Zeit und bleibt dabei doch den Prinzipien der Legende und den Figuren treu. Die Skepsis ist groß, denn bei vielen Geschichten ist eine Modernisierung auch der gleichzeitige Tod der einstigen so individuellen Atmosphäre. Umso überraschender ist, dass der doch so traditionelle Charakter selbst mit Handy und Notebook eine ungemein gute Figur macht.

Die erste Staffel besteht aus 3 Folgen die jeweils 90 Minuten erreichen. Die Episoden sind relativ unabhängig und nur lose miteinander verbunden und haben zum Teil eine literarische Vorlage. "Ein Fall von Pink" führt die Charaktere ein und bezieht sich auf "Eine Studie in Scharlachrot", "Der blinde Banker" auf "Die tanzenden Männchen". Die abschließende Folge "Das große Spiel" hat nur wenige Bezüge zu den klassischen Geschichten und erzählt etwas Neues.

Die Qualität der im Filmformat vorliegenden Folgen schwankt. Der stärkste Beitrag ist sicherlich "Ein Fall von Pink". Nicht nur, dass hier die schwierige Figureneinführung souverän gemeistert wird. Die Handlung ist packend, bietet ein hohes Tempo und baut die Kombinationsgabe von der titelgebenden Figur angenehm verspielt ein. "Der blinde Banker" dagegen enthält kein großes Mysterium ist aber dennoch regelrecht überfrachtet mit einer konventionellen Geschichte. "Das große Spiel" hat ähnliche Probleme zu schnell vorzugehen, steigert die Spannung zum Schluss aber ungemein und lässt das Ende offen.

Die Anpassungen an die Gegenwart erfolgen fließend. Moderne Hilfsmittel, wie das Internet, werden ganz natürlich in die Handlung integriert, ohne dass man sich zu weit von den klassischen Romanen und Geschichten entfernt. Die Charaktere bleiben gleich mit ihren bekannten Gepflogenheiten und Eigenarten. Somit enthält "Sherlock" auch eine gehörige Portion Humor, der sich aus sarkastischen Bemerkungen, frechen Dialogen und homoerotischen Bezügen zusammensetzt.

Aus technischer Sichtweise erreicht die Serie annähernd Filmniveau. Dies bewirkt nicht nur die überlange Laufzeit einer Folge sondern auch die Kameraführung, die Musik und der Schnitt. Die Bilder sind sehr sauber und klar und mit ein paar visuellen Einfällen gespickt. So schweben erhaltene Kurznachrichten in Textform über das Bild oder werden ganze getippte Texte und Mails dargestellt. Information ist ein wesentlicher Faktor für das Publikum, die die zahlreichen Geheimnisse somit schnell nachvollziehen können.

Die hervorragende Besetzung macht einen wesentlichen Teil aus. Benedict Cumberbatch ("Star Trek Into Darkness", "12 Years a Slave") und Martin Freeman ("Per Anhalter durch die Galaxis") harmonieren ungemein. Von ihrem Austausch lebt die ganze Serie und erhält ihren ganz besonderen Reiz. Während Freeman eher als moralischer Kompass mit etwas angezogener Handbremse spielt, dreht Cumberbatch mächtig auf, verfällt jedoch nie in ein zu überzogenes Spiel. Beide verleihen ihren Charakteren eine besondere Eigenständigkeit, die sich von bisherigen Verfilmungen abhebt.

"Sherlock" punktet mit tollen Dialogen, erfrischendem Humor, ausgefallenen Ideen und tollen Darstellern. Die Modernisierung steht dem traditionellem Charakter überaus gut, der selbst eher klassisch bleibt. Nur die Schwankungen der einzelnen Geschichten sowie die überladenen Geschichten, denen manchmal schwer zu folgen ist, trüben das Gesamtbild.

8 / 10

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