Waves of Lust (1975)
In Deutschland dürften Ruggero Deodatos bekannteste Filme wohl "Cannibal Holocaust", "Cut&Run", "Mondo Canniable 2" und "Der Schlitzer" sein. Dank dieser Werke konnte sich der Italiener bei vielen Genre-Freunden einen Platz im DVD-Regal sichern. Selbstverständlich sollte man sich auch der Tatsache bewusst sein, dass viele Deodato-Filme aufgrund diverser Szenen immer ein wenig Empörung auslösen. An dieser Stelle sei an den Tiersnuff aus "Cannibal Holocaust" erinnert, der bei vielen OFDb-Autoren zu einem regelrechten Boykott des Films führt. Diese Fokussierung auf einen einzelnen Aspekt bewirkt jedoch bei einigen eine völlige Ausblendung sämtlicher Qualitäten. "Waves of Lust" erschien 1975. Bereits in diesem Film veranschaulicht Deodato sein Potenzial, das ihn in den kommenden Jahren zu einem der besten Horror-Regisseure Italiens reifen lassen wird.
"Waves of Lust" soll jedoch kein Horrorwerk darstellen. Eher könnte man den Film als einen Erotik-Thriller wahrnehmen, der aufgrund einer reduzierten Anzahl an Charakteren und seinem Schauplatz auf hoher See ein klaustrophobisches Gefühl suggerieren möchte. Dabei findet ein ständiger Wechsel zwischen den gelungenen Softsex Szenen und den spannungsgeladenen Momenten statt.
Das Ehepaar Giorgio (John Steiner) und Silvia (Elizabeth Turner) unterhalten eine sadomasochistische Beziehung, in der Giorgio die dominante Rolle verkörpert. Eines Tages treffen die beiden auf das junge Paar Irem (Al Cliver) und Barbara (Silvia Dionisio) und entschließen sich, ihre neu gewonnenen Freunde auf eine idyllische Tour einzuladen. Der wohlhabende aber zutiefst egozentrische Giorgio stellt zu diesem besonderen Anlass seine Yacht zu verfügung. Es dauert nicht lange bis die heitere Stimmung in einem Strudel aus sexuellen Intentionen und zu viel Alkohol versinkt.
Die Fähigkeit Deodatos sehr ästhetische Bilder einzufangen, hat mich keineswegs überrascht. Diverse Unterwasserszenen und Einstellungen der untergehenden Sonne über paradiesischen Inseln verbreiten ein Gefühl der Sicherheit und besänftigen den Zuschauer, um ihn infolgedessen mit unerwarteten Momenten tiefer zu berühren. Der Kontrast zwischen der vorgetäuschten Idylle und den unvorhersehbaren Verhaltensweisen der vier Protagonisten hält den Film in einem ausgewogenen Zustand der Balance.
Richtig Freude bereiteten mir die Schauspieler, die unter Genrekennern wohl keine Unbekannten sein dürften. Die umtriebigen Gesichter von John Steiner und Al Cliver sollten von jedem Freund italienischer B-Filme wiedererkannt werden. Cliver stand unter anderem vor der Kamera von namenhaften Regisseuren wie Lucio Fulci und Joe D´Amato. John Steiner arbeitete mit Dario Argento, Tinto Brass und Antonio Margheriti.
Die jungen Damen verlieren in "Waves of Lust" einige Male die gesamte Bekleidung und präsentieren ihre schönen Körper ohne Hemmungen. Diese Ingridienzen kulminieren selbstverständlich in äußert gelungenen Koppulationsszenen, die zu keinem Zeitpunkt einen deplazierten oder lächerlichen Charakter offenbahren.
Nun komme ich zu einem Punkt, an dem viele Autoren (in Bezug auf andere Werke) ihre Sachlichkeit verlieren. An einer Stelle des Film wird ein Aal auf brutalste Art und Weise getötet, um den zutiefst sadistischen und egozentrischen Charakter Giorgios zu betonen. Es liegt auf der Hand, dass ein solches Vorgehen für keinen Film gerechtfertigt erscheint. Doch man sollte als reflexionsfähiger Zuschauer italienische Genrefilme aus den 1970er Jahren mit einer gewissen Distanz betrachten. Das Massakrieren von Tieren war zu dieser Zeit ein gängiges Stilmittel, das inakzeptabel erscheint und folglich aus den meisten Genrefilmen verschwunden ist. Die Verwerflichkeit einer einzelnen Szene sollte jedoch niemals die Qualitäten eines Films in den Schatten stellen, geschweige denn eine tiefe Verachtung für das Schaffen des Regisseurs mit sich ziehen.
Das Interesse der meisten Leser an dieser Rezension beschränkt sich wohl auf die sogennanten "Goreszenen" (ohne an dieser Stelle meine Abonnenten verärgern zu wollen, die sicherlich an unterschiedlichen Qualitäten eines Werks Interesse haben!) Den Gefallen einer detaillierten Beschreibung der blutigen Stellen werden ich an dieser Stelle nicht liefern! Versteht mich nicht falsch, mir gefallen Goreszenen sehr gut, doch dieser Film besitzt andere Aspekte, die eine nähere Betrachtung verdient haben.
"Waves of Lust" hinterließ einen positiven Eindruck.
7,5 Punkte